Aufgeklärt romantisch

23. Juli 2010, 17:40
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    Mary Wollstonecraft (1759-1797): So muss man sich die Heroinnen der Jane-Austen-Romane vorstellen: klug und empfindsam ...

Mit 13 verliebte ich mich in eine Feministin. Meine Angebetete zählte zu diesem Zeitpunkt 222 Jahre und lag bereits 184 unter der Erde

Richard Schuberth über Mary Wollstonecraft.

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Lieber trieb ich mich in vergangenen Epochen herum und verliebte mich von Zeit zu Zeit in deren Frauen, was den Vorteil hatte, dass diese mir - zumindest in meiner Vorstellung - mehr Gunst erwiesen als dem besten Fußballer der Klasse und nicht über Make-up und ihre neuen Streifenjeans gackerten.

Ich fand Mary Wollstonecrafts Porträt in einem Jugendbuch über die Französische Revolution, es wies die für die englische Porträtmalerei ihrer Zeit typische Legierung von äußerster Feingliedrigkeit der Züge mit sanfter Melancholie auf. Dass es sich dabei um eine Vorkämpferin der Frauenrechte handelte, steigerte meine Sehnsucht sogar. Weniger altklug ist dies, als es klingen mag, war ich doch ein Kind der 70er-Jahre. Unsexy war bloß Konformismus, jede Form des Widerstandes und der Provokation der bürgerlichen Ordnung hingegen cool und umso cooler deren Heroen und Heroinnen. All dem voran aber ging der Anblick dieses feinen, traurigen Mädchenantlitzes, in dem sich meine eigene Traurigkeit sehnsuchtsvoll verfing.

Spätere Beschäftigung mit Mary Wollstonecraft gab keinen Anlass mehr zu Verliebtheit, wohl aber zu Hochachtung - auch gegenüber ihren Widersprüchen, die die ideologischen und gesellschaftlichen ihrer Zeit und ihres Milieus waren.

Die bis zur Französischen Revolution europaweit beneidete Liberalität der englischen Gesellschaft stieß bald an ihre Grenzen - der Pfad des Fortschritts war ein gewundener. Das zeigt deutlich die Stellung der Frau, die sich mit der Verbürgerlichung der englischen Gesellschaft nicht schrittweise verbesserte, sondern - heute kaum mehr bekannt - gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen Backlash erlebte. Eine Generation zuvor, als Mary Wollstonecraft geboren wurde, hielten Frauen noch ihre Stellung in der Erwerbssphäre, traten als Unternehmerinnen, als ausgebildete Fleischerinnen, Maurerinnen, Tischlerinnen, als Schmiedinnen, Vergolderinnen oder gar als Zahnärztinnen auf. Diese hart erkämpften Positionen wurden ihnen ebenso hart wieder abgerungen: 1769 schloss die Seidenwebergilde von Spitalfields, dem größten Manufakturenviertel Europas, Frauen von besser bezahlter Arbeit aus, zehn Jahre später wurden sie londonweit aus dem Buchbindergewerbe gedrängt.

Aristokratische Untugend

Emanzipation und Gesellschaftskritik entwuchs damals vorrangig dem religiösen Milieu der Dissenter, deren oft radikale Liberalität mit Prüderie und Moralismus bezahlt wurde; in ihrer Ablehnung von einzig als aristokratische Untugend wahrgenommenem Hedonismus artikulierten sich die Werte des protestantischen Mittelstandes. Das prägte auch Denken und Fühlen der Mary Wollstonecraft.

Ihr Vater und wohl alle Männer, die sie die ersten zwanzig Jahre ihres Lebens erlebte, festigten ihre Überzeugung von der Illegitimität männlicher Vormacht, denn sie waren wie Edward Wollstonecraft, ein wirtschaftlich erfolgloser und rastlos in England umherziehender, trunksüchtiger Kleinunternehmer, schwache Charaktere, was sie mit Autoritätsgehabe und Gewaltausbrüchen zu kompensieren trachteten. Oft musste sie ihre Mutter vor den Schlägen des Vaters schützen und mit unterdrückter Wut ertragen, wie ihr älterer Bruder in jeder Hinsicht bevorzugt wurde. Das Nomadenleben brachte sie um eine ausreichende Grundschulbildung, die sie autodidaktisch, aber mit umso mehr Fleiß nachholte.

Sehr früh festigt sich in ihr die Überzeugung, dass es keinen einzigen naturgegebenen Grund für die Benachteilung ihres Geschlechts gibt und geben kann. "Der Dorn im Auge ist das bessere Vergrößerungsglas" , schrieb Adorno - auch Mary Wollstonecraft macht ihre Wunden beredt: Doch der Kampf um Anerkennung und Selbstständigkeit, die Unglückserfahrung, jeden Zentimeter der Emanzipation mit titanischem Trotz erkämpfen zu müssen, erfordert einen hohen Preis und überzieht die Seele mit Schrunden, die sich in jenem neurotisch-narzisstischen Charakter zeigen, über den die, die gar nichts riskieren, bis heute gerne spotten. Selbst ihren männlichen Standeskollegen stand die Option der wägenden Gelassenheit nicht offen, die sich der privilegiertere Goethe nach seinen Sturm-und-Drang-Jahren leisten konnte. Welche Qualen musste da erst eine Frau ausstehen? Auch Mary Wollstonecraft pathetisierte die permanenten Unglückserfahrungen ihrer Kindheit und Jugend mit Weltschmerz, Selbsterhöhung und Hang zum Mystizismus, den Modellen eben, mit welchen die Moden der Zeit diese Gefühlslagen sich zu kanalisieren erboten.

Im Alter von 20 Jahren gründet sie mit ihren Schwestern in London eine Schule, in der sie ihre noch vagen Vorstellungen einer progressiven Pädagogik erfolgreich umsetzen kann: Koedukation von Mädchen und Jungen und Verzicht auf autoritären Frontalunterricht - Erziehung zur Mündigkeit. Mary verfasst einen Bildungs-Thesenroman (Mary), für den sich der fortschrittliche Verleger Joseph Johnson in London begeistert. Johnson lädt sie ein, forthin für seine Analytical Review zu schreiben. Sie ist Ende 20 und hat es geschafft, in der linksintellektuellen Szene Londons Fuß zu fassen und vom Schreiben mehr schlecht als recht, aber unabhängig leben zu können.

Schlagartig bekannt wird sie durch ihre Replik auf Edmund Burkes konservative Kritik der Französischen Revolution. Dieser verteidigte die monarchistische mit dem Zirkelschluss der natürlichen Ordnung. Mary Wollstonecrafts Essay ist das erste Werk, das die historische Entwicklung der Bürgerrechte exemplifiziert und mit unwiderlegbarer Argumentation die Unsinnigkeit von Naturrechtsdebatten und Berufung auf gewachsene Werte darlegt. Seine Grundaussage deckt sich in etwa mit Hegels eine Generation später formulierten Kritik: "Auch die Abschaffung des Menschenopfers, der Sklaverei, des Feudaldespotismus und unzähliger Infamien war immer ein Aufheben von etwas, das ein altes Recht war."

Ihr Privatleben bleibt ein lebenslanger seelischer Infektionsherd. Wollstonecrafts Bedürfnis nach dem geistigen Partner auf Augenhöhe drängt sie in eine Spirale der Erniedrigung, vorzüglich Erniedrigung ihrer selbst. Sie verliebt sich in den eleganten und weltgewandten Maler Johann Heinrich Füßli. Dieser, ein Schweizer Immigrant und Jugendfreund Lavaters, verkehrt in den radikalen Kreisen Londons und figuriert dort - unter den knochentrockenen, vergeistigten Dissenters - als dämonisches Genie. Archetypisch verkörpert er den bürgerlichen Bürgerschreck, dessen Kritik ohne Fundament und Folgen bleibt und dessen inszenierte Verruchtheit einem gut bezahlten Professorenposten an der Royal Academy of Arts mehr förderlich denn abträglich ist. Er nennt Mary Wollstonecraft bloß abfällig die "Philosophenschlampe" und drückt damit aus, wofür sie blind bleiben würde: das Desinteresse beinahe aller fortschrittlichen Intellektuellen ihrer Zeit für eine vollständige Frauenemanzipation. Lediglich der Aufklärer Condorcet bildet hierin eine Ausnahme.

Mary Wollstonecraft tut etwas sehr Ungewöhnliches. Sie sucht Füßlis Frau auf und schlägt ihr einen Haushalt zu dritt vor. Mrs. Füßli verweist sie der Wohnung, ihr Mann geht auf Distanz. Tief gekränkt und von einem neuen Ideal angezogen begibt sich Mary Wollstonecraft ins revolutionäre Paris, dem ihrerzeit interessantesten Experimentierfeld gesellschaftlicher Veränderungen. Dort verfasst sie auch ihr bekanntestes Werk, A Vindication of the Rights of Woman, das ihren Ruf als Vorreiterin des theoretischen Feminismus festigen soll, zu Ungunsten ihrer vielen nichtfeministischen Beiträge zur gesamtgesellschaftlichen Emanzipation.

Tee trinken und diskutieren

In Paris verliebt sie sich in den amerikanischen Revolutionär und Businessman Gilbert Imlay. Er ist der lang ersehnte Ritter ihrer Träume: Veteran der Amerikanischen Revolution, gebildeter Farmer und bodenständiger Schriftsteller in Reiterstiefeln. Was sie nicht wahrhaben will: dass er wie das gesamte Milieu, in dem sie während ihrer Pariser Zeit verkehrt, beinahe modellhaft das Marx'sche Bild der bürgerlichen Revolution bestätigt: den Siegeszug des Marktinteresses über feudale Privilegien. Die meisten der geistreichen deutschen, englischen und amerikanischen Geistesmenschen, mit denen sie Tee trinkt und diskutiert, entpuppen sich als Revolutionsgewinnler und Spekulanten, hinter deren idealistischem Feuer sich handfeste Geschäftsinteressen verbergen. Politisch stehen sie der Gironde nah.

Imlay war aus den Vereinigten Staaten nach Europa geflohen, weil er Siedler in Kentucky, unter ihnen den legendären Daniel Boone, um ihr Land betrogen hatte. Er hängt Mary Wollstonecraft ein Kind an und widmet sich fortan seiner wahren Leidenschaft: den Geschäften. Sie fühlt sich einmal mehr um die Verwirklichung ihrer Zweisamkeitsideale betrogen - es folgt eine Passion der Selbsterniedrigung. In hunderten Briefen versucht sie den einzigen Mann, mit dem sie bis dahin glücklich war, zu zwingen, in die perfekte Welt ihrer anfänglichen Verliebtheit zurückzukehren. Imlay lässt dies, anstatt sie vor klare Tatsachen zu stellen, nachsichtig über sich ergehen. Zweimal versucht sie sich das Leben zu nehmen, das erste Mal mit Laudanum, das zweite Mal, nachdem sie von seiner Affäre mit einer Schauspielerin erfahren hat, stürzt sie sich von der Londoner Putney Bridge und wird gerettet. Zuvor hatte sie seiner Geliebten einmal mehr eine Ménage-à-trois vorgeschlagen. Imlay bricht den Kontakt zu ihr nicht ab, sondern schickt sie zur Erledigung seiner Geschäfte nach Skandinavien. Diese Reise wird die zeitgenössische Reiseliteratur um eines ihrer vorbildlichen Werke bereichern. Wer ihre Briefe aus Südskandinavien gelesen hat, sieht sich stets mit zwei Autorinnen konfrontiert. Schwelgerische Landschaftselegien wechseln mit nüchternen Schilderungen ökonomischer Gegebenheiten und sozialer Probleme. Diese für vormarxistische Literatur unübliche Präzision, mit der die Förderraten der Kupferminen registriert werden, Steuer-, Justiz- und Militärwesen, die Gesundheitsprobleme der Bevölkerung beschrieben werden, erstaunt umso mehr aus der Feder einer Frau. Sowohl Romantik als auch Aufklärung treibt sie ins Extrem. Doch just in der Zeit, als Reiseschriftsteller das modische Bedürfnis ihrer Leser nach Völkerpsychologie, natürlichen und kulturellen Unterschieden befriedigen, erklärt sie die Nationalcharaktere für Humbug. Allein wissenschaftlicher Forschergeist würde dieses Übel wieder aus der Welt schaffen. "Dieser Forschergeist charakterisiert unser Jahrhundert (...) seine Verbreitung wird sicher die erfundenen Nationalcharaktere zerstören, die man für beständig gehalten hat, denn nur die Beständigkeit des Unwissens hat sie dazu gemacht."

Bis ihre Wunde vernarbt

Es dauert Jahre, bis ihre Wunde Imlay vernarbt. Im anarchistischen Theoretiker William Godwin findet sie erstmals einen Mann, der sie verdient. In vielen Punkten gehen ihre Ansichten auseinander, zum Beispiel in der Rolle eines liberalen Staates als Erzieher, dem sie mehr emanzipatorisches Potenzial zutraut als der Civil Society. Als Pädagogin mit Berufserfahrung weiß sie besser um den schädlichen Einfluss des gesellschaftlichen Umfeldes als der naive Staatsverächter Godwin. In einer Sache gehen beide jedoch d'accord, in ihrer Ablehnung der Ehe. März 1797 heiraten sie. Godwin, von dem sie ein Kind erwartet, wollte ihre gesellschaftliche und besitzrechtliche Position schützen.

Mary Wollstonecraft tritt in diese Beziehung ohne große Leidenschaft, aber um vieles reifer, ausgeglichener. Ihr Kontakt mit französischer Lebensart hat ihren protestantischen Widerstand gegen alles Spielerische, Äußerliche, gegen Finesse und Stil dahinschmelzen lassen, eine ironische Epikuräerin ist aus ihr geworden, die die schönen Dinge des Lebens zu genießen weiß, wie Godwin in seinen Erinnerungen schreibt. Doch es wird ein kurzes Happy End ihres verschlungenen, von viel Unglück gepflasterten Lebenspfades. Man weiß zu dieser Zeit noch nicht, dass die septischen Finger des Entbindungsarztes ihren tagelangen, qualvollen Tod verursacht haben.

Trotz kühler Objektivität tendierte Mary Wollstonecrafts Werk zu Lebensreform und romantischer Utopie; ihr war mehr daran gelegen, die Menschen als die Verhältnisse zu ändern; mit ihrer Forderung des Zuganges für Frauen zu Bildung und Ämtern jedoch erklärte sie auch den Verhältnissen den Krieg, die zu bewahren, zu reformieren oder aber umzuwerfen der weiblichen Hälfte der Weltbevölkerung untersagt war und es in weiten Teilen der Welt noch immer ist. Und gleich, ob folgende Worte einer rückwärts oder vorwärts gewandten Gesinnung entsprangen, sie sind der Sache, dem jungen Kapitalismus ihrer Zeit ebenso angemessen wie dem greisen unserer Tage: "Menschenfreundlich ist das Schwert, wenn man seine Verwüstungen mit denen vergleicht, die die Kaufleute und Heuschreckenschwärme unter den Menschen anrichten, die sich von der Pest mästen, welche sie weit umher verbreiten. Diese Leute (...) riechen an ihrem Geld nie das Blut, sondern schlafen ganz ruhig in ihren Betten ..." (Richard Schuberth, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.07.2010)

Richard Schuberth, geb. 1968, ist freier Autor und künstlerischer Leiter des Festivals Balkan Fever. Zuletzt erschienen: "30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus" (Turia + Kant)

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