Information und Hilfe für Insektengift-Allergiker
Linz - Dauerregen, Temperaturstürze und später Sommerbeginn machten Wespen nichts aus. Im Gegenteil: Die Trachtbedingungen sind heuer besonders günstig und so spricht alles für eine starke Wespensaison. Da für Insektengift-Allergiker bereits ein einziger Stich tödlich sein kann, raten Fachärzte zur spezifischen Immuntherapie, mit der die gefährlichste aller Allergien nachhaltig behandelt werden kann. Neue Studiendaten zeigen, dass die volle Wirkung dieser Behandlung bereits eine Woche nach Erreichen der Erhaltungsdosis eintritt und zu 95 bis 98 % einen vollständigen Schutz vor schweren allergischen Stichreaktionen bietet.
Start des Frühlings entscheidend
Überwinternde Wespen- und Hornissenköniginnen sind gut an die heimischen Witterungsbedingungen angepasst. Deshalb ist für die Populationsentwicklung der Wespen weniger die Länge des Winters ausschlaggebend, sondern vielmehr der Start des Frühjahrs und die guten Nahrungsbedingungen zu Beginn der warmen Tage. „Geringfügige zeitliche Verschiebungen der Trachtbedingungen, wie dem Vorhandensein von z.B. Beuteinsekten für Wespen, wirken sich nur leicht verzögernd aus. Die Wespen befinden sich heuer in der Lage mit vielen Generationen durch den Sommer zu gehen. Es spricht somit alles für eine „sehr gute" Wespensaison!", erklärt der Zoologe Karl Crailsheim von der Universität Graz.
Die Entwicklung der Honigbienen unterscheidet sich hingegen ein wenig vom Vorjahr. Eine während der letzten drei Jahre vom Institut für Zoologie der Universität Graz durchgeführte Umfrage unter Imkern signalisiert ein etwas schlechteres Überleben der Bienenvölker im heurigen Jahr. Sie registrierten Winterverluste von 13,8%, im Jahr zuvor waren es 9,3%. Crailsheim: „Grund dafür können Belastungen durch Krankheitserreger, unterschiedlich erfolgreiche Krankheits- und Parasitenbekämpfung sowie die Strenge und der Verlauf des Winters sein." Die Imker sind allerdings in der Lage ihre Bienenvölker während des Sommers wieder zu vermehren.
Temperaturanstiegt erhöht Aggressivität
Für Insektengift-Allergiker ist besondere Vorsicht geboten. Vor allem Wespen halten sich häufig in der Nähe von Menschen auf, da eiweißhaltige Speisen wie Wurst und Fleisch, Speiseeis, Süßigkeiten und Limonaden zusätzliche Futterquellen für diese Hautflügler sind. Vor allem im Spätsommer, wenn die natürliche Nahrung (Blütennektar, Ausscheidungen der Blattlaus, Fliegen und Mücken etc.) nach und nach abhanden kommt, müssen Wespen vermehrt auf andere Futterquellen ausweichen und werden zu lästigen Störenfrieden bei Picknicks, Grillfeiern und sonstigen Outdoor-Aktivitäten. Dazu kommt: steigt die Temperatur, steigt auch die Aggressivität der Wespen.
Im schlimmsten Fall kann bereits ein einziger Stich eine Tragödie auslösen. Bei Insektengift-Allergikern stuft das Immunsystem das Insektengift als gefährlich ein und reagiert übertrieben. Beschwerden können innerhalb weniger Sekunden und Minuten auftreten. Charakteristische allergiebedingte Symptome sind starker Juckreiz und Rötung am ganzen Körper, Nesselausschlag, Schwellungen im Gesicht und am Hals, Schwindelgefühl und Herzrasen, Übelkeit, Erbrechen, Schluck- und Sprechbeschwerden, Husten, Atemnot bis hin zum sogenannten anaphylaktischen Schock. „Anaphylaxie ist die Maximalvariante einer allergischen Reaktion und führt zu lebensbedrohlichen Atemstörungen sowie völligem Zusammenbruch des Kreislaufs.
Frühzeitig Notfallmedikamente verabreichen
Ohne sofortige Notfallversorgung kann dieser Vorfall sogar tödlich ausgehen", warnt Intensivmediziner Rainer Schmid vom Wiener Wilhelminenspital vor den Gefahren. „Besonders wichtig ist die frühzeitige Gabe der Notfallmedikamente, die der Arzt verschreibt. Insbesondere ein Adrenalin-Autoinjektor zur intramuskulären Selbstinjektion, aber auch Kortison und Antihistaminika können bis zum Eintreffen des Notarztes lebensrettend sein." Jeden Sommer landen hunderte Allergiker in der Notaufnahme und rund 4 bis 5 Menschen sterben in Österreich pro Jahr an den Folgen eines Bienen- oder Wespenstiches.
„So gefährlich eine Insektengiftallergie auch ist, so gut kann sie aber durch die spezifische Immuntherapie (SIT, „Allergie-Impfung") behandelt werden. Bedauerlicherweise wird diese äußerst wirksame, und einzige kausale Therapie bei lebensbedrohlicher Insektengift-Allergie trotzdem nicht in jenem Ausmaß eingesetzt, wie sie klinisch indiziert wäre", erklärt Eva-Maria Varga von der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz, die auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Initiative Insektengift-Allergie ist.
Langfristige Gewöhnung durch Impfung
Die Allergie-Impfung, deren Ziel es ist, den Körper langfristig an das Insektengift zu gewöhnen, läuft in zwei Phasen ab: die Aufdosierungs- und die Erhaltungsphase. „Erstere kann als Schnellschema durchgeführt werden, sodass die Erhaltungsdosis bereits innerhalb weniger Tage erzielt wird. Da in kurzer Zeit hohe Mengen an Insektengift injiziert werden, ist ein stationärer Aufenthalt im Krankenhaus erforderlich", erklärt Stefan Wöhrl, Oberarzt an der Allergie-Ambulanz der Universitätsklinik für Dermatologie Wien. Als Alternative zum Schnellschema steht die ambulante Methode zur Verfügung, die am besten vor der Flugsaison, also in der kalten und insektenfreien Jahreszeit, begonnen werden sollte. „Dabei erfolgt die Dosissteigerung langsamer mit einer Injektion pro Woche. Die Erhaltungsdosis ist nach etwa vier Monaten erreicht."
Bis zu 98% der Patienten geschützt
Wie aktuelle Studiendaten bestätigen, sind bereits eine Woche nachdem die Erhaltungsdosis erreicht wurde, 95 bis 98% der Patienten vollständig vor lebensbedrohlichen Reaktionen nach einem Insektenstich geschützt. Wissenschafter führten eine Woche nach Erreichen der Erhaltungsdosis bei 97 Patienten mit einer Bienengiftallergie eine Therapiekontrolle mittels Stichprovokation durch. Die Ergebnisse sind mehr als zufriedenstellen: 88,6% der Patienten tolerierten den Stich zu diesem Zeitpunkt bereits problemlos. 5,1% entwickelten lediglich sehr leichte, lokale und 6,3% milde, systemische Reaktionen (Grad 1 und 2). „Die Untersuchung bestätigt, dass die Insektengift-Immuntherapie nicht nur nachhaltig, sondern auch besonders schnell vor schweren allergischen Reaktionen nach einem Bienen- oder Wespenstich schützt", so Wöhrl. Um kein unnötiges Risiko einzugehen, können sich Insektengift-Allergiker mit dem Schnellschema noch während der heurigen Bienen- und Wespen-Flugsaison schützen.
Sobald die Erhaltungsdosis erreicht ist, wird diese Allergenmenge drei bis fünf Jahre lang alle vier (bis max. acht) Wochen verabreicht. So lange braucht das Immunsystem, um den Schutz langfristig zu sichern. Varga: „Auch Kinder können mit der SIT behandelt werden. Die WHO empfiehlt die spezifische Immuntherapie - auch bei Insektengiftallergikern - ab dem 5. Lebensjahr." (red)