Die Emotionen gehen hoch: Beim Ground Zero in Manhattan soll ein islamisches Zentrum errichtet werden - Reportage
Lange hat Sally Regenhard keine Regung erkennen lassen, ist nur still dagesessen in ihrem Klappstuhl im großen Hörsaal des Hunter College, in den Händen ein Bild von Christian, ihrem Sohn. Es zeigt den 28-Jährigen in der Montur eines Feuerwehrmanns. Es ist das letzte Bild, das es von ihm gibt, bevor die Zwillingstürme des World Trade Center einstürzten und er unter den Trümmern begraben wurde.
Christians Mutter hat schweigend zugehört, wie die Denkmalschützer auf dem Podium Pro und Kontra auf die Waagschale legten. Abriss, ja oder nein? Ist ein 152 Jahre altes lädiertes Haus im Finanzbezirk Manhattans erhaltenswert? Irgendwann springt sie auf. "Denkmalschutz, schön und gut. Ground Zero ist heiliger Grund. Dort eine Moschee zu bauen, das wäre ein Sakrileg." Es sei schon hart genug, hinunterzusteigen in diese Grube des Todes. "Meinetwegen können sie überall bauen, nur nicht am Ground Zero" , ruft Sally Regenhard.
Genau genommen sind es zwei Häuserblöcke, die die potenzielle Baugrube von der Stelle trennen, an der Terroristen am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Twin Tower krachen ließen. 45-47 Park Place heißt die Adresse. Früher wurden hier, in einem Ableger der Burlington Coat Factory, Mäntel genäht und verkauft. Heute ist es ein verlassenes Gebäude in einer schmalen Straße.
Ein Bauunternehmer namens Sharif El-Gamal hat die Ruine bereits gekauft. An ihrer Stelle will er ein islamisches Zentrum errichten, 13 Etagen hoch, mit Schwimmbad, Kunsthalle, Kochschule, Fitnesscenter, Restaurants und Moschee. Faisal Abdul Rauf, der Imam, der dort das Gebet leiten soll, hat einen schönen Namen beigesteuert: Cordoba House. Pate steht die historische Stadt in Andalusien, in der Christen, Juden und Muslime über Jahrhunderte friedlich zusammenlebten.
"Wir sind die Antiterroristen" , sagt der Imam, der seit 1983 ein paar Straßen weiter Gottesdienste zelebriert. "Wir sind die gemäßigten Stimmen des Islam." Die Bürgerversammlung im Süden Manhattans sieht es genauso und unterstützt das Projekt mit 29 Stimmen gegen eine. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg spricht von einem Symbol der Toleranz und mahnt die Kritiker, bitte nicht zu vergessen, was die Stärke der Stadt ausmache: schrankenlose Weltoffenheit. "Der Staat sollte den Leuten niemals - niemals! - vorschreiben, wo sie beten dürfen und wo nicht. Wenn jemand ein Gotteshaus bauen will, soll er es tun."
Unter den Hinterbliebenen der 9/11-Opfer schlagen die Wellen der Emotion hoch bei der Anhörung im Hunter College, einer Traditionsuniversität in der Upper East Side. Die einen halten es mit Bloomberg, andere mit Sally Regenhard. "Wir sind auch New Yorker" , wirft Dania Darwish ein, eine junge Muslimin, die bei dem Angriff eine Tante verlor. "Alle, die hier rumschreien, wissen doch gar nichts über uns. Wenn die Moschee steht, lernen sie vielleicht etwas über den wahren Islam."
Jemand schlägt vor, alles beim Alten zu lassen und das Streitobjekt kurzerhand zum Kriegsdenkmal zu erklären. Andere finden das zu martialisch, pochen aber sehr wohl auf die Denkmalpflege - eine Hürde, an der die Moschee noch scheitern kann. 1858 eingeweiht, wurde die Mantelfabrik einem italienischen Palazzo der Renaissance nachempfunden. Italienische Palazzi seien heute eine Seltenheit in Manhattan, argumentiert die Fraktion der Denkmalschützer, daher müsse man alles retten, was noch stehe. "Wieso kommt ihr erst jetzt darauf?", schallt es aus dem Saal. Ein Mann mit Bauhelm kontert mit einem Plakat: "Kein Kamikaze-Denkmal in Pearl Harbor, also auch keine Moschee am Ground Zero!" Das lässt einen Rentner sein eigenes Spruchband entrollen: "Hört auf, alle Muslime zu Sündenböcken zu stempeln!" (Frank Herrmann aus New York/DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2010)