"Wir sind die Monster"

23. Juli 2010, 13:32
  • Body Maps sind Bilder mit Selbstporträts von Menschen mit HIV. Ein Gemälde von Daniela S. ist Teil der Ausstellung.
    foto: apa/georg hochmuth

    Body Maps sind Bilder mit Selbstporträts von Menschen mit HIV. Ein Gemälde von Daniela S. ist Teil der Ausstellung.

HIV-Betroffene führen ein Doppelleben und verheimlichen ihre Krankheit - Wanderausstellung veranschaulicht die Problematik

Wien - Menschen, die mit HIV/Aids leben, führen auch in Europa ein Doppelleben und verheimlichen ihre Krankheit. Das veranschaulicht die Wanderausstellung "Our Positive Life", die diese Woche auf der 18. Internationalen Aidskonferenz in Wien Station machte. Die Bilder im Stil der "Body maps" sind Ergebnisse eines kunsttherapeutischen Workshops, bei dem sich HIV-Positive mit ihrem Leben auseinandersetzen und damit zugleich zum Verständnis für ihre Situation beitragen.

Schizophrenie ist vorprogrammiert

Die Wienerin Daniela S. ist 40 und lebt seit 25 Jahren mit dem HI-Virus. 1985 - sie war 15 - sagte der Arzt ihrem Freund nach einem Bluttest, er müsse künftig ein Kondom verwenden. "Wir machten uns nichts draus. Zwei Jahre später - wir hatten längst Schluss gemacht - rief er mich aus dem Spital an. Ich sollte mich untersuchen lassen." Mit der Diagnose HIV-positiv konnte S. wenig anfangen. "Aids galt damals als die Schwulenpest. Im Fernsehen diskutierte man, alle HIV-Positiven in ein umzäuntes Gebiet einzusperren. Für mich war klar: Niemand erfährt von meiner Krankheit."

In den 25 Jahren seither besserten sich die Medikamente erheblich. Die Krankheit gehört für Betroffene zum Alltag, betont S. "Das Pulvereinnehmen am Abend ist so normal wie für andere ein Tick." Viel schwieriger ist allerdings der Umgang mit anderen, wie die Wienerin anhand ihres Bildes erklärt. "HIV-Positive leben zwei Leben gleichzeitig. Außer Haus bin ich eine öffentliche, nette und gesunde Person. Gefühle kann ich nur daheim zeigen. Das schlägt auf die Psyche und macht auf Dauer schizophren."

Viele verbergen die Krankheit selbst gegenüber Eltern oder Kindern. Präsent ist sie jedoch ständig und der Umgang mit ihren Folgen fällt schwer. "Der Zwang zur Verheimlichung gibt uns Positiven das Gefühl, als wären wir Mörder aus Versehen, Fahrerflüchtige nach einem Verkehrsunfall oder beschädigtes Fallobst. Belastend ist auch, dass ich nicht Urlaub davon machen kann", so S.

Versteckspiel gegen die soziale Ausgrenzung

Wie versteckt das HIV/Aids ist, kann man einfach nachprüfen. "Etwa in Österreich gibt es 13.000 Infizierte. Egal wo ich Menschen darauf anspreche, niemand kennt Betroffene. Wir sind die Monster, die Red Ribbons tragen, ihre geheimen Treffen haben und sich unsichtbar unter die Bevölkerung mischen. Doch in Wahrheit gefährdet kein HIV-Positiver irgendwen." Schön wäre es, so S., würden alle 13.000 den Mut finden, zur gleichen Zeit ein Zeichen zu setzen und damit ihre Gegenwart in allen Bereichen signalisieren.

Ein Leben ohne Verstecken ist aber unmöglich, betont S. "In Afrika, wo man an Voodoo glaubt, ist das vielleicht verständlicher. Bei uns steht die kopfgeleitete Suche nach Kontrolle im Weg." Ein Outing setzt den Arbeitsplatz aufs Spiel, zudem nimmt jede Unterhaltung mit dem HI-Virus eine tragische Wendung. "Die Menschen werden ängstlich, unsicher in den Blicken und schaffen sogar räumlich Distanz. Vor ihnen bin ich nicht mehr Person, sondern personifiziertes Virus. Gleichzeitig gehen sie bedenkenlos One-Night-Stands ein und verzichten dabei auf das Kondom."

Höchstes HIV-Risiko bei den Ahnungslosen

Richtiger als die Angst vor der Person wäre die Angst vor dem Virus, betont S. "Die Menschen hier wähnen das Virus in Afrika und halten es für ungefährlich, da ja Medikamente existieren. Umso irrationaler ist die Angst vor den Erkrankten." Hauptrisikogruppe für HIV ist nicht die Schwulen- oder Drogenszene, sondern jene, die glauben, dass sie nicht betroffen sind. Die meisten Neuinfektionen geschehen heute über heterosexuelle Kontakte. "Männer gehen ohne Gummi fremd, belügen ihre Frau und stecken sie an", so S.

Wunschtraum von S. ist nicht, die Krankheit abzuschütteln. Noch wichtiger sei ein besserer Zugang zum Kranksein. "Man kann nicht nur das Positive herauspicken, denn Krankheit und Tod gehören zum gesunden Leben. Viele HIV-Positive haben das akzeptiert. Ich fühle mich gesünder als Menschen, die diesen Gedanken rational verdrängen und dabei so unpersönlich werden, dass sie vereinsamen. Was wirklich fehlt, ist nicht ein Stück Bein, sondern ein Stück Mensch." Erst ohne Zwang zum Gesundsein könnten Kranke die ersehnte Normalität leben.

Den HIV-Positiven zuhören

Der Workshop der Body Maps, vor dessen Resultat Daniela S. steht, stärkte sie "mehr als viele Stunden beim Psychologen." Michaela Wilczek ist Organisatorin der Wanderausstellung. "Unser Ziel ist, dass HIV-Positive über sich selbst lernen und Gehör finden, was auch Basis sein soll für Strategien der Fachwelt", erklärt die Expertin. Das Projekt ist eine Kooperation von Art2Be und des kenianischen Aids-Programms "Thika". Träger der Wanderausstellung, die unter body-maps-wanderausstellung@gtz.de angefordert werden kann, sind die die Deutsche Aidshilfe, Aidshilfe Wien und die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. (pte)

 

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"Doch in Wahrheit gefährdet kein HIV-Positiver irgendwen"

in dem punkt muss ich ihnen leider vehement widersprechen. ich kenne alleine in meinem bekanntenkreis 2 hiv-positive die von ihrer krankheit wissen und trotzdem ungeschützt promiskuitiv sind. solche gewissenlosen subjekte gehören weggesperrt oder kastriert.

Falls das wirklich stimmt,

dürfen Sie diese Leute tatsächlich anzeigen, denn so ein Verhalten ist selbstverständlich strafbar. Allerdings glaube ich es nicht so ganz, was sie da schreiben.

ok nochmals.... SCHIZOPHRENIE hat nichts mit "gespaltener Persönlichkeit" zu tun - das ist die multiple PErsönlichkeitsstörung...

sollte man als Journalist im Gesundheitsressort eigentlich wissen!

Der Journalist hat nur die Interviewte zitiert.

kein HIV Positiver gefährdet irgendjemanden

ist schon ziemlich schwachsinnig!! man könnte eher sagen: "KAUM ein HIV Positiver gefährdet seine Mitmenschen mit Absicht!" ;)

da liegen sie falsch. genug hiv-positive (männer) haben bewußt ungeschützen verkehr.

...kein HIV Positiver gefährdet irgendjemanden".

Aha, aber 13000 HIV Träger.

Ich finde das Verheimlichen von Krankheiten OK.

Ich möchte bei meinen Kollegen z.B. gar nicht wissen, was sie für Krankheiten haben. Warum auch? Krankheiten sind privat, solange sie keine Auswirkungen haben, die andere betreffen. Wer von den Kollegen Hämorrhoidenprobleme hat spricht man doch auch nicht öffentlich an.

Verständnis habe ich, dass die Betroffenen mit jemand darüber reden möchten. Dafür sind aber andere Betroffene wohl am besten geeignet, sofern man im Freundes- oder Familienkreis Bedenken hat.

unwissenheit ist ein segen ;)

Statistik

Die Hauptrisikogruppe bei der HIV Neuinfektion sind Männer (zu 2/3) http://www.aids.at/index.php?id=15

Die Sterblichkeit an Aids konnte in Österreich glücklicherweise gesenkt werden

http://www.statistik.at/web_de/st... 22440.html

http://www.statistik.at/web_de/st... 22439.html

Hier noch zur Wahrscheinlichkeit der Übertragungswege (gültig für USA)

http://en.wikipedia.org/wiki/AIDS

http://www.cdc.gov/mmwr/prev... 1.htm#tab1

Kein Grund zur Unvorsichtigkeit, einen kühlen Kopf sollte man trotzdem bewahren.

Dialektik der Aufklärung?

zu Österreich
http://www.ages.at/ages/gesu... eich-2010/

zu Übertragungswahrscheinlichkeit bei Analverkehr
http://www.hivreport.de/media/de/... Report.pdf

zu kompliziert für eine reine Dialektik

Jedenfalls sollten die Statistiken die Beziehung zu Menschen mit HIV und Aids entkrampfen. Es gibt keinen Grund zur Panik. Das Gesundheitssystem ist solidarisch und soll es auch bleiben, jeder gesundheitlich Beeinträchtigte soll einen Zugang zur vollen medizinischen Betreuung haben, unabhängig von der Ursache der Erkrankung unabhänig von jeglichen Verantwortungen. Aufklärung über gesundheitliche Risiken müssen natürlich ausführlichst betrieben werden. Der Stigmatisierung auf Grund medizinischer Befunde muß viel Aufklärungsarbeit entgegengesetzt werden. Die düsteren Prognosen der 80iger haben sich zum Glück nicht bewahrheitet, Grund zur Freude gibt es aber erst wenn ein Heilung von HIV/Aids gefunden wird.

Warum wurde der ärztliche Rat von 1985 nicht befolgt?

Es gibt (praktisch) keine Risikogruppen (mehr), außer jener der Ignoranz. Sie ist das beste Substrat für das Virus.

Dr. rer. nat. Heinz Anderle, Freigeist

Die Abwesenheit der Normalos

Lustig war's im Global Village der Aids-Konferenz, nur kaum Laien dort, sondern nur die internationalen Gäste ...

http://luxxx.wordpress.com/2010/07/2... knutschen/

jeden tag ein hiv artikel, seit 2 wochen. gehts das jetzt den ganzen sommer so?

soll uns wohl vorbereiten auf nächstes jahr, wenn die HIV-zahlen drastisch ansteigen werden, wenn alle schwangeren zu einem HIV-test gezwungen werden.

jeden Tag so ein KHG "es gilt die Unschuldsvermutung"- Artikel. Geht das jetzt die nächsten 45 Jahre so???

vielleicht

stört es Sie dass die internationale AIDS Konferenz gerade in Wien war?

jeden tag so viele politik artikel... geht das jetzt die ganze zeit so?

Viele Artikel/Forschungsergebnisse über HIV geben allerdings Grund zur Hoffnung, wenn auch langsam

Bei der Politik ist das kaum der Fall.

das ist ein online medium

d.h. es wird deswegen keinem anderen artikel der platz weggenommen.

interessant ist der eine fall

in dem HIV geheilt wurde.
http://www.zeit.de/2010/29/M... IV-Patient
ein Immunsystem mit einer CCR5?32/?32 mutation ist der schlüssel, durch das veränderte rezeptormolekül wird das HI-Virus stumpf!

Wer weiß, vielleicht hat man auch nur aus Versehen die Proben verwechselt ;-) Kommt ja manchmal vor...

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