Die Krake orakelt mit Originalzitaten von KP-Funktionären – Zensur verschläft die Satire-Attacke
Vertragen KP-Führer Satire? Die Probe aufs Exempel mit ungewissem Ausgang wagt jetzt die mutige, in Kanton erscheinende Wochenzeitschrift Nanfang Zhoumo, die für ihre Kritik schon oftmals von den Propagandabehörden abgestraft wurde. Die landesweit verbreitete Zeitschrift führt in ihrer jüngsten Ausgabe ein "exklusives Interview" mit dem auch in China vielgeliebten deutschen Tintenfisch-WM-Orakel. Auf den ersten Blick scheint sie sich nur über den Rummel um Paul lustig zu machen: Auf einer begleitenden Karikatur zum Interview gesteht der Tintenfisch, er habe keine Ahnung, ob die Immobilienpreise in China steigen oder fallen. Das sei viel schwerer als Fußball zu deuten: "Selbst ich, Paul, kann das nicht voraussagen." In der Überschrift lässt sie Paul sagen: "Ich habe keine Angst, dass andere mich als Schwindler entlarven."
Der Titel ist doppeldeutig gemeint. Denn Pauls Antworten im fiktiven Interview sind alle wahr. Sie stammen nur nicht vom Tintenfisch, sondern von Mitgliedern aus der chinesischen Politbüro-Mannschaft, die manche Spötter ja auch eine Krake nennen. Die Nanfang Zhoumo legt Paul von ihr abgewandelte, markante Sprüche chinesischer Führer und KP-Funktionäre in den Mund, die in anderem Zusammenhang gefallen sind. Die Zensurbehörden haben es nicht gemerkt: Die Realsatire wurde jetzt zur Gaudi für Blogger im Internet.
Bisher fanden sie sieben Originalzitate wieder. Etwa die berühmte Entgleisung des designierten Staats- und Parteichefs Xi Jinping, der auf einer Mexikoreise sagte, was er über ausländische Kritiker wirklich denkt. Er beschimpfte die "satten Ausländer", die nichts Besseres zu tun haben, als an China herumzumäkeln. "Wie erdreistet ihr euch dessen? China exportiert weder Revolution noch Hunger und Elend und kommt euch nicht in die Quere."
Paul sieht das ähnlich. Die Nanfang Zhoumo lässt ihn jegliche Kritik an ihm zurückweisen: "Ich exportiere keinen Terrorismus noch irgendwelche Ideologien. Warum wollt ihr mich kochen?"
Die Satire spielt geschickt mit der Tradition der versteckten Anspielungen. Ein englischsprachiges Regierungs-Webportal hatte zuletzt das vermeintlich so lustige Interview mit Tintenfisch Paul übersetzt - als Beispiel, wie viel Humor doch die Chinesen haben. (DER STANDARD, Printausgabe 24./25.7.2010)