Die afghanischen Sicherheitskräfte sollen bis 2014 die Verantwortung übernehmen - Im aktuellen Zustand wäre das ein Desaster
Am Dienstag wurde auf der Afghanistan-Konferenz verkündet, dass bis 2014 die afghanischen Sicherheitskräfte die Verantwortung für die Sicherheit im Land vollständig übernehmen sollen. Am Mittwoch wurden sechs afghanischen Polizisten im Norden des Landes von Aufständischen der Kopf abgetrennt. Nicht nur dieser Vorfall zeigt, dass die afghanischen Armee- und Polizeieinheiten noch nicht wirklich fit genug sind, um bei der andauernden instabilen Lage die Sicherheit im Land auch nur ansatzweise zu gewährleisten. Auch ein kürzlich vom US-Büro des Sondergeneralinspekteurs für den Aufbau in Afghanistan (SIGAR) präsentierter Bericht (siehe Download links) stellt den afghanischen Sicherheitskräften kein gutes Zeugnis aus.
Eigentlich sollte die afghanische Armee bis Oktober 2010
über 134.000 Soldaten verfügen, bis Oktober 2011 sollten 171.000
Soldaten bereitstehen. Die Zielstärken für die Polizei sind
109.000 für 2010 und 134.000 für 2011. Insgesamt 27 Milliarden
Dollar wurden für den Aufbau von Polizei und Armee bisher
ausgegeben.
Alle Bemühungen würden jedoch durch die weit verbreitete
Korruption und den Drogenmissbrauch bei den Sicherheitskräften
behindert, schrieben die SIGAR-Prüfer. Es gebe zu wenige Ausbilder,
die manchmal selbst schlecht ausgebildet seien.
Truppenstärke wird übertrieben
"Wir wissen mit heutigem Stand nicht, was die afghanischen Sicherheitskräfte wirklich können", so Arnold Fields von SIGAR gegenüber Reuters. Die
Truppenstärke werde bei offiziellen Statistiken oft übertrieben und die Abwesenheit von Soldaten
ignoriert. Nur 74 Prozent des aktuellen Armeepersonals seien einsatzfähig, bei der Polizei noch weit weniger. Die afghanischen Sicherheitskräfte ließen ihre
Aufgaben häufig auch dann im Stich, wenn sie von ihren
Ausbildern ausgezeichnete Noten erhalten hätten. "Die
afghanische Polizei stellte oft einfach die Arbeit ein, sobald
wir die Gegend verlassen hatten", beschwerte sich eine Gruppe
von Ausbildern laut Bericht.
Ein Fallbeispiel aus dem Bericht: In Bati Kot, einer Polizeistation, die ursprünglich Bestnoten erhielt, hatte man laut Polizeiangaben zehn Einsatzfahrzeuge zur Verfügung, eine Kontrolle ergab jedoch, dass nur drei afghanische Beamte fähig waren mit diesen zu fahren.
Taliban zahlen besser
Mitverantwortlich für die hohen Desertationsraten ist auch die vergleichsweise schlechte Bezahlung der Sicherheitskräfte: Die Angaben schwanken zwischen 150 und 240 Dollar, die Taliban sollen 300 Dollar bezahlen, private Sicherheitskräfte noch mehr.
Wer dennoch Soldat oder Polizist werden will, stößt bei der Ausbildung auf sprachliche Barrieren. Übersetzer müssen engagiert werden, die selbst keinerlei Erfahrung in Sachen Polizei- bzw. Militärbereich haben. Einige Gegenden seien laut SIGAR-Bericht zudem so gefährlich, dass die
Ausbildung per
Funk stattfinden müsse. Was dann bei den Rekruten am Ende der Kommunikationskette ankommt, kann oft nicht mehr als Ausbildung bezeichnet werden. Dazu kommt auch noch die mangelnde Bildung der
angehenden Sicherheitskräfte: Laut einem
Bericht der ARD sind 70 Prozent der Bewerber für die Armee
Analphabeten.
Korruption Hauptgegner
Die schwierigste Herausforderung, um funktionierende afghanische Sicherheitskräfte zu installieren ist der hohe Grad an Korruption. Laut dem SIGAR-Bericht existieren
zahlreiche Berichte über Polizisten, die Benzin oder Waffen
abzweigten und Reisenden an Kontrollpunkten Geld abknöpften. Es gibt auch Meldungen über "Geister"-Polizisten, die entweder gar keine sind, oder behaupten, einen höheren Rang zu haben, um an mehr Geld ranzukommen.
Laut einem Bericht des ZDF seien früher die Gehälter oft gar nicht bei Beamten angekommen, weswegen man ein neues System installierte: Die Polizisten bekommen eine SMS mit einer
Geheimnummer auf ihr Handy geschickt und können ihr Geld dann in einem
Telefonladen abholen. EUPOL-Sprecher Harald Händel berichtete allerdings von
einem Fall, bei dem ein Polizei-Kommandeur die Handys seiner 53 Untergebenen
einsammelte, um das Geld selbst zu kassieren. Als der Telefonladen-Besitzer die
Auszahlung verweigerte, drohte der Kommandeur, das Geschäft in Brand zu stecken.
Händel sagte, zwar bemühe sich die Anti-Korruptionseinheit von EUPOL darum, dass
der Mann festgesetzt werde - jedoch ohne Erfolg, da es wegen des
Personalnotstands keinen Ersatz für ihn gibt.
Drogenmissbrauch
Einer afghanischen Erhebung zufolge seien 17 Prozent der
Polizisten drogensüchtig. Die Nato hält diese Quote allerdings
für zu niedrig gegriffen. Im SIGAR-Bericht ist von mindestens 50 Prozent die Rede und es wird ein Extremfall von einer ANCOP-Polizeieinheit in der Provinz Nangarhar geschildert: Laut Aussagen von US-Militärs hat hier das Sicherheitspersonal - ein Team von rund 100 Polizisten - ganz offen Marijuana geraucht und wollte weder Einsätze durchführen noch den Wachposten verlassen. Die Reaktion des afghanischen Innenministeriums auf die drogensüchtige Exekutive: Wer nicht innerhalb von drei Monaten nachweisen kann, dass er nicht mehr abhängig
ist, fliegt aus dem Polizeidienst.
Übrig bleibt eine Hand voll Unbestechlicher und Drogenverweigerer voller Idealismus, die ab 2014 jenen Frieden im Land am Hindukusch garantieren sollen, den fremde Militärmächte mit enormem Personal- und Materialeinsatz nicht bringen konnten. (rasch, derStandard.at, 22.7.2010)