Vom Burnout blieb der Tinnitus als Warnsignal

  • Immer mehr Menschen werden für die Zerreißprobe im Alltag mit einem
Burnout bestraft. Ist die Grenze erst einmal überschritten, brennen die
Energiereserven ganz schnell runter.
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    Immer mehr Menschen werden für die Zerreißprobe im Alltag mit einem Burnout bestraft. Ist die Grenze erst einmal überschritten, brennen die Energiereserven ganz schnell runter.

Eine halbe Million Menschen in Österreich sind nach Schätzung der Ärztekammer von BurnoutSymptomen betroffen - Wie die Krankheit verläuft, schildert eine junge Frau

Wien - Die seelischen Warnrufe hat sie noch gekonnt überhört. Erst als der Körper unter der Belastung aufgab, musste sich Bettina, die anonym bleiben möchte, eingestehen: Ich bin im Burnout.

Im Frühjahr vor zwei Jahren begann der Körper zu rebellieren: "Ich habe gemerkt, ich erhole mich nicht mehr. Weder am Wochenende noch in einer ganzen Woche Urlaub." Die heute 34-Jährige war damals in einem internationalen Beratungskonzern tätig, hatte Führungsverantwortung, leitete internationale Projekte, hetzte von einem Termin zum nächsten und absolvierte nebenbei noch eine Zusatzausbildung. Irgendwann sagte ihr ein Kollege: "Du machst zu viel." Sie hörte sich selber sagen: "Ich weiß auch nicht, wie lang das noch gutgeht."

Dann kam das Pfeifen in den Ohren, an einem Montagmorgen. So laut, dass sie davon aufwachte. Sie wollte auch das überhören, ging ins Büro, wo ihr eine Mitarbeiterin entsetzt sagte, sie müsse mit Tinnitus sofort zu einem Arzt. Widerwillig ließ sie sich drei Wochen krankschreiben. Kurz darauf ging es im gleichen Tempo weiter. "Ich habe mir in dieser Zeit keine Gefühle über mein Gehetztsein erlaubt. Du weißt es, aber du spürst es nicht mehr." Ein paar Monate später wurde der Hilfeschrei ihres Körpers noch deutlicher: Auf dem Weg zum Kunden wird Bettina am Steuer ihres Wagens ohnmächtig und knallt frontal gegen eine Wand. Der Unfall löste bei ihr einen emotionalen Schockzustand aus. "Ich wusste, es war nichts Körperliches." Noch im Krankenhaus hat sie eine gedachte Mauer als Puffer zwischen sich und der Firma errichtet. Auch wenn die Entscheidung, die Firma zu verlassen, noch nicht die Heilung war, so war es doch der erste Schritt.

Bettina ist ein Leistungsmensch, der nicht einfach spazieren gehen kann, sondern einen Berg besteigen muss. Als ausgebildeter Coach weiß sie selbst: Burnout, Depressionen und Erschöpfungszustände können jeden einholen, der zu hohe Anforderungen an sich selbst stellt. "Der Fehler ist, dass wir annehmen, es passiert nur in besonders stressigen Arbeitsphasen. Bei mir war es beruflich nicht stressiger als sonst."

Egal ob Manager oder Hausfrau, jeder, der seinen Selbstwert an die Leistung koppelt, läuft Gefahr, den gefährlichen Punkt zu überschreiten und die eigenen Ressourcen aufzuzehren. "Ich habe mich wie eine Kerze gefühlt, die an zwei Enden brennt", beschreibt Bettina ihren Zustand. "Es war das gleiche Arbeitspensum wie sonst auch - nur fiel es mir plötzlich schwer, die Energie dafür aufzubringen." Auch die sozialen Kontakte hat sie in dieser Zeit reduziert, sich mit Freunden zu treffen war auf einmal keine Ablenkung mehr, sondern Anstrengung: "Andere meinen, auch privat noch weiter funktionieren zu müssen."

Sie hat sich mit Fernsehen abgelenkt. Permanente Berieselung, nur nicht stillsitzen. Die Angst vor dem Zusammenbruch war ständig da. Den Übergang von der Erschöpfung zum Burnout kann sie nicht klar benennen, "es passierte sehr fließend". Wer diese Grenze aber überschreitet, findet nur sehr schwer wieder heraus. "Ich war so übermüdet, dass ich entweder gar nicht mehr schlafen konnte oder nach zehn Stunden Schlaf noch kraftloser aufgewacht bin."

Der Übermüdungszustand und das vermehrte Schlafbedürfnis lösen bei vielen Burnout-Betroffenen nachträglich eine Depression aus, weil durch mangelnde Bewegung zu wenig Serotonin, ein Glückshormon, ausgeschüttet wird. Auch das hat Bettina erlebt. "Dass Arbeitsstunden reduziert werden und man allen den Blackberry wegnimmt, ist eine Illusion. Aufklärung wäre sehr wichtig. Viele wissen nicht, wie sich ein Burnout anfühlt." Heute hat Bettina für sich klare Regeln aufgestellt. "Aber nichts ist mehr wie vorher: Der Tinnitus ist mir als Warnsignal geblieben, der bei Stress sofort lauter wird." (Julia Herrnböck, DER STANDARD Printausgabe, 23.7.2010)

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