Giolias stand offenbar kurz vor Enthüllungen zum Thema Korruption - Polizei vermutet "Revolutionären-Sekte" hinter dem Mord
Athen - Der bekannte
griechische Journalist und Blogger
Sokrates Giolias, der am Montag von
mutmaßlichen linksextremistischen
Terroristen erschossen wurde, sei vor seinem Haus in einem Athener
Vorort von mindestens 15 Kugeln getroffen worden. Das teilte die
Polizei mit. Am Tatort seien 9-Millimeter-Patronenhülsen aus zwei
Waffen gefunden worden, die die
griechische Terrorgruppe "Sekte der
Revolutionäre" bereits bei zwei früheren Anschlägen verwendet habe.
Der 37-jährige Giolias leitete
den privaten Radiosender Thema FM
und schrieb Beiträge für den beliebten Nachrichten-Blog "Troktiko",
in dem oft Skandale aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Thema
waren. Giolias stand offenbar kurz davor, Ergebnisse seiner Recherchen zum Thema Korruption zu veröffentlichen. Journalisten und Politiker verurteilten die
Tat.
"Jemand wollte einen sehr guten Journalisten zum Schweigen bringen, der
vielen mit seinen Artikeln auf die Zehen getreten ist," sagte Panos
Sompolos, der Vorsitzende der Vereinigung der Athener Tageszeitungen (ESIEA) gegenüber der BBC. "Demokratie
und Meinungsfreiheit können nicht geknebelt, terrorisiert oder
eingeschüchtert werden", sagte ein Regierungssprecher.
ESIEA verurteilte auf ihrer Website die "abscheuliche" Tat und forderte restlose Aufklärung des Verbrechens. "Wir
verteidigen die Pressefreiheit und die journalistische Arbeit frei von jeglichem Druck und Drohungen und gegen die Mafia und
kriminelle Praktiken", heißt es dort. Der Beauftragte für
Pressefreiheit der Organisation für
Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Dunja Mijatovic, verurteilte in
einer Aussendung am Montag den Mord und forderte von den griechischen
Behörden ebenfalls eine rasche Aufklärung.
Aus dem beruflichen Lebenslauf Giolias, der auf der Website der ESIEA veröffentlicht wurde, geht hervor, dass Giolias 1973 in Deutschland geboren wurde und seine journalistische Karriere 1993 als freier Mitarbeiter beim Fernsehsender "Alpha" begann. Danach arbeitete er für verschiedene Medien, darunter dem Fernsehsender "Alter" als Redakteur der Sendungen "Yellow Press" und "Jungle". Daneben war er Redakteur für verschiedene Sportzeitungen. Seit 2009 leitete er schließlich den Radiosender Thema FM.
Täter lockten Opfer mit fingierter Nachricht aus dem Haus
Die Täter hatten ihrem Opfer per Gegensprechanlage mitgeteilt, sein Auto
werde gerade gestohlen. Als er aus dem Wohnhaus ging, wurde er nach
Augenzeugenaussagen von mindestens drei Männern, die Uniformen eines Sicherheitsunternehmens oder der
Kommunalpolizei
trugen, mit mehr als zehn Schüssen erschossen. Die Täter
flohen mit einem Auto, das wenig später verbrannt aufgefunden
wurde.
Yiannis Marakakis, der Anwalt Giolias, sagte dem griechischen Sender "Antenna TV", dass er am Tag der Hinrichtung einen Besuch seines Mandanten erwartet habe. Giolias schien trotz vorangegangener Bedrohungen nicht um seine Sicherheit besorgt gewesen zu sein, sagte sein Anwalt. Marakakis sei auch nicht bekannt gewesen, ob der Journalist gerade an einer besonderen Enthüllungsgeschichte gearbeitet hätte.
Sekte der Revolutionäre erstmals 2008 in Erscheinung getreten
Die Sekte der Revolutionäre war im Dezember 2008 im Zuge
landesweiter Unruhen erstmals aufgetaucht. Diese hatten sich am Tod
eines Jugendlichen entzündet, den die
Polizei erschossen hatte. Die
Sekte der Revolutionäre kündigte
anschließend Anschläge auf Polizei
und Medien an.
Die Terrorgruppe wirft
Journalisten vor, mit ihren Nachrichten
sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit
obrigkeitshörig bleibt. Nach
einem Angriff auf einen Fernsehsender drohte die
Gruppe den
Medienschaffenden ausdrücklich: "Journalisten, dieses Mal kamen wir
an eure Tür, aber beim nächsten Mal werden wir in eure Häuser
kommen." Ein Bekennerschreiben der Gruppe zum Mord an Giolas liegt nicht vor.
Erst kürzlich hatte sich die
Sekte der Revolutionäre zu der
Ermordung eines Anti-Terror-Polizisten vor einem Jahr bekannt.
Ballistiker kamen zu dem Ergebnis, dass der
Journalist Giolias mit
den beiden damals verwendeten Waffen
erschossen wurde. Eine der
Pistolen soll zudem bei einem Anschlag auf eine Polizeiwache im
Februar 2009 sowie bei einem Attentat auf einen Fernsehsender im
gleichen Monat verwendet worden sein. Bei den beiden Aktionen wurde
niemand verletzt. (red/APA)