Psychologie ist eines der prekären Massenfächer - Heißbegehrt - trotz Aufnahmetests - Die Uni Klagenfurt sperrt das Fach zwei Jahre zu
Wien - Sportlich betrachtet, war es ein Startschuss für eine halbe Olympiade: Ab kommendem Wintersemester wird die Universität Klagenfurt in Psychologie zwei Jahre lang keine Anfänger/-innen für das Bachelor-Studium aufnehmen. Das Fach wird vom Rektor de facto für vier Semester zur Baustelle erklärt, zu der alle, die nicht schon jetzt darauf arbeiten, keinen Zutritt haben. "Befristete Aussetzung" heißt das - und ist vom Universitätsgesetz auch gedeckt.
Es sei eine Notfallmaßnahme, "weil vier der im Entwicklungsplan vorgesehenen Stellen aus Sicht des Rektorats nicht zu budgetieren sind", erklärt der Leiter der Abteilung Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung, Oliver Vitouch, im Gespräch mit dem Standard: "Wir werden zwei Jahre durchatmen können, weil wir nicht jedes Jahr wieder 230 neue Studierende aufnehmen müssen, von denen dann ohnehin nur 40 Prozent übrig bleiben, aber wir wissen ja nicht einmal, wie wir die betreuen sollen."
Wenn die halbolympische Studienart Psychologie dann wieder antritt, warten aber mehr als "sportliche" Herausforderungen, die die Politik zu lösen habe, fordert Senatsvorsitzender Vitouch. Das Master-Studium etwa sei in Österreich völlig offen und könnte ein Magnet für Deutsche werden, zumal von diesen in ihrem Heimatland nur rund 70 Prozent nach dem Bachelor einen Master-Platz bekommen.
Aber egal, ob Österreicherin, Deutscher oder wer sonst hier studiert - Vitouch wird nicht müde, von der Politik "endlich eine seriöse, kapazitätsorientierte Zugangsregelung zu fordern", zumindest für die Massenfächer.
Die Salzburger Kollegen von der Psychologie schließen nicht - und haben das auch nicht vor. Er halte die Sperre für eine "nicht günstige Option, deren Folgewirkungen nicht absehbar sind" , sagt der Vizerektor für Lehre, Rudolf Mosler. In Salzburg habe man jetzt mit 200 Bachelor-Anfängern eine "Zahl, mit der wir gerade durchkommen" . Deutschenanteil: über 70 Prozent - aber man wolle ja eigentlich internationalisierte Unis.
Das viel größere Problem sieht Mosler in der "chronischen Unterfinanzierung der Unis". Sarkastischer Zusatz: "Wenn wir Studienplatzfinanzierung wie die Fachhochschulen bekommen, dann bricht bei uns der Luxus aus."
Dass der ausbricht, ist eher unsicher, also plädiert Mosler "tendenziell für Zugangsbeschränkungen in den großen Fächern, weil sich zeigt, dass man solche Massenfächer nicht sinnvoll betreiben kann." Es wären ohnehin nur "sieben, acht Fächer, wo man Beschränkungen braucht" .
In Innsbruck würden dazu auch Erziehungswissenschaft und Biologie zählen, denn auch die seien überlastet, erzählt Margret Friedrich, Vizerektorin für Lehre. Sperrpläne gebe es nicht. Die Psychologie sei auf 284 Bachelor-Anfänger eingerichtet: "Mehr schaffen wir nicht" , sagt Friedrich zum Standard. Gäbe es Studienplatzfinanzierung, wären es übrigens noch deutlich weniger Anfänger, die man aufnehmen könnte. Das dräuende Master-Problem ist auch in Innsbruck ein Thema, zumal schon jetzt eine Studienanfängermehrheit (52 Prozent) aus Deutschland da ist.
Die Kernfrage sei noch immer nicht diskutiert, meint die Historikerin: "Was muss Universität heute leisten? Was Fach- und Pädagogische Hochschulen?" Wer das weiß, weiß auch, was er wo anbieten und finanzieren muss. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2010)