Ex-Intendant gegen Intendant

Mortier kritisiert Flimm

21. Juli 2010, 16:59

"Die einzige Reflexion zur Zeit ist: Wie sind wir permanent ausverkauft"

Wien/Salzburg - Den Salzburger Festspielen fehlt aus Sicht ihres Ex-Chefs Gerard Mortier aktuell die künstlerische Vision. "Die einzige Reflexion zur Zeit ist: Wie sind wir permanent ausverkauft", sagte Mortier, zurzeit Chef des Teatro Real in Madrid, zur deutschen Nachrichtenagentur dpa. Heute gehe es wieder viel zu sehr ums Geld, kritisierte Mortier. "Es wird ja nie mehr darüber geredet, wozu haben wir die Salzburger Festspiele? Was bedeuten sie für die Kulturnation Österreich und als Maßstab für andere Festspiele weltweit?"

Im Boom von Festspielen in Europa habe Salzburg an Relevanz verloren. Das liegt aus seiner Sicht überwiegend an der Programmgestaltung. Vor allem Elemente wie in diesem Jahr die Gounod-Oper "Roméo et Juliette" oder die vom künftigen Intendanten Alexander Pereira angekündigte "La Bohème" - beide mit Publikumsmagnet Anna Netrebko - sind Mortier ein Dorn im Auge: "Die Salzburger sollten nur die besten musikalischen Werke der Geschichte vorführen und nicht die, die sich am besten verkaufen lassen." Blockbuster seien etwas für normale Opernhäuser, Festspiele müssten sich dem Besonderen und Neuen widmen.

Für die fehlende Unterstützung von Salzburgs Stärken sieht Mortier auch den scheidenden Intendanten Jürgen Flimm in der Verantwortung. Dieser sei an anderen Theatern sicherlich ein guter Intendant: "Er hat aber die Salzburger Festspiele total vernachlässigt, das muss ich leider sagen." Flimm habe seine Aufgabe schlicht nicht ernst genommen: "So eine große Institution kann man nicht so führen." Aber auch das Kuratorium sei momentan kaum offen für neue Ideen, es fehlten die großen Dirigenten und die großen Werke.

Salzburg ist für Mortier dabei symptomatisch für die ganze Kulturnation Österreich, die eigentlich ein Beispiel für ganz Europa sein könnte: "Das große Problem ist, dass man die Kulturnation in der Beweihräucherung der Vergangenheit sieht und nicht die Vergangenheit als Möglichkeit für die Zukunft." Man feiere sich lieber zweimal im Jahr beim Neujahrskonzert und beim Opernball selbst. "Eben immer noch ein bisschen Kaiser Franz Josef und Kaiserin Sisi."

Lobend erwähnt er einige Projekte der Wiener Festwochen, das Festival Wien Modern oder das Klangforum Wien, das zahlreiche zeitgenössische Werke uraufführt. Diesen Strömungen werde nur nicht ausreichend Raum gegeben. "Salzburg muss da eine Vorreiterrolle spielen." (APA)

 

das poppende lottchen
03
22.7.2010, 02:09
da hat der alte fuchs durchaus recht.

es fehlen große dirigenten und wichtige werke. und irgendeine art von festspielidee sollte schon vorhanden sein - und die gab es natürlich am anfang, und später noch unter kaut, karajan, mortier, durchaus auch noch unter ruzicka. dazu kaliber wie strehler oder stein. häusserman war ein großer ermöglicher (wenngleich selbst ein nicht besonders großer regisseur, aber das hat er ja ohnehin gewusst und deshalb peymann, schaaf u. a. geholt oder holen lassen).
vollkommen recht hat mortier, wenn er flimms lasche festspielführung beklagt. eigentlich war der vulkan schon nach der zweiten saison völlig erloschen.
hm, "bohème" in salzburg - wenn sie zugleich geniale mozart-aufführungen zustandebringen, darf das sein. aber sonst eher nicht.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
23.7.2010, 13:26
Die Grundidee von Reinhardt, Roller et al. war ja auch,

exemplarische Aufführungen zustandezubringen, mit focus Mozart, natürlich, aber eben nicht nur.
Also warum nicht Puccini? Da dürft man ja die ausdrücklich für ein Kommerztheater als Kassenschlager geschriebene "Zauberflöte" schon gar nicht aufführen... Und die gallige Ablehnung Puccinis nach Art von Schönberg ("Ist das der, der dem Lehàr alles vorgeäfft hat?") ist eher amusische Arroganz als sonst was (und wenn man bei Lehàr genau aufpaßt, kann man stückweise Wilderes als bei Strauss oder Schostakowitsch hören, man glaubt es kaum!).
Die Frage ist nur, wie eine exemplarische Bohème aussieht... ich fürchte, so, wie sie sich ein Claus Guth vorstellt... wärrgh

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