Das Prinzip "Verhaberung"

Anita Zielina, 21. Juli 2010 11:29
  • Artikelbild

    Der Journalisten-Report III
    Politikjournalismus in Österreich
    Von Andy Kaltenbrunner, Matthias Karmasin und Daniela Kraus
    Facultas Universitätsverlag

Österreichs Innenpolitik-Journalismus funktioniert seit jeher ein bisschen anders als anderswo - Wie und warum, das untersuchte der dritte Teil des "Journalistenreports"

Mit Politikern verhabert, immer weniger investigativ tätig, oft parteiisch, wenig innovativ was die Nutzung neuer Medien angeht - So könnte man, wenn man Vorurteile bedienen will, Österreichs Innenpolitikjournalismus beschreiben. Man könnte aber auch eine empirische Studie mit Interviews und Telefonbefragungen unter Österreichs Polit-JournalistInnen machen und diese selbst zu ihrer Arbeitsweise, ihren Wertvorstellungen, ihrer Jobzufriedenheit und ihren Zielen Stellung nehmen lassen - und so einige der Vorurteile zumindest teilweise entkräften, andere empirisch belegen.

Genau das hat das Medienhaus Wien getan, und herausgekommen ist ein breit angelegter Befund über Österreichs Politikjournalismus, den man unter dem Schlagwort: "Nicht außerordentlich hoffnungsvoll, aber auch keineswegs hoffnungslos" zusammenfassen könnte. Um bei den eingangs angesprochenen Vorurteilen zu bleiben:

  • Verhaberung zwischen Politikern und Journalisten?

Ja, die gibt es - und nein, die tut kritischer Distanz zwischen dem Objekt der (Interview)-Begierde und dem objektiv bleiben sollenden Medienmacher nicht gut. 73 Prozent der 100 befragten JournalistInnen finden die mangelnde Distanz problematisch. Ein erstaunlicher Wert der Selbsterkenntnis, könnte man meinen. Ob bei den 73 Prozent wirklich keiner dabei ist der mal mit dem Herrn Landesrat beim Heurigen sitzt oder sich von der Frau Spitzenkandidatin auf ein Schnitzerl einladen lässt, steht auf einem anderen Blatt.

  • Immer weniger investigative Recherche?

Auch das ist, traurig aber wahr, kein großes Geheimnis. Nur zehn Prozent der Befragten sind mit der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit für Recherche "sehr zufrieden", Einsparungen, Zeit- und Quotendruck sind in österreichischen Redaktionen keine Seltenheit. Während JournalistInnen ihrer Kontrollfunktion hohe Bedeutung zumessen, finden zugleich nur 21 Prozent, dass die Bedeutung des investigativen Journalismus zunimmt.

  • Parteiisch statt Objektiv?

Um in Österreich auf Gesinnungsjournalismus zu stoßen, muss man nicht lange suchen. Der Kampagnenjournalismus der Kronen Zeitung ist zwar "Vorzeigebeispiel", aber nicht das einzige. Wobei Politikjournalismus mit einer ausgeprägten Meinung ja nicht problematisch ist, wenn die Trennung zwischen Bericht und Kommentar beachtet wird. 97 Prozent der Befragten halten „Kritik an Missständen" für ein zentrales Element ihrer Rolle, 60 Prozent die Vermittlung "positiver Ideale" - und das sind Eigenschaften, die das Vertreten einer eigenen Meinung voraussetzen, schon alleine was die Definition von „Missstand" oder "Ideal" angeht.

  • Uninteressiert an neuen Medien?

Sowohl was den Publikationskanal als auch was die Recherchewege angeht sind Österreichs PolitikjournalistInnen Traditionalisten. Zwar wird "das Internet" von fast allen als wichtig eingeschätzt, dabei geht es aber vorrangig um die Onlineangebote anderer Medienhäuser. Wenn Suchmaschinen benutzt werden, dann vor allem Google. Twitter, Facebook oder Blogs spielen für die meisten noch eine relative unwichtige Rolle. Aber: Acht von zehn Befragten gaben an, Wikipedia mindestens einmal pro Woche beruflich zu nutzen - eine Entwicklung, die nicht nur die Autoren kritisch bewerten, sondern auch der Politologe Emmerich Talos, der in einem Exkurs im Buch Wikipedia auf den Wert der publizierten Infos in einem seiner Forschungsbereiche, dem Austrofaschismus, prüfte. Das Ergebnis laut Talos: Dürftige und zum Teil "inhaltlich verzerrte" Einträge.

Österreich taucht durch: "Hurra, wir leben noch"

Wie geht es also Österreichs PolitikjournalistInnen? Die Strukturveränderungen der Medienbranche, die Weltwirtschaftskrise: In der österreichischen Branche, so die Conclusio bereits im Vorwort des Reports, herrsche "allemal Irritation". Aber: "Österreichs Medien und Journalisten tauchen irgendwie durch. Hurra, wir leben noch. Aber wie viel autonomer Spielraum bleibt für selbstbewusste Publizistik?" Auf diese - zugegeben sehr komplexe - Frage gibt der "Journalistenreport" nur bedingt Antworten, wohl auch weil der Spielraum stark mit der Art des Beschäftigungsverhältnisses und dem jeweiligen Medienhaus zusammenhängt und sich diese Ergebnisse schwer vereinheitlichen lassen. 

Während die Kapitel zur Selbsteinschätzung der Befragten, die auf der empirischen Studie beruhen, informativ, gut belegt und relevant sind, wirken manche Teilthemen etwas willkürlich ausgewählt, zu Lasten relevanter Aspekte, die nur am Rande vorkommen. So wichtig die Frage nach der Relevanz von Wikipedia oder der "Europabezogenheit" österreichischer JournalistInnen auch ist, was etwas zu kurz kommt sind Zukunftsfragen.

In den Kinderschuhen

Der Online-Aspekt wird zwar insofern abgehandelt, als Onlinerecherche thematisiert wird, über die Möglichkeiten sich als Politikjournalist multimedial zu betätigen und online zu publizieren, über die Chancen und Risiken der Crossmedialität, die sich verändernden Arbeitsweisen wird nur wenig geschrieben. Aber Online-Politikjournalismus steckt, das sei den Autoren zu Gute gehalten, bei uns - anders als etwa in den USA - auch noch in den Kinderschuhen. Umso sinnvoller wäre es, sich damit wissenschaftlich zu befassen - Jetzt, und nicht erst dann wenn auch der "Mainstream"-Journalist merkt, dass sich sein Beruf unwiderruflich verändert. Wikipedia-Bashing ist so "last season", auch wenn es Berechtigung hat. (Anita Zielina, derStandard.at, 20.7.2010)

Infos

Diesmal trägt der Journalistenreport den Titel: "Politikjournalismus in Österreich". Die ersten beiden Teile des Reports befassten sich mit statistischen Daten über den österreichischen Journalismus (Teil Eins) beziehungsweise Motive und Werte der MedienmacherInnen (Teil Zwei). Befragt und interviewt wurden 100 PolitikjournalistInnen (von insgesamt 300 in Österreich).

Zum Thema
Grüne Parteipräferenzen

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2
Wieviel Demokratie ist es bitte?
22.07.2010 10:50
Viele Politiker und Ehemalige

wissen ja schon seit Tut-Ench-Amun begraben wurde, welches Parfüm die Vorleserinnen der ZiB2 bevorzugen, wann sie ihren Eisprung haben und wann die Regel stattfindet.

Man erkennt sich am Geruch, seit Politiker distanzlos im ZiB-Sudio eine Zweitwohnung haben und die Verlesung der Nachrichten als über die Schulter schielende Beisitzer kontrollieren.

Ich wunder' mich immer, warum Politiker die Nachrichten nicht gleich selbst vorlesen, wenn sie schonmal da sind und ebenso, warum sie ihre Fiction-Stories noch als "Interview" mit Brünett oder Blond tarnen lassen.

Gibt's nur wo?

Yeah, right: Austria.

Gerhard Grabner
21.07.2010 23:25
Wurscht zu welchem Thema...

..der Karmasin muss überall seinen Senf dazugebe,

Entropix
21.07.2010 22:51
na ja,

auch Journalisten müssen den Gusto der Konsumenten befriedigen, wenn sie überleben wollen. Also sollten wir Medien-Konsumenten uns ab und zu bei der eigenen Nase nehmen ;-)

Erwin Wolfram
21.07.2010 21:32

komisch, als in den anchrichten stand wir muessen die banken retten sonst werden die armen noch aermer hat niemand von verhaberung gesprochen, jetzt ist es ja bewiesen: die reichen wurden reicher und die armen aermer.

der kleine Dicke
21.07.2010 20:43
Die Frage ist trotzdem

ob jetzt News Haider groß gemacht hat oder nicht.

Oder "Österreich" Strache.

tucker maxxx
22.07.2010 11:58

die haben sich gegenseitig gepusht.nur mit 5tandard und grüne klappt das so gar ned wie gewünscht ;-)

"WILLKOMMEN" - im Sumpf der Verblödung!
 
21.07.2010 18:35
wenn sich jeder an 2 händen festhält, dann fällt man eben nicht so schnell.

Bromer
21.07.2010 18:27

Eine beruhigende Meldung immerhin: "Twitter, Facebook oder Blogs spielen für die meisten noch eine relativ unwichtige Rolle."

Rauscher, der Hundefreund
21.07.2010 16:01
ceterum censeo Mediaprint delendam esse

tucker maxxx
22.07.2010 11:59

GHO in seiner AZ Kolumne, oder wars der pelinka?

KomaPoster
21.07.2010 15:31
Es gibt zuwenig Menien, zuviele Journalisten und keine anständigen Politiker.

Da fragt man sich, was hat der Journalist davon, wenn er sich mit einem Staatssekretär verhabert?

ehschohwissn3
21.07.2010 15:07

ich wünschte es wäre nacht und terence lennox käme

St.Nimmerleinstag
21.07.2010 14:55
was kann der journalist dafür wenn er von den rahmenbedingungen erwürgt wird?

wie so ziemlich in jedem bereich, gilt: der fisch fängt beim herausgeberkopf zu stinken an.

deshalb nerven die schreihälse, die da nach einer "streichung der presseförderung" grölen ganz gewaltig.

im gegenteil, rauf damit! wenn gewartet wird bis sich die gesellschaft (samt werbekunden) wandelt, warten wir bis zum st.nimmerleinstag. oder noch länger....

Wyle E. Koyote
21.07.2010 16:30
sry, aber unter

den jetzigen zuständen die auch noch "belohnen"?
nicht vorhandene Berichterstattung über die Suchtgiftgesetznovelle letzes Jahr zB (jetzt darf fast jeder auf die gespeicherten Daten zugreifen (Bundesheer, Bezirkshptmsch. usw) das erfährt man von heise.de (deutsche seite)...

St.Nimmerleinstag
21.07.2010 17:19
monarchieüberbleibsel? was heißt hier "belohnen"??

es geht darum den journalisten den raum zu verschaffen, zeitintensiv recherchieren zu können, oder ein thema aufzugreifen das sich (noch) abseits des mainstreams befindet.

soviel zu zeitnot und quotendruck.

allerdings ist der einwand von Nashwin_Fuller absolut berechtigt. die vergabekriterien der medienförderung greifen nicht....

Wyle E. Koyote
22.07.2010 09:25
deswegen auch unter

Gänsefüsschen, ich bezweilfe eben sehr stark, dass sich das nur über eine erhöhte Presseförderung regeln lässt, die wird eingestreift, und dann wird wie bisher weitergemacht.... dann es reicht nicht mehr aus schwarze zahlen zu schreiben die "performance" muss besser als die konkurenz sein...

gut dass es bildblog usw. gibt...

Nashwin_Fuller
 
21.07.2010 16:25
Was nützt eine Medienförderung,...

...wenn der Großteil davon bei der Krone landet?

BademeisterThiel
21.07.2010 17:35

und der falter so viel erhält wie kirchenzeitungen und raiffeisenzeitungen (damit meine ich nicht kurier sondern die echte "Raiffeisenzeitung")

http://zurpolitik.com/2010/06/1... lt-falter/

I love Klimawandel
21.07.2010 14:53

das hauptproblem ist eben die bericht"erstattung" und nicht der investigative journalismus. das hat auch viel mit der medienpluralität und -konzentration zu tun. wo jeder von jedem abhängt wird viel engagement schon im keim erstickt...

Scholem Alejchem
 
21.07.2010 13:43
Kann ich unterschreiben

Es gibt kaum Journalisten, welche an Wahrheiten interessiert sind, welche nicht durch Wikipädia oder Google für jedermann sichtbar sind. Es ist aber auch oft der Herausgeber, der motivierten, zumeist jungen (frischgefangten), Kräften einen Maulkorb umhängt, um ja keine Anzeigen-Großkunden zu verlieren. Die Affäre Steyr - Profil hat in den letzten 30 Jahren an die 300 Nachahmer gefunden......

I love Klimawandel
21.07.2010 13:43
meinung

und kommentar trennen? ist das nicht dasselbe?

Anita Zielina
21.07.2010 14:33
Sorry

war natürlich "Bericht und Kommentar" gemeint. ist ausgebessert.
mfg Anita Zielina

xEurocent
21.07.2010 13:19

Im Ö1 hieß es vorhin auch, dass sich laut dieser Studie die meisten Journalisten "links der Mitte" sehen und die meistgewählte Partei die Grünen sei.

Ich frag mich wie das zur österreichischen Medienlandschaft passt, deren Hauptfokus in den letzten zwei Jahrzehnten auf Ausländer und dem gegeneinander Ausspielen der unteren und mittleren Bevölkerungsschichten (mit dem daraus resultierenden großen Gewinner der "Reichen und denen die es sich richten können") lag.

Fleischsack, größtenteils aus Wasser
21.07.2010 14:45

Diese Hetze betreibt eigentlich nur eine Zeitung. Die lesen halt ziemlich viele. ABER: In diesen Redaktionen gibt es erstaunlich viel politische Vielfalt. Sie kuschen halt alle vor oben - was sich jetzt langsam und mit dem Wegfall des Urgesteins ändern dürfte. Jene Zeitung vermischt/e auch Meinung und Fakten vollkommen ungeniert, wobei es nur EINE Meinung gab - die des greisen Herausgebers.

Bertel Mann
 
21.07.2010 15:28
Auch der Standard hetzt ganz gern

Was der Krone die Ausländer sind dem Standard die Pensionisten und die Beamten.
Und auch der Standard hat Übung darin, Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen, wie z.B. den "Mittelstand" und die Geringverdiener.

Und wenn - ausser der Krone - praktisch alle Zeitungen im Einflußbereich der Hn. "Da ruf ich schon mal an"-Konrad liegen, darf man sich über die Berichterstattung nicht wundern. Man sollte allerdings auch nicht länger so tun, als ob "privat" gleich unabhängig wäre. Aber genau das schreiben die Damen und Herren Journalisten nicht.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.