Die Psychologie als halbolympische Disziplin

19. Juli 2010, 17:59
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    foto: apa/gindl

    Der Neue Platz in Klagenfurt ist saniert, die neue Baustelle ist an der Uni Klagenfurt die Psychologie. Eltern haften da nur bedingt.

Psychologie ist eines der prekären Massenfächer - Heißbegehrt - trotz Aufnahmetests - Die Uni Klagenfurt sperrt das Fach zwei Jahre zu

Wien - Sportlich betrachtet, war es ein Startschuss für eine halbe Olympiade: Ab kommendem Wintersemester wird die Universität Klagenfurt in Psychologie zwei Jahre lang keine Anfänger/-innen für das Bachelor-Studium aufnehmen. Das Fach wird vom Rektor de facto für vier Semester zur Baustelle erklärt, zu der alle, die nicht schon jetzt darauf arbeiten, keinen Zutritt haben. "Befristete Aussetzung" heißt das - und ist vom Universitätsgesetz auch gedeckt.

Es sei eine Notfallmaßnahme, "weil vier der im Entwicklungsplan vorgesehenen Stellen aus Sicht des Rektorats nicht zu budgetieren sind", erklärt der Leiter der Abteilung Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung, Oliver Vitouch, im Gespräch mit dem Standard: "Wir werden zwei Jahre durchatmen können, weil wir nicht jedes Jahr wieder 230 neue Studierende aufnehmen müssen, von denen dann ohnehin nur 40 Prozent übrig bleiben, aber wir wissen ja nicht einmal, wie wir die betreuen sollen."

Wenn die halbolympische Studienart Psychologie dann wieder antritt, warten aber mehr als "sportliche" Herausforderungen, die die Politik zu lösen habe, fordert Senatsvorsitzender Vitouch. Das Master-Studium etwa sei in Österreich völlig offen und könnte ein Magnet für Deutsche werden, zumal von diesen in ihrem Heimatland nur rund 70 Prozent nach dem Bachelor einen Master-Platz bekommen.

Aber egal, ob Österreicherin, Deutscher oder wer sonst hier studiert - Vitouch wird nicht müde, von der Politik "endlich eine seriöse, kapazitätsorientierte Zugangsregelung zu fordern", zumindest für die Massenfächer.

Die Salzburger Kollegen von der Psychologie schließen nicht - und haben das auch nicht vor. Er halte die Sperre für eine "nicht günstige Option, deren Folgewirkungen nicht absehbar sind" , sagt der Vizerektor für Lehre, Rudolf Mosler. In Salzburg habe man jetzt mit 200 Bachelor-Anfängern eine "Zahl, mit der wir gerade durchkommen" . Deutschenanteil: über 70 Prozent - aber man wolle ja eigentlich internationalisierte Unis.

Das viel größere Problem sieht Mosler in der "chronischen Unterfinanzierung der Unis". Sarkastischer Zusatz: "Wenn wir Studienplatzfinanzierung wie die Fachhochschulen bekommen, dann bricht bei uns der Luxus aus."

Dass der ausbricht, ist eher unsicher, also plädiert Mosler "tendenziell für Zugangsbeschränkungen in den großen Fächern, weil sich zeigt, dass man solche Massenfächer nicht sinnvoll betreiben kann." Es wären ohnehin nur "sieben, acht Fächer, wo man Beschränkungen braucht" .

In Innsbruck würden dazu auch Erziehungswissenschaft und Biologie zählen, denn auch die seien überlastet, erzählt Margret Friedrich, Vizerektorin für Lehre. Sperrpläne gebe es nicht. Die Psychologie sei auf 284 Bachelor-Anfänger eingerichtet: "Mehr schaffen wir nicht" , sagt Friedrich zum Standard. Gäbe es Studienplatzfinanzierung, wären es übrigens noch deutlich weniger Anfänger, die man aufnehmen könnte. Das dräuende Master-Problem ist auch in Innsbruck ein Thema, zumal schon jetzt eine Studienanfängermehrheit (52 Prozent) aus Deutschland da ist.

Die Kernfrage sei noch immer nicht diskutiert, meint die Historikerin: "Was muss Universität heute leisten? Was Fach- und Pädagogische Hochschulen?" Wer das weiß, weiß auch, was er wo anbieten und finanzieren muss. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2010)

Kommentar posten
13 Postings
Klaus Klaus3
02
20.7.2010, 23:52
empfehlung

http://www.youtube.com/watch?v=IQaQEGr2M0s

beitrag zum bildungs-kollaps vom report

kleinerpinguin
00
20.7.2010, 19:25

Soll dieser Artikel ein Bericht oder ein Kommentar sein?

gastrosoph
32
20.7.2010, 07:03
Sollen halt

Philosophie studieren, in der einst ja Psychologie integriert war. Aber scheinbar gibt es so viele neurologisch Irritierte, die sich selbst therapieren wollen.

beos
00
20.7.2010, 21:57

Philosophie ist wohl für den Großteil, welcher von den Eltern unterstützt wird kaum möglich, da so ein Studium wohl schwer recht zu fertigen ist. (Dem Großteil der Bevölkerung ist sicher nicht bewusst, dass ein Psychologiestudium "nur" zum wissenschaftlichen Arbeiten befähigt.) Will man therapieren kommt man um eine psychotherapeutische oder/und klinische Ausbildung nicht herum.

Ich denk eher, das Pädagogik weiteren Zustrom bekommen wird. (Auch aufgrund der Einfachheit (zumindest Erzählungen von StudentInnen aus Graz und Innsbruck).

Manche werden sich vielleicht auch Soziologie antun bzw. es versuchen....

gastrosoph
01
20.7.2010, 23:03
Sie sprechen in meinem Sinne,

nur, wer soll da unterrichten, wer therapieren? Nach einem Jahr Schulreferat geben viele, viele auf. Therapieren - im Grunde nur Fortsetzung der Beichte in Form von Gesprächstherapie - geht ja noch, weil viele sich was reinreden lassen wollen. Früher wars der Kaffeesatz, heute die Therapiestunde. M.E. wäre hier eine Selektion im Vorfelde Gebot der ersten Stunde. Aber fragens mich bitte nicht, wie, denn das ist keine philosophische Frage, sondern letztendlich eine politische. Und das ist aus eigener Erfahrung keine nur der Fakultät Psychologie zur Last legende.

nervöser schwarzfahrer
54
19.7.2010, 22:49
das ist aus feministischer sicht betrachtet ein segen

so müssen die mädels mal über den tellerrand blicken und entscheiden sich vllt sogar für ein sinnvolles studium.

pfs79
10
19.7.2010, 21:16

Man sollte halt auch so ehrlich sein, und dazusagen, dass das Klagenfurter Problem zum Teil selbst gemacht ist. Denn als es erstmals die Möglichkeit eines Aufnahmeverfahrens gab, hat man davon in Klagenfurt, im Gegensatz zu Graz oder Salzburg, eben nicht Gebrauch gemacht. Und Graz und Salzburg sind jetzt die noch am besten aufgestellten Psychoinstitute in Österreich.

Fortiter In Re
10
20.7.2010, 00:01
Tu felix Graz

Und @Graz: Richtig. Liegt aber primär daran, dass es dort in den letzten Jahren einen kräftigen Personalzuwachs auf der Psychologie gab (was das Klagenfurter Rektorat leider, obwohl im Entwicklungsplan vorgesehen, verabsäumt hat). Ist bei einer großen Uni allerdings auch leichter (Umschichtungen).

Fortiter In Re
10
19.7.2010, 23:43
Sottise

Kurzfassung der Antwort auf pfs79 (da mein ausführlicheres Posting nicht durchkommt): Ein Auswahlverfahren nach § 124b gibt's in Klagenfurt, seit es den Paragraphen gibt (2005) - als Qualifikationsprüfung zu Ende des 1. Studiensemesters. Ich kann es anscheinend nicht oft genug sagen: "Recherchieren - denken - posten".

Fortiter In Re
10
19.7.2010, 22:58
So ein uninformierter Unsinn

@pfs79: Klagenfurt hat sofort nach dem EuGH-Urteil, also noch 2005, vom damals geschaffenen § 124b Gebrauch gemacht (seitdem ununterbrochen, im Unterschied zu Innsbruck). Der einzige Unterschied ist, dass das Klagenfurter Verfahren erst nach dem 1. Semester auswählt (und nicht gleich zu Studienbeginn); das macht aber nur für die Studienbedingungen im 1. Semester einen Unterschied (und hat auch seine Vorteile).

Die Grazer Psychologie hat in den letzten Jahren einen ganz erklecklichen Personalausbau erfahren; das wurde in Klagenfurt, trotz Verankerung im Entwicklungsplan, leider verabsäumt (ist an einer großen Uni aber auch leichter - Umschichtungen).

Mlle. P.
11
19.7.2010, 22:53
Schadensbegrenzung auf ganzer Linie ...

... ist die Sistierung, was die internen Zustände auf der Klagenfurter Psychologie angeht. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen sie auch auf die allereffizienteste Weise nutzen werden (und damit endlich verantwortlich handeln) - das heisst, das Studium so zu gestalten, dass der Abschluß europaweit mithalten kann. Im besten Falle küsst der Prinz das Kärntner Dornröschen und es regt sich endlich - inklusive anziehendem Alleinstellungsmerkmal.

Offen bleibt, ob der Alleingang der Klagenfurter in Kooperation mit anderen Psychologieinstituten, die mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen haben (Wien 1:108 in der Studierendenbetreuung), nicht effizienter und ungefährlicher gewesen wäre - und die Folgen schlussendlich unabsehbar sind.

merz1
 
21
20.7.2010, 13:29

in dem zusammenhang kann man gleich mal diskutieren ob es sinnvoll ist, die ausbildung zum/r psychotherapeuten weiterhin nur jenenzu ermöglichen die die nötige kohle haben, anstatt nach menschen ausschau zu halten, die durch ihre eigene vergangenheit die notwendige erfahrung mitbringen sich in andere zu versetzen. eine krude schieflage ist das.

Soulman
00
20.7.2010, 19:56

Was hat ein Psychologie-Studium mit einer Psychotherapie-Ausbildung zu tun?

Richtige AW: (FAST) GAR NICHTS.

Das offenkundige Nichtwissen bei Studienanfängern, was denn Psychologie überhaupt ist, bzw. das Verwechseln mit psychotherapeutischen Ansätzen und Methoden, ist leider der Hauptgrund, weswegen Psychologie heillos überlaufen ist bzw. viele Studienabbrecher schafft.

Offenbar leider auch kein Witz - obwohl als solcher kolportiert (und damit mit wahrem Kern):

Sagt die Mama zum maturierenden Töchterlein, das nicht weiß, was es nach der Schule machen soll: "Wennst net Lehrerin werden willst, studierst halt Psychologie, soll auch net ganz so schwer sein, außerdem recht brauchbar später, wennst an Mann hast, und fürs Kindererziehen...!"

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