Oppositionspolitiker Natelaschwili erhebt schwerste Vorwürfe gegen Präsident Saakaschwili
Wien - Wien nennt er seine zweite Heimat. "Mein zweiter Geburtstag war der 30. Jänner 2008, als mich österreichische Ärzte gerettet haben." Damals wurde Schalwa Natelaschwili (52), Rechtsanwalt und Chef der Georgischen Arbeiterpartei, in Wien operiert. Die Herzattacke sei verursacht worden "durch einen terroristischen Akt spezieller Einheiten Georgiens", sagt der Oppositionspolitiker im Standard-Gespräch.
Knapp zwei Wochen später, am 12. Februar 2005, starb in London der georgische Milliardär und Oppositionspolitiker Badri Patarkazischwili (52), Mitinhaber des größten regierungskritischen TV-Senders Georgiens. "Es waren die gleichen Symptome wie bei mir", sagt Natelaschwili. Die Untersuchungen ergaben allerdings keinen Hinweis auf einen Mordanschlag. Laut Obduktion war Patarkazischwili schwer herzkrank.
Gegen Patarkazischwili lag ein georgischer Haftbefehl wegen eines Putschversuchs vor. Gegen Natelaschwili wiederum ermittelte die georgische Staatsanwaltschaft Ende 2007 wegen Spionage für Russland. Natelaschwili, Absolvent der Diplomatischen Akademie des sowjetischen Außenministeriums in Moskau und ehemaliger Funktionär der KPdSU, hatte sich gegen die georgische "Rosenrevolution" vom November 2003 gestellt, die Michail Saakaschwili an die Macht brachte.
Nach wachsendem Widerstand gegen seine autokratische Amtsführung und vorübergehender Ausrufung des Ausnahmezustandes wurde Saakaschwili bei vorzeitigen Präsidentschaftswahlen Anfang 2008 im Amt bestätigt. Natelaschwili erreichte damals 13 Prozent, Patarkazischwili sieben Prozent. Natelaschwili nennt sämtliche Wahlen seit dem Amtsantritt Saakaschwilis gefälscht.
Die Unterstützung Saakaschwilis durch die USA führt Natelaschwili vor allem auf einflussreiche Lobbyisten im Umfeld des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten John McCain zurück. Die Gruppe um McCain und den früheren Präsidenten George W. Bush sei auch verantwortlich für ein Konzept, überall im postsowjetischen Raum Revolutionen anzuzetteln.Sie sei auch schuld an dem jüngsten Blutbad in Kirgistan.
Den Kaukasus-Krieg im August 2008 habe Saakaschwili verursacht, indem er Russland provoziert habe. "Natürlich haben die nur darauf gewartet." Saakaschwili sei "keine Hoffnung für die westlichen Demokratien, sondern ein östlicher Diktator, der letzte Diktator Europas" . Und der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko? "Der ist keine Gefahr für den Westen, denn er war nie dessen Anhänger. Saakaschwili aber ist mit der Maske des Westens und der USA an die Macht gekommen."
Aber Natelaschwili geht noch weiter. Er nennt Saakaschwili wörtlich einen "Menschenfresser" : "Seit sieben Jahren kämpfen wir dafür, dass dieser Menschenfresser sein Amt verliert."
Im Zusammenhang mit dem Tod des georgischen Regierungschefs Surab Schwanija am 3. Februar 2005 erhebt Natelaschwili schwerste persönliche Vorwürfe gegen Saakaschwili, die aus rechtlichen Gründen nicht wiedergegeben werden, weil Natelaschwili keine Beweise vorlegt.
Schwanija wurde in der Wohnung eines Freundes in Tiflis tot aufgefunden. Als Todesursache gaben die Behörden eine Gasvergiftung an. Einen Tag später wurde ein Mitarbeiter Schwanijas tot aufgefunden. Laut Polizei hatte er sich mit einer von einem Nachbarn geborgten Waffe erschossen.
Natelaschwili bestreitet die offizielle Darstellung zu beiden Todesfällen. Schwanija galt als einflussreichster Berater Saakaschwilis, den beiden wurde aber auch eine gewisse Rivalität nachgesagt. Natelaschwili stellt Schwanijas Tod in direkten Kontext damit. Im Konflikt Saakaschwilis mit Russland und den Separatisten im eigenen Land war Schwanija als Vermittler tätig. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2010)