Aids kennt keine Grenzen

Was ist eine Katastrophe?

Eva Tinsobin, 22. Juli 2010, 14:44
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    foto: marcell nimfuehr/msf

    Den Kampf um lebensrettende Medikamente stellte Ärtzte ohne Grenzen im Rahmen einer Pressekonferenz am Wiener Donaukanal im Vorfeld der der Welt-Aids-Konferenz 2010 symbolisch dar.

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    foto: derstandard.at/tinsobin

    Franz Neunteufl, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich, fordert die Regierungsmitglieder und höchsten Repräsentanten zur klaren Bekenntnis, "dass menschliches Leid und menschliche Würde uns alle betrifft."

Mehr als zwei Millionen AIDS-Tote im Jahr sind für humanitäre Organisationen eine Katastrophe - Die österreichische Regierung sieht das anders

33 Millionen Menschen weltweit sind nach Schätzungen mit HIV infiziert. 12 Millionen benötigen eine medikamentöse Behandlung, aber nur ein Viertel erhält sie. Die Differenz zwischen Bedarf und Zugang zu den Medikamenten führt dazu, dass es mehr Neuinfektionen als neu behandelte Patienten gibt. So infizieren sich 2,7 Millionen Menschen pro Jahr mit dem HI-Virus. Um diesen Status umzukehren, müssen der weltweite Zugang zur Behandlung und die finanzielle Unterstützung im Kampf gegen HIV und AIDS intensiviert werden, fordern internationale Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen.

"Falsche politische Entscheidungen"

"In den letzten zehn Jahren gab es große Fortschritte im Kampf gegen AIDS", weiß Mit Philips, Expertin für HIV/AIDS bei Ärzte ohne Grenzen in Brüssel, "doch diese drohen durch falsche politische Entscheidungen zunichte gemacht zu werden." Der Global Fund zur Bekämpfung gegen HIV/AIDS, Tuberkolose und Malaria leide unter massiven Finanzierungsproblemen, denn die Bereitschaft der Länder zu finanzieller Unterstützung sei radikal zurückgegangen.

In Zeiten der globalen Finanzkrise frieren internationale Geldgeber die finanzielle Unterstützung ein. Damit tragen sie zu einem Zurückfahren der Behandlungsprogramme bei. Ärzte ohne Grenzen müssen bei ihren Einsätzen vor Ort erleben, dass bereits existierende Therapieprogramme nicht fortgesetzt werden können und warnen vor den Auswirkungen.

Global sinnvolles Engagement

AIDS betrifft nicht nur ein paar Außenseiter, sondern eine ganze Nation. So ist einer von vier bis fünf Afrikaner mit dem HIV-Virus infiziert. Dort wo sich die medizinische Behandlung flächendeckend durchgesetzt hat, ist die Sterblichkeitsrate dramatisch zurückgegangen.

Eine internationale finanzielle Unterstützung der AIDS-Prävention und -Therapie geht also weit über eine soziale Leistung für einzelne Menschen in vermeintlich weit entfernten Ländern hinaus: Sie trägt zur globalen Eindämmung der Verbreitung von HIV bei, denn bei HIV-Infizierten und an AIDS Erkrankten, die in erfolgreicher Therapie stehen, sinkt die Viruslast oft unter die Nachweisgrenze. Sie sind nicht mehr infektiös und für alle infektiösen Erkrankungen gilt: Je weniger Menschen infiziert sind, um so geringer die Verbreitung. Dennoch sinken seitens der internationalen Staaten das Interesse und die Bereitschaft zu finanzieller Unterstützung.

"Mangelnde Verantwortung"

Besonders geringe Spendenfreudigkeit attestiert Franz Neunteufl der österreichischen Bundesregierung. Der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich kritisiert "die mangelnde Verantwortung des Landes", das 2001 die weltweite Verpflichtungserklärung unterschrieben hat, bis 2010 Zugang zu Medikamenten für alle zu schaffen. Der einmalig eingezahlte Beitrag beschränkte sich auf eine Million US-Dollar. Im Vergleich dazu beteiligte sich das vergleichsweise über geringe finanzielle Ressourcen verfügende Irland mit 216 Millionen. Selbst Nigeria brachte neun Millionen US-Dollar zur Bekämpfung von HIV/AIDS, Tuberkolose und Malaria auf.

Eine Frage der Definiton

Seit fünf Jahren diskutiert Ärzte ohne Grenzen mit der österreichischen Regierung über die Definition einer Katastrophe. Bei mehr als zwei Millionen AIDS-Toten weltweit im Jahr handelt es sich für Neunteufl eindeutig um eine solche. Auf seine "vorsichtige" Anfrage nach einem Zuschuss für den Kampf gegen AIDS, Tuberkolose und Malaria aus dem angeblich immer noch gut gefüllten Tsunami-Katastrophenfonds Österreich, lautete die Antwort der Verantwortlichen: "Für uns entspricht das nicht der Definition einer Katastrophe." Auch vom Bundeskanzleramt, Gesundheitsministerium und Außenministerium erhielt Neunteufl eine Abfuhr: "Wir haben kein Geld und diese Krankheiten sind nicht unsere Sorge."

Feigheit

Für den Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich handelt es sich nicht um ein Problem finanzieller Natur, sondern um eines, das tiefer sitzt. "Die Politiker meinen, dass AIDS weit weg ist und die Menschen bei uns nicht betroffen sind. Ich sehe aber angesichts der hohen Spendenbereitschaft nach dem Tsunami oder dem Erdbeeben auf Haiti sehr wohl Betroffenheit."

Hinter dem Unwillen, den Kampf gegen Aids finanziell zu unterstützen, steht für Neunteufl nichts anderes als "Feigheit und ein klein Beigeben vor einer provinziellen, kleingeistigen Strömung, die es aktiv zu bekämpfen gilt." Weshalb er die Regierungsmitglieder und höchsten Repräsentanten auffordert, klar zu bekennen, "dass menschliches Leid und menschliche Würde uns alle betrifft." Dabei gehe es nicht nur um HIV und AIDS, sondern um die gesamte Entwicklungszusammenarbeit, die tendenziell gekürzt werde. "Österreich verabschiedet sich zunehmend von der internationalen Zusammenarbeit."

Absage

Die österreichische Regierung plant bis inklusive 2014 keine finanzielle Unterstützung für den Global Fund zur Bekämpfung von HIV/AIDS, Tuberkolose und Malaria. In einem Schreiben des Außenministeriums an den Global Fund heißt es: "Die Österreichische Regierung hat keine budgetären Mittel um den Global Fund zu unterstützen. Weder in der gegenwärtigen budgetären Legislatur noch in den Jahren 2011 bis 2014."

Das Gesundheitsministeriums betont, bei der Gründung des Global Fund habe man in diesen eingezahlt, nun widme man sich anderen internationalen Anti-AIDS-Programmen. So wollle man 2010 etwa der WHO und der UNO eine Million Euro zukommen lassen. Drei Millionen Euro wurden in die Welt-AIDS-Konferenz investiert. "Solche Argumente können wir nicht akzeptieren", betont Neunteufl auch im Hinblick auf den Mehrwert, der durch die Konferenz lukriert wird.

Beharrlichkeit

Als "zermürbend", schildert Neunteufl den täglichen Kampf um die finanziellen Mittel, „aber wir werden lästig bleiben." Unter den zivilgesellschaftlichen Organisationen gebe es Tendenzen, sich stärker zu koordinieren und Ziele zu setzen, die man dann gemeinsam nach außen tragen könne. Tido von Schön-Angerer, Direktor der Campaign for Access to Essential Medicines von Ärzte ohne Grenzen mit Sitz in Genf weiß: "Wenn Aids nicht behandelt wird, ist das Szenario dasselbe wie vor zehn Jahren." Deshalb fordern globale Organisationen neben finanzieller Hilfe auch Unterstützung zum universellen Zugang zu Medikamenten. "Die Zukunft der globalen HIV- und AIDS-Therapie liegt in Gernerica, die in Indien produziert werden und für alle erschwinglich sind." (derStandard.at, 22. Juli 2010)

Kommentar posten
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Andreas Rantl
21
23.7.2010, 14:30
aids wird doch langsam langweilig

hoffentlich kommt bald ein neuer Virus der mal wieder ein bisschen Schwung in die Sache bringt.

atlan2001
 
11
23.7.2010, 10:25
nachdenkliche und provokante These/Frage...

Es werden wohl auch in Zukunft immer wieder neue Krankheiten und Seuchen auftauchen - selten aber doch auch so heimtückische und tötliche wie AIDS.
Als AIDS zum ersten Mal in den industrialisierten Ländern vielen Jahren diagnoistiziert wurde, gab es Stimmen - und nicht von den Dümmsten - welche ein radikales Vorgehen forderten, da es sonst zur Katastrophe käme: Reihenuntersuchungen, Zwangsuntersuchungen, Zwangskontrollen in den Risikogruppen und an den Grenzen usw. .
Aus guten, menschenrechtlichen Grünen wurde Das damals rundweg abgelenht und auf reine Freiwilligkeit gesetzt.
Wieviele Tote gabs bis heute ? Wie werden wir bei der nächsten Seuche reagieren?
Wieviele Tote sind uns unsere Prinzipien wert?

Schreck
02
23.7.2010, 17:40

Das Problem ist eher ein statistisches: Selbst wenn es 99% Gewissheit gibt, liegt die Fehlerquote bei 1%. 1% auf die Gesamtbevölkerung sind verdammt viele Menschen mit falschen Diagnosen. Deswegen gibt es keine Standard-Massenuntersuchungen und -diagnosen.

D.S.1
00
27.7.2010, 01:01

Die Spezifität liegt bei vielen Testkits unter Umständen noch wesentlich unter 99%.
http://www.determinetest.com/about_hiv... _data.aspx
Es gäbe in Österreich also mind 80000 (falsch) Positive (ohne Bestätigungstests!).
Mir ist aufgefallen, dass in allen Ländern, wo keine Bestätigungstest gemacht werden (Ukraine, Afrika, etc.) die HIV-Rate tatsächlich weit über 1% liegt. Zufall??
Trotzdem wurden oder werden Massentestungen vielerorts eingeführt (Österreich: Schwangere!, Südafrika, etc.)!

mrsoul
00
23.7.2010, 11:02
blinder aktionismus

die hoffnung, durch zwang und beschneidung von menschenrechten etwas zu erreichen, ist nur auf den ersten blick erfolg versprechend:
- solche untersuchungen müssten regelmäßig stattfinden. wie oft konkret? und quarantäne bei einreise?
- die konzentration auf "risikogruppen" fördert gedankenlosigkeit bei "nicht-risikogruppen". sinnvoll ist auf risikoverhalten zu achten - und das betrifft menschen quer durch alle gruppen, schichten,... die meisten neuinfektionen in österreich gibt es durch heterosexuellen.

atlan2001
 
00
23.7.2010, 11:47
Argumente von damals...

Genau Ihre Argumente (und es sind Gute) wurden auch damals vorgebracht. Damals war AIDs noch auf relativ kleine, überschaubare Risikogruppen beschränkt und Medikamente zur Bekämpfung gabs damals garnicht. (Das was wir heute haben ist ja schon ein riesen Fortschritt).
Trotzdem: 2 Mio Tote JÄHRLICH - wären die durch ein entschlossenes (und eventuell auch kostenintensives) Vorgehen zumndest zum Teil zu verhindern gewesen? Stimmen dazu gabs ja schon damals.
Eines ist jedenfalls sicher: Die nächste Seuche kommt bestimmt - Wiederholen wir dann die Geschichte ? Ich halte diese gigantische Katastrophe jedenfalls für groß genug um über aussergewöhnliche Massnahmen fürs nächste Mal nachzudenken. Die reine Freiwilligkeit hat ja offensichtlich versagt

DagmarRehak
 
00
23.7.2010, 10:21
Ich definiere das ebenfalls nicht als Katastrophe.

Eine Katastrophe wäre es, wenn bei EINEM Ereignis zwei Millionen Menschen sterben würden. Aber die AIDS-Toten sind lauter Einzelfälle, die mit einer gewissen Häufigkeit auftreten, so wie Hungertod oder Hitzetod oder was auch immer.
Ein bissl polemisch sind sie schon, die Ärzte ohne Grenzen.

Tethys
00
23.7.2010, 13:58

Nicht ganz.

Eine Katastrophe ist gekennzeichnet durch eine länger andauernde bzw. großräumige Schadenslage, deren Bewältigung mit "eigenen Mitteln" nicht mehr geschafft werden kann und man somit auf überregionale Hilfe angewiesen ist.

Seuchen zählen somit ebenso dazu wie Hungersnöte, Massenvertreibungen oder Naturkatastrophen.

Godesberg
00
23.7.2010, 11:08

Wenn in Südafrika ein Fünftel der Bevölkerung HIV-positiv ist, ist das keine Katastrophe?

Hätten wir in Mitteleuropa eine solche Rate, würde die Gesellschaft komplett zusammenbrechen.

DagmarRehak
 
00
23.7.2010, 12:56

Du verstehst das nicht Godi:
Eine Katastrophe ist ein einmaliges schreckliches Ereignis mit hohen Schäden. Dass in Südafrika ein Fünftel der Bevölkerung HIV-positiv ist, ist zweifellos schrecklich, aber keine Katastrophe, sondern eine Epidemie.

Tethys
00
23.7.2010, 15:51

Nein, AIDS ist keine Epidemie.

metall81
00
23.7.2010, 13:15
Glauben Sie, Sie können die Ernsthaftigkeit...

...von HIV/AIDS jetzt einfach so wegdefinieren?

DagmarRehak
 
01
23.7.2010, 13:37
GODI!!!!!

Es geht um den Begriff "Katastrophe", nicht um AIDS.
Die grenzenlosen Ärzte wollen Geld aus dem Katastrophenfonds, das ist aber für Katastrophen da, Erdbeben, Tsunamis und so Zeux, aber NICHT für Jahrzehnte währende Epidemien. Katastrophen sind unvorhersehbare schlimme Ereignisse, bei Epidemien kann man im Voraus planen. Das ist ein wesentlicher Unterschied, und deswegen muss der Katastrophentopf voll bleiben für den Fall, dass der Großglockner oder der Stephansdom umstürzt.
Ich kann ja auch nicht zum Katastrophenfond gehen und sagen: "Ich hab kein Geld, das ist für mich eine Katastrophe. Also gebt mir was!"

Tethys
00
23.7.2010, 14:01

Dagmar, Seuchen zählen offiziell zu "Katastrophen" - ob Sie das jetzt für sich so sehen wollen oder nicht. Fakt ist Fakt.

DagmarRehak
 
00
23.7.2010, 15:09

AIDS ist keine Seuche. Dazu breitet es sich nicht schnell genug aus.

Tethys
00
23.7.2010, 15:48

Eine Seuche ist eine hochansteckende Infektionskrankheit.

Mit "Geschwindigkeit" hat Seuche nichts zu tun.

DagmarRehak
 
01
23.7.2010, 16:27

Und je hochansteckender, desto schneller breitet sie sich aus.
AIDS ist nicht hochansteckend, breitet sich also langsam aus. Eigentlich ist AIDS überhaupt nicht ansteckend, wenn man sich an gewisse Verhaltensregeln hält.

Godesberg
10
23.7.2010, 23:27

AIDS ist tatsächlich nicht ansteckend, egal wie man sich verhält.

Das HIV hat aber in einigen südafrikanischen Staaten bereits ein Fünftel der Bevölkerung erreicht. Stellen Sie sich vor jeder fünfte den Sie kennen wäre HIV-positiv.

Das wäre eine Katastrophe.

Desperate83
00
26.7.2010, 16:18

HIV-positiv ist nicht gleichbedeutend mit AIDS und dass HIV AIDS unweigerlich auslöst, ist wissenschaftlich umstritten. Sogar namhafte Wissenschafter (darunter einige Nobelpreisträger) sowie der Entdecker des HI-Virus selbst zweifeln daran, dass HIV so gefährlich ist, wie dogmatisch und ohne jegliche Beweise behauptet wird.

Godesberg
00
26.7.2010, 19:28

Sorry, das ist keineswegs umstritten, nur weil ein paar Leute ihren Verstand verloren haben oder sinnentstellend zitiert werden.

Godesberg
01
23.7.2010, 15:29

Wieviel km/h brauchts denn damit es ne Seuche ist?

DagmarRehak
 
01
23.7.2010, 13:45

Du machst es dir da aber ziemlich einfach, Godi.
Zum Inhalt:
Niemand versteht, dass eine Impfung, die vor einer Krankheit schützen soll, Antikörper erzeugt, sondern man sieht den Impfling als erkrankt an. Das ist ungefähr so, wie wenn man einer schwangeren Frau, bei der die Röteln-Impfung zufällig gegriffen hat, zur Abtreibung rät, weil sie Röteln hat.
Und dann findet es auch keiner was dabei, dass die Impfungen zu einem viel zu hohen Prozentsatz gar nicht greifen, also keine Antikörper gebildet werden. Da wird der Impfling - so wie ich damals mit den Röteln - in einer trügerischen Sicherheit gewogen.

Und das mit dem wunderbaren Immunsystem ist einfach wahr, auch wenn der Kopp Verlag eine Seite auf esowatch hat.

Godesberg
21
23.7.2010, 15:32

Sie verstehen offenbar genauso wenig wie der Autor dieses dilettantischen Artikels, wie Impfungen funktionieren.

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