Soziale Gesetze von Freund und Feind

20. Juli 2010, 12:13
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    illu: bayer & szell og

    Sozialwissenschaft im 21. Jahrhundert: Die Auswertung eines Online-Spiels hilft, die echte Gesellschaft zu verstehen.

Soziologie 2.0: Physiker aus Wien analysierten Interaktionen eines Online-Spiels, dessen Teilnehmer sich in einer Science-Fiction-Umgebung ausleben können

Wien/Washington - Es war im Jahr 1838, als der französische Mathematiker Auguste Comte erstmals den Begriff Soziologie verwendete und damit eine neue Wissenschaftsdisziplin mitbegründete. Nach Vorbild der Naturwissenschaften sollten gesellschaftliche Tatsachen systematisch erforscht und soziale Gesetze ermittelt werden.

Doch die Hoffnungen einer exakten "sozialen Physik" , die Comte vorschwebte, sollten sich als trügerisch erweisen: Die Gesellschaft überforderte in ihrer ganzen Komplexität mathematische oder physikalische Analysen und erwies sich buchstäblich als "unberechenbar" .

Das könnte sich 172 Jahre nach Comtes folgenreicher Begriffsschöpfung dank eines österreichischen Forscherteams ändern: Die Physiker und Mathematiker Michael Szell, Renaud Lambiotte und Stefan Thurner haben erstmals alle Prozesse einer menschlichen Gesellschaft mit über 300.000 Individuen mit naturwissenschaftlicher Präzision vermessen.

Einer richtigen menschlichen Gesellschaft? Fast. Die drei Forscher - zwei von ihnen arbeiten am Institut für Wissenschaft komplexer Systeme an der MedUni Wien - sammelten vier Jahre hinweg Daten aus dem von Szell mitentwickelten Onlinespiel "Pardus", bei dem die Teilnehmer ein alternatives "Second Life" in einer Science-Fiction-Umgebung ausleben können.

Eher "zufällig" haben die beiden Pardus-Betreiber sämtliche anonymisierten Daten aufgezeichnet, die praktisch jede soziale, wirtschaftliche oder politische Handlung jedes einzelnen Spielers umfassen. Diese Datenbank stellt nun so etwas wie eine wissenschaftliche "Goldgrube für Jahre dar" , sagt Szell, der darüber unter anderem seine Dissertation schreibt.

In einem erste Artikel im US-Wissenschaftmagazin PNAS haben die Forscher erste Erkenntnisse aus diesem gigantischen sozialwissenschaftlichen Experiment veröffentlicht und dabei insbesondere die freundschaftlichen und feindschaftlichen Beziehungen zwischen den Spielern unter die Lupe genommen.

Waren Aussagen dieser Art bislang eher nur als Spekulationen möglich, konnten die "Sozial-Physiker" unter anderem die Theorie des sozialen Gleichgewichts quasi empirisch bestätigen, das in seiner einfachen Version besagt, dass der Freund meines Freundes ebenfalls ein Freund ist bzw. der Feind eines Feindes auch eher ein Freund.

Ultimatives Ziel sei es, mithilfe dieser Onlinewelt weitere "Naturgesetze" über menschliches Gruppenverhalten aufzudecken, so Thurner, um mit Massenphänomenen wie Wirtschaftskrisen oder sozialen Unruhen besser umgehen zu können. Und zwar in der wirklichen Welt. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 7. 2010)

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Posting 1 bis 25 von 42
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Raubkopierer
00
28.7.2010, 12:31

passt jetzt zwar nicht her, aber ich habe vor etwa 2 jahren in der arbeit immer ein browser-rpg gespielt das in einem fantasy-szenario angesiedelt war. besonders daran war dass sämtliche hintergründe von hand mit bleistift gezeichnet schienen und es sehr text basiert war. außerdem war es sehr komplex, hat mich aber über monate hinweg fasziniert. ich würde das gern mal wieder spielen, kennt jemand zufällig den namen dieses spiels?
nach galaxywars fasziniert mich pardus nicht so sehr.

AlBundyFan
 
00
bei der arbeit gespielt

na wenn das herauskommen ;-) und tschüss.

wenn da spiel so toll war warum hast dier dann den namen nicht selbst gemerkt?

Raubkopierer
00

weil ich mir nie die wichtigen sachen in der arbeit gemerkt hab XD

Fritz Huber3
00
27.7.2010, 00:39
Tjo auch ich spiele dieses spiel :D

Ich kann das spiel nur empfehlen !!

fangdenhut
03
20.7.2010, 18:57
Nach der Lektüre des Abstracts

...habe ich mir zwei Dinge gedacht: einerseits, dass es tatsächlich echt riesig Spasz machen muss, eine solche Datenbank zu haben und da netzwerkanalytische Methoden darauf anzuwenden. Und zweitens: hoffentlich ist den Leuten bewusst, dass die gewonnenen Erkenntnisse nur für diese spezielle Spielumgebung gelten können.

Wissenschaftlich richtig eindrucksvoll wäre es, wenn sie jetzt noch ein zweites Spiel entwickeln würden, dessen gesamtes Regelwerk darauf ausgelegt ist, komplett andere Gradverteilungen usw als im ersten Spiel zu erzeugen. Wäre echt spannend, ob sich die zuerst gefundenen Gesetzmäszigkeiten auch unter solchen Umständen wieder bestätigen.

Loxoceles
21
20.7.2010, 15:36

Oje. Naturwissenschaftler dilettieren mit einem materialistischen Weltbild (sie haben "alles" "vermessen") im Bereich der Sozialwissenschaften. Das kann nicht gutgehen. Viel mehr als "Self fulfilling prophecies" wird dabei nicht herauskommen, hat der Studienautor doch auch die künstliche Welt der Studienbedingungen selbst geschaffen. Methodisch fragwürdig und bedenklich marktschreierisch.

Dschagannath
00
18.8.2010, 20:46
Bin selbst Sozialwissenschaftler ...

... und als solcher würde ich diese Methode nicht als höchst bedenklich bezeichnen. Besonders in der Psychologie und vereinzelt auch in der Soziologie wird mit Daten gearbeitet, die aus Experimenten gewonnen werden. Wobei das Szenario auch von den Forschern entwickelt wird. Selbstverständlich muss bei der Interpretation Bezug auf den Kontext genommen werden. Mich würde vor allem eine Typologie der Spieler/innen interessieren ...

Löschkandidat
10
23.7.2010, 12:47
Zustimmung: Dilettanz sollte ein Privileg der Sozialwissenschaften sein

Philipp B.
01
20.7.2010, 14:04
interessant

wie immer wieder wissenschaftler versuchen menschliches handeln messbar zu machen und dieses zu bewerten, um es letztlich manipulieren zu können.

ist das die angst der wissenschaft vor kontrollverlust? angst vor dem verlust an bedeutung und geldgebern; vor dem unerklärbaren, vor dem sich-ständig-änderten?

Axel K.
 
00
20.7.2010, 14:29

Hallo Philipp ;-) Wunsch zur Kontrolle und Angst vor Unsicherheit sehe tatsächlich auch als ein übergreifendes Phänomen (siehe auch z.B. den ganzen Transdisziplinäritätsdiskrus dem sowas oft zu Grunde liegt)

Besonders problematisch sehe ich diese Sachen, wenn aus Deskriptiven sehr schnell Normatives wird - natürlich ohne große Reflexion. Und die Deskription schon schnell gewonnen wird, ohne Reflexion über die Konstruktion von Kategorien und Operationalisierung - wie es im Gegensatz dazu SozialwissenschaftlerInnen es gelernt bekommen. Jetzt kommt rasch bei so etwas im nächsten Schritt raus: "Es ist okay sich so zu verhalten, weil "bewiesenes" "Sozialgesetz" so und so gezeigt wurde."

mikes' bike
04
20.7.2010, 12:43
Naturgesetze

Dem Suchen nach Naturgesetzen liegt das metaphysische Bild zugrunde, dass man irgend etwas Stabiles, Unabhängiges, Dauerhaftes in der Welt "da draussen" entdeckt.

Seriöse Sozialwissenschafter wissen aber schon längst, dass sich ihr Gegenstand durch ihre Methoden und Beschreibungen verändern kann und Gesetze aller Art selbst gemacht sind.

martial
00
20.7.2010, 23:36
Die Kritik ist nicht unberechtigt, aber schon lange angekommen

Es gibt Konstanten im menschlichen Verhalten die sich unter verschiedensten äußeren Bedingungen wiederholen. Nicht unser Weltbild begründet die Suche danach, sondern die Erkenntnis dass wir trotz aller Kultur auch nur Affen mit einer sehr eingeschränkten Programmierung sind. Unsere Möglichkeiten mit den anderen Affen zu interagieren um zu überleben, Nahrung zu finden, und sich fortzupflanzen, sind begrenzt. Das Sozialverhalten vieler Tiere unterliegt sehr einfachen Regeln die wir verstehen können, wir dagegen sind komplexere Tiere mit sehr viel komplexeren Regeln.

Die Frage nach den Gesetzen unseres Verhaltens ist also völlig berechtigt, und natürlich noch viel mehr die Frage warum wir uns manchmal gerade _nicht_ so verhalten.

Nick Tameer
00
25.7.2010, 12:29

Dem liegt die Ide(ologi)e zugrunde, dass wir uns in einer natürlichen Umwelt und nicht längst in einer selbst gestalteten bewegen würden. Unsere Möglichkeiten, uns fortzupflanzen mögen begrenzt sein, auch wenn diese Grenzen wanken, aber die Behauptung, die Möglichkeiten, mit unseren Artgenossen zu interagieren, seien begrenzt kann ich schon nicht mehr recht nachvollziehen, und "Nahrung zu finden, um zu überleben", ist für den überwiegenden Teil der Menschheit bereit ein absoluter Anachronismus.

Lageos
01
20.7.2010, 15:53

In dem Fall wirds aber ein bissl schwierig dass sich das zu messende Objekt durch die Beobachtung noch verändert (weil die Daten nur retrospektiv betrachtet werden und die Spieler nicht wirklich wussten dass sie für solche Zwecke herangezogen werden).

Rafale
00
20.7.2010, 12:00
Die Netzwerkanalyse hat Zukunft, ABER...

...sowas ersetzt natürlich nicht die empirische Beobachtung der RL/offline Gesellschaft, egal ob per quantitativer oder qualitativer Methodik.

Stimme meinem Vorposter vi-de dot com übrigens zu, die soziale Situation aus der diese Daten kommen ist hochstrukturiert und folgt bestimmten Regeln/Möglichkeiten. Aber dennoch, sehr viel näher ist man einer perfekten Laborsituation bislang noch nicht gekommen. Bin gespannt was da weitergeht...

BTW, die Spieltheoretiker werden sich mal wieder freuen... :(

Kendall Von Tharn
00
20.7.2010, 11:53

ad naturgesetze: popper hat sich in elend des historizismus schon dazu geäußert und auf die unmöglichkeit hingewiesen.

vi-de dot com
 
212
20.7.2010, 08:55
das verhalten erfolgreicher spieler ist perfekt an die mathematischen gegebenheiten der umgebung angepasst

und diese gegebenheiten sind üblicherweise starr (und definieren im vorfeld ob es eher einzelkämpfer oder gruppenbildung geben wird), ganz im gegensatz zur realität.
das ist wie im schach: obwohl es hochkomplex ist, ändern sich die spielregeln nicht, die spielregeln etwa der wirtschaft ändern sich hingegen, in feinheiten zwar, laufend. das wäre so wie wenn man in schach mit dem turm eben doch schräg ziehen kann wenn die bauern gerade streiken und nicht bewegt werden dürfen, aber eben nur wenn gerade montag ist und die konservativen an der macht sind. aber manchmal trotzdem nicht.

mehr als die üblichen "na no na net" soziologischen aussagen wird auch diese diss nicht liefern können. und auch diese gelten eben nur in diesem einen spiel.

ordo ab chao
00
20.7.2010, 17:28
es gibt keine "na no na net" aussagen

die psychologie hat in mehreren studien gezeigt, dass leute nur dazu tendieren erlangte erkenntnisse im nachhinein als plausibel anzusehen.

vi-de dot com
 
00
21.7.2010, 09:38
das nennt sich 'lernen'

wir nehmen neues wissen auf, verbinden es mit bekannten dingen und verstehen dinge die unsre ahnen nicht verstanden haben.

hier geht es aber um einen bereich den unsre ahnen schon verstanden haben.

die geisteswissenschaft tritt auf der stelle herum.

was ich vorhersage ist eine streuung die überproportional mit der komplexität des problems zunehmen wird. sprich: die na no na net probleme wird man beschreiben und vorhersagen können, die komplexen dinge nicht. nicht weil die methodik schlecht wäre sondern das verhalten von menschen nicht rational ist, sobald sie den rahmen nicht mehr verstehen und dinge beginnen komplex zu werden, dann wird das verhalten unvorhersehbar

Gigerius
00
20.7.2010, 11:48

Nicht ganz richtig. Grundlegendes Verhalten kann durchaus herausgelesen werden. Es ist natürlich immer noch "nur" eine Studie und wie jede Studie hat sie ihre Rahmenbedingungen. Wie in jeder Wissenschaft kann man also aufgrund der gesammelten Daten Behauptungen, wie groß die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens unter bestimmten Rahmenbedingungen sind. Und je mehr solcher Studien es gibt umso genauer kann man solche Annahmen treffen.

vi-de dot com
 
11
20.7.2010, 12:59
das meinte ich mit den 'na no na net' schlussfolgerungen

so fundamentale dinge wie 'der freund meines feindes ist mein feind' sind zusammenhänge bei denen keine überraschungen zu erwarten sind.

man wird herausfinden, dass man in der gruppe spielt wenn das ziel alleine nicht erreichbar ist, und alleine wenn möglich, weil man abhängigkeiten vermeiden kann und nicht teilen muss (ist man schwach fordert man hilfe, ist man stark gewährt man sie ungern). am ende kommt eine gleichung raus die besagt dass aufwand/nutzen optimiert wird und das bedeutet einmal teamwork, einmal einsamer wolf. na no na net.

die frage ist: kann auf basis dieser arbeit irgendetwas vorhergesagt werden das nicht eh schon wissen? ich denke nicht, dazu ist das alles viel zu trivial.

AlBundyFan
 
00
also ich habe was anderes gelesen (der artikel in der futurezone ist ausführlicher als dieser hier)

"Man wusste allerdings bisher nicht genau, was in der Regel aus dem Feind (C) meines Feindes (B) wird. Wird der eher zu meinem Freund oder zu meinem Feind?" fragt Szell. In den Analysen des Pardus-Materials habe sich gezeigt, dass das eher irrelevant sei. Die Chance, dass die Person (B) zum Freund oder Feind wird, stehe in letzterem Szenario bei 50:50. "Das ist interessant, weil man sich eher denkt, man ist dem Feind meines Feindes eher wohlgesinnt, weil man ein gemeinsames Ziel hat, nämlich den gemeinsamen Feind".

so "nonanet" ist dann doch nicht.

martial
00
21.7.2010, 01:02
Das System ist aber wesentlich komplexer als jenes das von der Spieletheorie vorgegeben wird, eine einfache Kosten / Nutzen Rechnung wird dem bei weitem nicht gerecht

Die Rahmenbedingungen beeinflussen selbstverständlich das Verhalten, da haben sie schon Recht, und die Aussagekraft der Studie bezieht sich nur auf diese Rahmenbedingungen. Sie haben aber denke ich nicht ganz verstanden mit welchen Fragestellungen man jetzt an diese Daten heran gehen kann.

Nehmen wir das "der Feind meines Feindes ist mein Freund" Beispiel. Die Fragen die man sich nun stellen könnte sind beispielsweise ob dieses Verhalten auch auftritt wenn sich dadurch gerade kein direkter Vorteil ergibt, weil das Spiel nicht auf Teamwork ausgelegt ist, ob ich unter Spielregeln die Teamwork begünstigen über andere Unterschiede hinwegsehe und mich mit jemanden zusammenschließe eben nur weil wir gemeinsame Feinde haben, und so weiter.

leaping frog
00
20.7.2010, 16:24
so einfach is des ned.

was jetzt sehr wohl möglich ist, ist die graue abstufung.

1 ist freund
10 ist feind

mein feind (10) hat einen feind (10)

dieser feindes feind (10) ist jetzt mein freund (3)

danach ist sehr wohl möglich vertiefte feindschaf zu erforschen. wann ist man wieder gut. wieviele freunde und feindes feinde brauche ich um meine sache durch zu bringen. in dieser sache sind unendlich viele fragen möglich.

und sie haben recht. es ist und bleibt ein labor. aber wir kommen der realität mit jeder neue software-entwicklung näher.

die "na no na ned" antworten sind heute, aber morgen wird auf diese antworten komplexere fragen gestellt. und dann wird es immer interessanter.

vi-de dot com
 
00
21.7.2010, 11:46
die betrachtung

ist linear und von daher schon kritisch. erstens gibt es sprünge. zwei verfeindete parteien bekriegen sich, plötzlich kommt eine dritte die stärker ist als beide und greift an (in solchen spielen gibt es das immer wieder) die beiden feinde beenden ihre feindschaft auf der stelle und gehen einen zweckbund ein. im bewusstsein aller spieler ist der alte feind aber immer noch der feind, auch wenn man gerade seite an seite kämpft.

es geht immer um die optimierung der eigenen situation. ist die situation einfach, ist die lösung einfach. ist sie komplex gibt es viele lösungen. der mittelwert der lösungen muss aber beim nächsten fall der genauso gelagert ist, nicht den selben wert annehmen. mitunter nichtmal annähernd.

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