Pröll: Hauptschule in Wien "Migranten-Restschule"

22. Juli 2010 10:48

Vizekanzler spricht sich erneut gegen Neue Mittelschule aus - Gymnasium "absolut verteidigungswerter Teil des Schulsystems" - Kritik an Pröll

Wien - Eine klares "Njet" zu einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen kommt erneut von VP-Chef Josef Pröll: "Die Gesamtschule, in der alle in einen Topf geschmissen werden, kann ich mir nicht vorstellen", erklärte Pröll gegenüber mehreren Bundesländer-Zeitungen. Das würde auf eine Elitenbildung in Privatschulen hinauslaufen, befürchtet der VP-Chef und bezeichnete das Gymnasium als "absolut verteidigungswerten Teil des Schulsystems".

Für notwendig hält Pröll es dagegen, "bei den Hauptschulen anzusetzen". Besonders in Wien seien diese "von der SPÖ ganz bewusst zu einer Migranten-Restschule degradiert worden". Am Land funktioniere die Hauptschule dagegen sehr gut. "Ich will, dass unsere Kinder überall in den Hauptschulen Zukunft haben", sagte Pröll.

ÖVP stellt im Herbst neues Schulmodell vor

Der VP-Chef verwies auf das für Herbst geplante Schulmodell seiner Partei. In diesem wolle er zeigen, "wie wir uns die Bildungszukunft bis zur Matura bzw. zur Lehre, die Hauptschule, die Gymnasien vorstellen. Da wird es überraschende Möglichkeiten geben". Man müsse "weiter denken als bis zur fantasielosen Gesamtschule".

Im Mai hatte der ÖVP-Arbeitnehmerbund ÖAAB ein Bildungskonzept vorgelegt, in dem am differenzierten Schulsystem festgehalten, der Wechsel zwischen AHS und Hauptschule aber durchlässiger gestaltet wird. ÖAAB-Chef Außenminister Michael Spindelegger hatte damals erklärt, die wesentlichen Themen des Konzepts seien mit Pröll besprochen. Den folgenden Vorstoß von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) für ein "Gymnasium für alle" hatte Pröll als "persönliche Meinung" Karls bezeichnet.

Schmied rechnet mit ÖVP-internen Diskussionen

Trotz der Absage durch VP-Chef Josef Pröll hofft Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) weiterhin auf die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen in Österreich. "Ich gehe davon aus, dass es ÖVP-intern noch Diskussionen geben wird", so Schmied in einem Statement zur APA. Sie werde "konsequent und unbeirrbar" an der Neuen Mittelschule weiterarbeiten und hofft auf Unterstützung aus der ÖVP, etwa durch Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl und Wissenschaftsministerin Beatrix Karl.

Schmied verwies darauf, dass es auch im Interesse der ÖVP sei, dass Österreich im internationalen Vergleich der Schulsysteme aufholt. Das werde jedoch durch die Trennung der Schüler in AHS und Hauptschule mit zehn Jahren verhindert: "Die frühe Selektion der Kinder ist eines der größten Probleme".

Grüne Kritik an Reformunwillen der ÖVP

Grünen-Bildungssprecher Harald Walser übt schwere Kritik an Vizekanzler Pröll. Das Nein des VP-Obmanns zur Gesamtschule sei "eine schallende Ohrfeige für Beatrix Karl und die Reformwilligen in der ÖVP". Pröll sei offensichtlich von Fritz Neugebauer, dem Chef der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD), bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele am Mittwoch "auf die Betonlinie eingeschworen" worden. (APA)

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Heinz Anderle
 
25.07.2010 06:40
Nach 25 Jahren kommt er erst darauf?

Bereits in den 1980er Jahren trachteten in manchen Bezirken Wiens die Eltern, ihre Kinder nach Möglichkeit ins Gymnasium zu geben, meiner Erinnerung nach bis zu 80 %. Das Niveau der Hauptschulen galt schon damals als dürftig, auch wegen des hohen Anteils von Gastarbeiterkindern ohne ausreichende Sprachkenntnisse.

Daß seither nichts verbessert werden sollte, ist der eigentliche Skandal. Aber das verwundert bei der Tradition des Aussitzens, Totschweigens und Schönredens ohnehin niemanden.

Dr. Heinz Anderle, Maturajahrgang 1985 und Freigeist

Karl Freud
24.07.2010 22:00
Wenn Pröll meint ..

... was er sagt, ist er schlicht und einfach dumm. Da ich dies nicht unterstellen will, ist er (notwendigerweise) falsch und Verteidiger der Privilegien seiner Klasse/Schicht. Aber das ist auch nicht neu.

tom2312
26.07.2010 15:31

Der unsägliche Erwin Pröll hat hier leider recht. Eine Gesamtschulsystem würde, jede Wette drauf, zu einem Privatschulboom führen - auch wenn Ihnen und mir das nicht recht wäre.

Dass die Hauptschule in Wien eine Restschule ist, stimmt leider auch. Wegen dieser Schulen soll ja die Gesamtschule kommen. Aber nur wenn sie die nötigen fachlichen und finanziellen Mittel hat, wird sie diese Hauptschüler mitnehmen können. Ich glaube nicht, dass die Politiker eine Ahnung haben, wieviel Aufwand das kosten wird.

Bête Noire
24.07.2010 08:34

Gott strafe die Hauptschule!

Bête Noire
24.07.2010 08:34
"absolut verteidigungswerter Teil des Schulsystems"

Zu den Waffen im chistlichsozialen Bildungskrieg!

Annemarie Veit
23.07.2010 16:11
in der lichtenfelsgasse

kommt man offenbar wieder zur besinnung!

mich wundert, dass die karl noch immer ministerin ist - ich glaub eher, sie ist ein roter maulwurf!

Ruth Schlabbeeritzka-Pangl
23.07.2010 11:42
Rest(schule)

Wenn ich mir den Anteil der De-facto-Analphabeten unter den Hauptschulabsolventen bei unseren Lehrlings-Aufnnahmetests anschaue, so kann ich mir eine "Gesamtschule", insbesondere im Raum Wien, überhaupt nicht vorstellen.

gaberl2
 
23.07.2010 10:58

- ein volksschullehrer soll die möglichkeit haben, ein kind verpflichtend in einen deutschkurs zu schicken - förderunterricht ist oftmals zuwenig.
wird das ignoriert, streicht man soziale zuwendungen wie kinder- oder familienbeihilfe.
- es muss ein ethikunterricht eingeführt werden, und religionsunterricht - auch der römisch katholische in de freizeit verlegt werden.
- da die eltern beidseitig die andere kultur ausschließen, muss sich halt der "staat" um integrationsverbesserung kümmern.
ist vielleicht nicht der weisheit letzter schluss, könnte aber schon verbesserungen bringen.
allerdings - das kostet geld und gerade die övp will für bildung nichts lockermachen.

Ich gebs zu
23.07.2010 12:19
Gaaanz wichtig ist das mit dem Ethikunterricht!

Abgesehen davon, dass man Ethik nicht unterrichten kann, sondern lediglich ihre philosophischen Grundlagen, lernt niemand plötzlich besser Deutsch, weil er/sie keinen Religionsunterricht bekommt.

Pestassori
25.07.2010 16:52
Ganz wichtig wäre , dass ...

... der (egal welcher) Religion endlich jene Rolle zugeordnet wird, die ihr im 21. Jahrhundert in einer aufgeklärten Demokratie höchstenfalls zukommt, nämlich Beschränkung auf den privaten Bereich!

Ich gebs zu
26.07.2010 08:10
Leider, leider kann man Menschen nicht verbieten,

ihren Glauben auch zu leben.

Meiner Ansicht nach soll man das auch nicht. Das fördert nur fundamentalistische Tendenzen.

Aber es bleibt Ihnen selbst unbenommen, nur privat religiös zu sein und in der Öffentlichkeit weltanschauliche Neutralität zu wahren.

(Es fasziniert mich immer wieder, wie eine politische Parole aus dem 19. Jahrhundert so lange so konsequent missbraucht werden hat können. Sagt's doch einfach offen, dass Euch die Kirche zuwider ist. Ich finde, Intoleranz sollte sich nicht verstecken.)

gaberl2
 
23.07.2010 12:45

ist ja nur ein vorschlag.

wenn in einem Ethiktunterricht div bei uns beheimatete kultiren vorgestellt werden, tun sich die kinder vielleicht leichter.

machen sie einen besseren vorschlag, anstatt sich in überheblichem sarkasmus zu üben.

Ich gebs zu
24.07.2010 14:49
Der Sarkasmus ist Ergebnis jahrelanger Frustration

und hat nichts mit Überheblichkeit zu tun. Dieses ständige Bei-0-zu-argumentieren-Anfangen zermürbt.

Der konfessionelle RU hat in Ö seine Wurzeln in einem Konkordat mit der r. k. Kirche. Seine Nutznießer sind jedoch vor allem die kleineren Religionsgemeinschaften und der Staat selbst, der nämlich so einigermaßen sicherstellt, dass religiös motivierte Radikale in der Minderheit bleiben.

Dadurch, dass sie den RU finanziert, kann die Republik -- in Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften -- Unterrichtsmaterial und Ausbildung der Lehrer überprüfen und deren Qualität sicherstellen. Nicht zuletzt wurden demokratiefeindliche Passagen aus muslimischen Religionsbüchern deshalb gestrichen!

Franz Bim
 
23.07.2010 16:28
Bedeutung Ethik

Inwiefern kann man in einem Ethikunterricht verschiedene Kulturen präsentieren? Das Konzept Ethik enthält ja bereits die Unabhängigkeit von der Kultur. Das kulturgebundene Gegenstück heißt Moral.

Aber auf der anderen Seite: Es wird ja auch im "Informatik"-Unterricht Office unterrichtet. Das ist noch schlimmer.

GoodieGoodie
23.07.2010 11:06

Nicht nur die ÖVP will für Bildung nichts lockermachen!
Fr. Schmied will auch nur einsparen - nur nennt sie es nicht beim Namen, sondern spricht von Reform!

gaberl2
 
23.07.2010 11:13

sie haben recht, asche auf mein haupt

marie berg
23.07.2010 09:15
eine frage:

WIESO funktioniert eine gemeinsame schule der 10-14 jährigen überall anders?

in china ist ein sack monsanto reis umgefallen
23.07.2010 15:30
gute frage

würde sie überall anderswo auf die gleiche weise funktionieren, könnte man sich wenigstens etwas abschauen.

Annemarie Veit
23.07.2010 16:08
unser lieblings-PISA-land: finnland

hat für die vielen hochgebildeten und superintelligenten abgängerInnen aber keine jobs!

ergo: eine sehr hohe jugendarbeitslosigkeit...

ist es das, was die genossInnen mit der zerstörung des funktionierenden öffentlichen schulsystems erreichen wollen?

Andreas Prucha
24.07.2010 20:44

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?

Ich gebs zu
24.07.2010 14:54
Dass kaum ein Land so gute berufsbildenden Schulen anbieten kann wie Österreich, stimmt zwar,

doch die Geschichte mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Finnland stimmt einerseits gar nicht, andererseits sagen solche Zahlen - isoliert von der Gesamtarbeitszeit - nichts über die Qualität Schulen eines Landes aus.

Sehr wohl relevant sind jedoch Faktoren wie die sehr niedrige Immigrationsrate, die freie Schulwahl, der hohe gesellschaftliche Stellenwert des Lesens und der Bildung im Allgemeinen, sowie die simple Tatsache, dass in finnischen Gesamtschulen alle paar Wochen fleißig für PISA geübt wird.

Wie rennen hier einer Chimäre nach.

GoodieGoodie
23.07.2010 09:25
Ist ja nicht so!

Es liegen wesentlich mehr Gesamtschulländer im Ranking hinter Österreich als davor!
Auch das PISA-Schlusslicht Mexiko hat eine Gesamtschule!
In Deutschland schneiden die Bundesländer ohne Gesamtschule viel besser ab als die mit Gesamtschule!
Wenn man Österreichs PISA-Ergebnisse nur der Gyms anschaut, sind wir im Spitzenfeld.
usw.

Nur diese Fakten wollen die Gesamtschulbefürworter nicht sehen. Die kommen immer nur mit dem einen Argument: Finnland

marie berg
26.07.2010 16:38
keine ahnung,

wen sie konkret mit "die gesamtschulbefürworter" meinen - nach einem differenzierten weltbild klingt diese formulierung nicht. ich habe mir nur erlaubt, eine frage zu stellen. "finnland" kam in meinem posting nicht vor.
und JA, ich bin der meinung EINE schule für ALLE 10-14 jährigen macht sinn - also eine klassische "gesamtschulbefürworterin", da ich nichts davon halte kinder im alter von 10 jahren zu trennen - in kinder mit viel zukunftschancen und kinder mit eher weniger zukunftschancen. und das geht ganz ohne finnland ...

Andreas Prucha
24.07.2010 20:47

Das Argument "Nur die Gyms anschauen" ist sehr schwach. Wenn es ein Argument wäre, könnt man ja die Hauptschulen abschaffen nur mehr das Gym belassen. Deinem Gedankengang zu Folge müssten wir dann plötzlich zum Spitzenreiter werden.

AlBundyFan
 
23.07.2010 11:30
und auch das argument finnland zieht nicht wenn man folgendes weiss

ich habe auf zeit.de ein interview gelesen mit einer finnischen lehrerin, die jetzt in deutschland wohnt und im evaluierungsausschuss des finnischen unterrichtsministeriums war.

in finnland herrscht keine pflicht die schule zu besuchen, die im eigenen bezirk liegt. das führt dazu, daß es schulen mit schlechtem und schulen mit gutem ruf gibt und kinder aus höherer bildungsschicht von eltern vermehrt in die schulen geschickt werden mit gutem ruf während manche schulen dann(wie hauptschulen in wien)zu resteverwertern werden.

d.h.das abschneiden im PISA-Test hängt massgeblich davon ab welche Schulen man auswählt. und in Finnland wurden fast nur Topschulen ausgewählt deshalb auch das gute PISA-Ergebnis.

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