Aids-Virus ist ganz am Beginn extrem verwundbar - Behandlung sollte sofort starten
Wien - Das Aids-Virus ist ganz am Beginn einer HIV-Infektion extrem verwundbar. Gerade dort könnten zukünftige Strategien ansetzen. Eine Behandlung wäre ebenfalls möglichst früh zu starten, um das stille "Reservoir" an Viren, das derzeit von keiner Aids-Therapie beseitigt werden kann, möglichst klein zu halten. Dies erklärte heute vormittag US-Spitzenforscher Anthony Fauci in einem Plenarvortrag bei Internationalen Aids Konferenz (AIDS 2010) in Wien mit rund 25.000 erwarteten Teilnehmern.
Fauci, seit 1984 Chef des nationalen US-Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten: "HIV ist extrem ineffizient bei der Infektion von Menschen über sexuelle Kontakte. Das wissen wir aus Studien in Uganda. Dort beträgt die Infektionsrate von einem HIV-positiven Partner auf dessen Frau bei einer Ansteckung pro 1.000 bis 2.000 Mal Geschlechtsverkehr."
Die Gründe: Das Virus muss an die Schleimhaut andocken und diese Barriere überwinden. Fauci: "Allerdings, Verletzungen der Schleimhaut, zum Beispiel Geschwüre (durch andere sexuell übertragbare Erkrankungen, Anm.) erleichtern das."
Doch selbst dann ist das eingedrungene Virus noch kaum überlebensfähig. Der "US-Aids-Papst": "HIV muss von dendritischen Zellen (Immunzellen der Haut, Anm.) zu den CD4-positiven Helferzellen des Immunsystems gebracht werden. Diese wiederum müssen aktiviert sein. Findet das Virus keine aktivierten CD4-Zellen, tritt keine Infektion ein."
Genetischer Flaschenhals
Ob eine HIV-Infektion dann wirklich stattfindet, hängt auch noch von anderen Faktoren ab. Fauci: "Wir gehen davon aus, dass jede Ansteckung mit dem Aids-Virus auf der Infektion durch ein bestimmtes Virus erfolgt. Das ist das 'Gründer'-Virus einer Infektion. Dieser Mechanismus ist ein genetischer Flaschenhals. Dann entwickelt sich das Virus im Körper genetisch weiter."
Das Faszinierende daran, so der Experte: Das "Gründer"-Virus einer HIV-Infektion besitzt an seiner Oberfläche Eigenschaften, welche es vergleichsweise leicht durch die Schleimhaut eindringen lässt. Diese Eigenschaft geht den HI-Viren im Verlaufe der chronischen Infektion zunehmend verloren. Den US-Wissenschaftern gelang es sogar vergleichsweise weniger infektiöse Aids-Erreger durch Beseitigung der hinderlichen Merkmale an ihrer Oberfläche wieder zu ansteckenderen zu machen. Fauci: "Das könnte auch die Basis für wirksame Impfstoffe in der Zukunft sein."
Eine weitere Erkenntnis der neuesten Forschungen, so der US-Experte: "Reservoirs an HI-Viren entstehen im Rahmen einer Infektion schon sehr früh. Wir sollten also danach trachten, möglichst früh zu behandeln, weil wir damit diese Virus-Reservoirs möglichst klein halten können."
Die Konsequenzen
Alle Möglichkeiten sollten genutzt werden, das HI-Virus am Eindringen in den Körper zu hindern und eine chronische Infektion zu blockieren. Das könnten Mikrobiozide (Vaginal-Gels) sein, eine Behandlung von sexuell übertragbaren Erkrankungen (Ulcera), prophylaktische Behandlung nach Risikokontakten, Impfungen etc. Fauci: "Wir haben ein 'Fenster' an Verletzbarkeit des Virus, das wir für Interventionen nützen können."(APA)