Dass die Gesellschaft altert, freut die Rad-Lobby: Niemand fährt so viel Rad wie die 60- bis 70-Jährigen - Doch Unfälle enden oft fatal
Dreißig Jahre lang ist sie nicht auf dem Sattel gesessen. Jetzt drängt Kornelia Stoss die Steilstrecke zum Türkenschanzpark hinauf, als wäre sie auf der Flucht. Ihr stolzes Tempo verdankt die 53-Jährige zwar dem Motor ihres E-Bikes, ihren Eifer hingegen dem Ehemann: Er werde einem Umzug vom Außenbezirk in die Zentrumsnähe nur dann zustimmen, wenn dafür das Auto aus dem Familienbesitz verschwinde, stellte er klar. "Er ist eben ökologisch sehr bewusst", sagt Stoss, die nicht lange überlegen musste, um sich zu entscheiden: Auto weg, neue Wohnung und Fahrrad her. Das einzige, was jetzt noch fehlte, war "ein Gefühl dafür, wie man sich in der Stadt richtig bewegt".
Linksabbiegen macht Sorgen
Straßenbahnschienen, plötzlich endende Radstreifen, nervöse AutofahrerInnen und jäh aufgehende Autotüren seien Risikofaktoren, gibt Sonja Debenjak von der IG Fahrrad zu: "Aber man kann lernen, wie man damit umgeht." Debenjak leitet die "Fahr sicher Rad"-Kurse der IG Fahrrad in Wien, und Kornelia Stoss ist ihre Kundin. In drei Einheiten besprechen sie die Problemzonen im Radverkehr durch, in ausgiebigen Praxisstunden trainieren sie, wie man sie sicher durchfährt. "Besonders das Linksabbiegen auf stark befahrenen Kreuzungen macht vielen Probleme", sagt Debenjak. Beim Trockentraining in der Wohnstraße wird es geübt , erst in der dritten Einheit geht es in dichteren Verkehr. Dann sollten alle schon in der Lage sein, das Handzeichen vor dem Abbiegen noch beim Einfahren in die Kurve beizubehalten. Zum rechten Straßenrand wird konstant ein Meter Abstand gehalten, "so wird man besser gesehen und kann Autotüren ausweichen".
Überhaupt sei das Wichtigste, "nach außen hin offensiv, innerlich defensiv" zu fahren, sagt Debenjak. Anders gesagt: Sich nicht einschüchtern zu lassen, sich den Platz zu nehmen, den man braucht, um sich sicher zu fühlen, aber innerlich zurückhaltend und bremsbereit zu sein, werde im Kurs trainiert.
Schwere Unfälle
Als Stationsleiterin einer geriatrischen Einrichtung weiß Kornelia Stoss, dass es mit zunehmendem Alter schwerer fällt, sich neue Techniken anzutrainieren, und baut vor. Gleichzeitig bemerkt sie schon jetzt, "dass ich weniger Kraft und Ausdauer habe, als mit 40".
Verkehrssicherheits-ExpertInnen empfehlen vor allem älteren Menschen, sich im Stadtradeln von Profis schulen zu lassen: In 62 Prozent aller tödlichen Radunfälle im Jahr 2009 waren die Opfer älter als 60 Jahre. "Senioren sind nicht unbedingt häufiger in Unfälle verwickelt, aber die Unfallfolgen sind oft schwerer", sagt Elisabeth Gerstendorfer vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV). Die geringere Knochendichte, Herzkrankheiten und ein allgemein schlechterer Gesundheitszustand lassen harmlose Unfälle bei älteren Menschen fatal enden lassen. Paradox daran: Genau diese Leiden sind es, zu deren Vorbeugung MedizinerInnen regelmäßiges Radfahren empfehlen: Da der größte Teil des Gewichts nicht die Gelenke, sondern den Sattel belastet, gilt Radfahren besonders schonender Sport, der sich , wenn damit Einkäufe oder Besuche erledigt werden, zudem unkompliziert, weil nebenbei, betreiben lässt.
Ältere Menschen zählen schon jetzt zu den aktivsten AlltagsradlerInnen. Laut Statistik Austria fahren 15 Prozent der ÖsterreicherInnen regelmäßig Rad - bei den 60- bis 70-Jährigen ist der Anteil doppelt so hoch. Für eine alternde Gesellschaft bedeutet das: Auch ohne verkehrsplanerische Innovation wird der Radverkehr weiter zunehmen. Dies wiederum erhöht die Verkehrssicherheit: So hat in der Stadt Salzburg zwischen 1992 und 2004 der Radverkehrsanteil zwar um 40 Prozent zugenommen, das Verletzungsrisiko pro Radkilometer sank im selben Zeitraum aber um 40 Prozent. Der Grund leuchtet ein: Je präsenter RadfahrerInnen sind, desto eher werden sie von den AutofahrerInnen mitbedacht, wenn sie Autotüren öffnen oder scharf in Einbahnstraßen mit Radspur einbiegen, ohne auf entgegenkommende RadlerInnen zu achten.
Auch am Land mobil
Vor allem in ländlichen Gebieten ist das Radfahren für ältere Menschen oft die einzige Möglichkeit, selbständig mobil zu bleiben, da lokale Busverbindungen in den letzten Jahrzehnten zunehmend eingespart worden sind. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) fordert deshalb einen Ausbau der Radwege entlang Freilandstraßen. "In ländlichen Regionen gibt es auf den Freilandstraßen viel Verkehr, vor allem der Lkw-Verkehr hat zugenommen", so VCÖ-Sprecher Christian Gratzer. Auch im Ortsgebiet brauche es mehr verkehrsberuhigte Zonen, um älteren RadlerInnen das Fahren zu erleichtern.
Kornelia Stoss ist noch nicht lange im Stadtverkehr mit ihrem Rad unterwegs, doch mit dem Klischeebild, das über RadlerInnen herumgeistert, hat sie schon Bekanntschaft gemacht. "Ein Fiaker bei der Hofburg hat mich beschimpft, weil ich ihn überholt habe", erzählt sie. Zorn verspürt sie keinen, ihre Lektion in Sachen Wien-Verkehr hat sie längst gelernt: "Radfahrer schimpfen über Fußgänger, Autofahrer schimpfen über Radfahrer, eigentlich schimpfen alle über alle, und schwarze Schafe gibt es überall." (Maria Sterkl, derStandard.at, 21.7.2010)