Satire

Tintenfisch Paul stellt Chinas Führung auf die Probe

Johnny Erling aus Peking, 23. Juli 2010 18:51
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    Foto: nanfang zhoumo

    Der chinesische Paul: Das karikierte Tintenfisch-Orakel spricht in den Worten hoher Funktionäre der chinesischen Regierung.

Die Krake orakelt mit Originalzitaten von KP-Funktionären – Zensur verschläft die Satire-Attacke

Vertragen KP-Führer Satire? Die Probe aufs Exempel mit ungewissem Ausgang wagt jetzt die mutige, in Kanton erscheinende Wochenzeitschrift Nanfang Zhoumo, die für ihre Kritik schon oftmals von den Propagandabehörden abgestraft wurde. Die landesweit verbreitete Zeitschrift führt in ihrer jüngsten Ausgabe ein "exklusives Interview" mit dem auch in China vielgeliebten deutschen Tintenfisch-WM-Orakel. Auf den ersten Blick scheint sie sich nur über den Rummel um Paul lustig zu machen: Auf einer begleitenden Karikatur zum Interview gesteht der Tintenfisch, er habe keine Ahnung, ob die Immobilienpreise in China steigen oder fallen. Das sei viel schwerer als Fußball zu deuten: "Selbst ich, Paul, kann das nicht voraussagen." In der Überschrift lässt sie Paul sagen: "Ich habe keine Angst, dass andere mich als Schwindler entlarven."

Der Titel ist doppeldeutig gemeint. Denn Pauls Antworten im fiktiven Interview sind alle wahr. Sie stammen nur nicht vom Tintenfisch, sondern von Mitgliedern aus der chinesischen Politbüro-Mannschaft, die manche Spötter ja auch eine Krake nennen. Die Nanfang Zhoumo legt Paul von ihr abgewandelte, markante Sprüche chinesischer Führer und KP-Funktionäre in den Mund, die in anderem Zusammenhang gefallen sind. Die Zensurbehörden haben es nicht gemerkt: Die Realsatire wurde jetzt zur Gaudi für Blogger im Internet.

Bisher fanden sie sieben Originalzitate wieder. Etwa die berühmte Entgleisung des designierten Staats- und Parteichefs Xi Jinping, der auf einer Mexikoreise sagte, was er über ausländische Kritiker wirklich denkt. Er beschimpfte die "satten Ausländer", die nichts Besseres zu tun haben, als an China herumzumäkeln. "Wie erdreistet ihr euch dessen? China exportiert weder Revolution noch Hunger und Elend und kommt euch nicht in die Quere."

Paul sieht das ähnlich. Die Nanfang Zhoumo lässt ihn jegliche Kritik an ihm zurückweisen: "Ich exportiere keinen Terrorismus noch irgendwelche Ideologien. Warum wollt ihr mich kochen?"

Die Satire spielt geschickt mit der Tradition der versteckten Anspielungen. Ein englischsprachiges Regierungs-Webportal hatte zuletzt das vermeintlich so lustige Interview mit Tintenfisch Paul übersetzt - als Beispiel, wie viel Humor doch die Chinesen haben. (DER STANDARD, Printausgabe 24./25.7.2010)

 

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Posting 1 bis 25 von 46
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Der Derjenige
24.07.2010 11:44
Der paul macht sich viele feinde

Deutsche, Niederländer, Engländer, Argentinier und jetzt auch noch die chinesische Regierung, ich frage mich ob das noch gut ausgeht , wer weiß vielleicht würde er von gott geschicht um uns mit seinem unendlichen wissen zu bereichern.

Was meint ihr ???

Militanter Pazifist
23.08.2010 12:11
Solang er sich's nicht mitm Putin verscherzt...

Sonst landet mal ganz zufällig ein alter Reaktorbrennstab im Aquarium.

ministry of silly walks
24.07.2010 17:22

in den o.g. Ländern wird er es sicher nicht zum Wappentier schaffen

virtualboy
24.07.2010 10:33

Tintenfisch Paul sollte besser aufpassen. Bald wird er grausam gefoltert, vor Zuschauern im Stadion hingerichtet und seine Organe am Fischmarkt verkauft. Ach ja und im nächsten Schritt kommen dann noch die Gehirnamputierten Parteiindianer, die dann Greuelpropaganda über Paul erzählen, so wie es beim Dalai Lama passiert.

Nick Tameer
15.08.2010 18:31

Wenn ich einen geistigen Lehrer suchen würde, würde ich allerdings Paul vorziehen, da er mir die übersinnlicheren Fähigkeiten zu haben scheint, noch nie reaktionäre Sprüche geklopft hat, nicht so unappetitlichen Freunde wie Roland Koch hat und keinen so einen lachhaften Titel wie "Ozean der Weisheit" trägt.

The_new_number_2
27.07.2010 14:33

"grausam gefoltert", "Organe am Fischmarkt verkauft"
vs.
"Greuelpropaganda"

Süß.

Aracni Santini
24.07.2010 10:23
jeder beeinflußt die anderen

die am globalen Handel teilnehmen. Aktio und Reaktio. Wie vernagelt und hasserfüllt (oder neidisch?) sind die Chinesen? Sie müssen dazu lediglich den eigenen Arbeitsmarkt reformieren um ebenso ein gutes Leben zu haben. Es muss genug Geld im Umlauf sein, dass jeder am Handel, an seinem Erfolg teilhaben kann. Wenn einer Gemüse produziert und sein Nachbar kein Geld zum Kaufen hat, dann nutzt dem einem das schönste Gemüse nichts...

johngillis
 
02.08.2010 00:30

außer die nachbarn produzieren reis, möbel, autos...
dann kann man tauschen

Aracni Santini
24.07.2010 10:18
Elend exportieren - man kann sich vor der Verantwortung drücken

Sicher exportiert man mit den Produkten auch die Lebensbedingungen der Menschen, die diese produziert haben. Denn die Welt steht auf den Märkten im Wettbewerb. D. h. die anderen Staaten müssen soziale Errungenschaften aufgeben. Außer China führt auch eine gewisse soziale Grundsicherheit ein + Mindestlöhne. Vielleicht sollten sie lieber über die eigene Armut ihrer Bevölkerung nachdenken als die Welt mit Billigschrott zu überschwemmen. Gibt man den Leuten kein Geld oder nicht ausreichend können sie am Handel nicht teilhaben und auch nicht ihr eigenes Leben durch Eigeninitiative (vgl. Mikrokredite) verbessern. Sie sind dann ausgeschlossen und die Synergien bleiben ungenutzt.

Nick Tameer
15.08.2010 18:40

Sie scheinen seltsame ökonomische Vorstellungen und auch nicht viel Ahnung vom gegenwärtigen China zu haben, das sich - obwohl es sicher viel Willkür und soziale Ungleichheit gibt - nicht so leicht über einen Kamm scheren lässt.

merlot46
24.07.2010 16:29

Ja, Sie haben recht. Auch beim Globalen Welthandel gilt: "Es kann nicht zusammen wachsen, was nicht zusammen gehört" Am Beispiel China: es hält die Lohnkosten inklusive Sozialleistungen auf niedrigstem Niveau, kann Rohstoffpreise zahlen wie kein anderer Produzent, sticht also auch damit den Mitwerb aus und pfeift sich um keine Umweltstandards. So überschwemmen die unter ungleichen Bedingungen produzierten Waren die kultivierten Volkswirtschaften und einige wenige Handelsketten verdienen sich daran Goldene Nasen. Der Rest ist, ganze Branchen brechen weg und produzieren statt Waren Arbeitslose. Und das Ganze heißt "Globalisierung".

Galina Ulanowa
24.07.2010 14:58
Ja genau

China soll 1,3 Milliarden Menschen einen "westlichen Lebensstandard" bieten. Inklusive Zweitauto und Häuschen im Grünen. Ganz nebenbei läuft die Industrialisierung und der Wandel von einem Agrarstaat in eine moderne Wissensgesellschaft statt.

Und nachdem der Westen in den vergangenen Jahrhunderten durch massivste Ausbeutung (vom Kolonialismus zu den Ziegelböhmen) reich geworden ist und seit 100 Jahren massig CO2 in die Atmosphäre pumpt soll China auf einmal wegen der Erderwärmung auf seine Industrialisierung verzichten.

Und Europa? Möglichst billig importieren, möglichst billig produzieren? Outsourcing und Globalisierung nach Indien und China?

Verantwortung trägt kein einzelnes Land. It's the system stupid, auch bekannt als Kapitalismus.

sturmy
24.07.2010 09:17
die grillen Paul früher oder später...

spookster
24.07.2010 00:59
Na wie jetzt?

Die Krake oder der Kraken?
Bitte um Aufklärung. Dachte auch es wäre die Krake.

Nick Tameer
15.08.2010 18:24

Darüber kann man streiten. Denn das norwegische Wort heißt an sich zwar "krake", aber seine bestimmte Form wird entsprechend einer den skandinavischen Sprachen gemeinsamen Regel im Singular ohne bestimmten Artikel durch Anhängen eines -n gebildet wird, so dass "kraken" "der Krake[n]" bedeutet (wenn ein Adjektiv hinzutritt, wird allerdings ein bestimmter Artikel verwendet und das angehängte -n verschwindet wieder).

Joerg A.
19.08.2010 08:18

Doof nur, dass der Krake auf Norwegisch "blekksprut", vielleicht am ehesten mit "Tintenspritze" zu übersetzen, heißt.

roma753
24.07.2010 13:51
die diskussion wurde schon verfilmt

-Pintel: "Und ich glaube sowie so nicht, dass es Kraken heißt. Ich hab immer gehört, dass man Krake sagt." Raggetti: "Mit hinten ohne "n"? Nein, nein, nein, nein, "Kroken" wird es original skandinavisch ausgesprochen. Und da ist Kraken viel näher dran." - Pintel: "Wir sind aber keine Original-Skandinavier. Krake!" Raggetti: "Das"n mythologisches Ungeheuer. Kann ich nennen, wie ich will."

mir ist es egal, ich hab ein glas voll dreck

Joerg A.
19.08.2010 08:16

Nur, dass das, was im Norwegischen "Kroke" gesprochen und "kråke" geschrieben wird, die Krähe und nicht der Krake ist.

Hunter Stockton Thompson
24.07.2010 10:00
Andreas Zwettler
24.07.2010 12:02

haha großartig, danke

MyStone
23.07.2010 23:47
Die Kommis werden schon einen Weg finden, Paul zum Schweigen zu bringen

fussballgott11
24.07.2010 00:19

kommis...

sind sie texaner?

johann potakowskyj
 
23.07.2010 23:33
und dann der link

zum standard.at/Kochbuch

die Satire nimmt scheint's kein Ende,

Tong P
23.07.2010 21:57
Stelle

mir gerade vor, das in Zukunft politische Entscheidungen, in Europa, vom Fressverhalten eines Octopus abhängig sein werden.

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