"Man kann sich keine Irrtümer leisten"

Hans Neuenfels inszeniert bei den Bayreuther Festspielen (Premiere am 25. Juli) Wagners "Lohengrin" - Interview

Joachim Lange sprach mit ihm über die Eigenheiten des Grünen Hügels, Regietheater und Wiener Erfahrungen.

***

Standard: Ist die Arbeit in Bayreuth anders als anderswo?

Neuenfels: Hier besteht ein Problem der Zeit. Das ist das Einzige, bei dem ich überlegen würde, wie man es anders organisieren könnte. Man hat nur diese vorgegebene Zeit, kann sich keine Irrtümer leisten.

Standard: Bedauern Sie, dass Sie erst jetzt in Bayreuth sind?

Neuenfels: Nein. Zu einem viel früheren Zeitpunkt wäre es ein Traum gewesen, den Ring zu machen. Das ist jetzt von meiner Seite her nicht mehr denkbar, weil das viel zu viel Aufwand wäre. Der Lohengrin jetzt - das ist für mich genau der richtige Zeitpunkt.

Standard: Sie haben in Ihrem autobiografischen Roman "Isaakaros" erzählt, dass Ihnen Verdi im Traum begegnet ist. Und Wagner? In einem Albtraum?

Neuenfels: Nein. Ich bin erst spät dahintergekommen, dass Wagner nur scheinbar sehr deutsch ist. Er hat zwar das Deutsche immer ausführlich musikalisch beobachtet, hatte aber doch eher ein kritisches Verhältnis dazu. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er ja gar nicht in Deutschland.

Standard: Gibt es denn diese berühmte Aura des Festspielhauses?

Neuenfels: Die gibt es, ja! Die habe ich schon vor Jahren bemerkt, als ich hier mal so reinguckte. Und die zwei Wagner-Schwestern versuchen das ja jetzt nicht nur fortzusetzen, sondern zu erweitern ...

Standard: Als die "Frankfurter Allgemeine" bei ihrer Kampagne im Kampf um die Nachfolge Wolfgang Wagners Insider zu ihrer Vision für Bayreuth fragte, fehlten Sie. Jetzt, da die Messen gesungen sind, kann man ja nochmal fragen: Wie ist ihre Vision für die Zukunft Bayreuths?

Neuenfels: Ich finde die Form, wie sie ist, grundsätzlich gut. Ich würde nur das Prinzip Werkstatt im Sinne von Dauer mehr betonen. Man muss aber überlegen, ob das auch attraktiv genug für die Sänger ist. Es kostet eben viel mehr Geld, wenn sie für eine intensivere Rollenbeschäftigung mehr Zeit bekommen. Aber eine Erweiterung des Werkkanons: nein! Das war auch der Grund, warum ich diese Kampagne, wie Sie sagen, so lächerlich fand. Und gerade heute, wo man sich mit allem und jedem beschäftigt, ist es eine unglaubliche Sache, sich nur mit einem Künstler variantenreich auseinanderzusetzen.

Standard: Sie haben mal gesagt, dass Sie die Stücke ausspionieren. Oft gibt es ja deshalb hinzuerfundene Spione in ihren Inszenierungen. Diesmal auch?

Neuenfels: Nein, nicht wirklich. Hier geht es ja um eine Laborsituation. Und dann ist Lohengrin ja auch eine Choroper. Und bei 130 Menschen im Chor ist schon genug Vervielfältigung und Spiegelung da. Da braucht man diese Spione oder diese Aufwerfungen der Fragen nicht. Das würde plötzlich nur noch dekorativ wirken. Ganz am Anfang hatten wir ein paar solche Sachen überlegt und das auch mal kurz probiert.

Standard: Und wie kommen Sie mit Ihrem Dirigenten Andris Nelsons klar?

Neuenfels: Er ist einfach toll! Ich bin regelrecht verliebt in den Nelsons (lacht). Er schätzt natürlich auch, wenn man seine Einwände ernst nimmt und ihm recht gibt ...

Standard: Wie läuft die Ideenfindung bei Ihren Inszenierungen? Arbeiten Sie allein, mit anderen?

Neuenfels: Mit anderen. Gerade mit Reinhard von der Tannen, mit dem ich ja schon viel gemacht habe. Das geht über eine ganz lange Zeit und dann in Schüben vor sich. Es beginnt mit einem gemeinsamen Anhören, und dann schiebt sich das so über ein Jahr in ganz verschiedenen Formen dahin. Da war dann eine Gruppe mal drei Wochen im Häuschen am Attersee und hat sich nur damit beschäftigt.

Standard: In der letzten Zeit wird viel vom Ende des Regietheaters gesprochen. Kann man das, was ja auch durch Sie auf die Bühne gekommen ist, zurückdrehen?

Neuenfels: Das lässt sich nicht zurückdrehen, weil es als Energiespeicher da ist - mit seinen Bildern. Wenn man die Musik gemeinsam in einem Raum hört, dann möchte man ja eine Deutung - weil sich ja auch die Komponisten etwas Konkretes dabei gedacht haben. Man muss aber sorgfältig mit seinen Interpretationen umgehen. In den letzten Jahren ist in der Oper sehr viel im Sinne von Entwertung passiert.

Es gibt Imitationen von Sachen, die schon da waren und nur patchworkartig zusammengesetzt werden. Die, die das tun, haben sich nur bedient und das nicht selbst erlebt und erfunden. Vielleicht ist deshalb ein Teil des Publikums irritiert. Es ist nicht einfach, zwischen Leichtsinn und Ernst oder zwischen Betrug und Aufrichtigkeit zu unterscheiden.

Standard: Aber ein Zurück zur "Rampenästhetik" geht nicht?

Neuenfels: Nein, das wäre ja die Vorspiegelung einer falschen heilen Welt. Das hat mit dem Ursprung dieses anarchistischen Bewegungsmoments, das Musik auslöst und bewirkt, nichts zu tun.

Standard: Zu Österreich. An der Wiener Staatsoper hat es gerade einen Wechsel an der Spitze gegeben. Wie waren Ihre Erfahrungen dort, als Ioan Holender Direktor war?

Neuenfels: Die Erfahrung war so, dass ich eine solche Art von Arbeit nicht mehr wiederholen möchte ...

Standard: So schlimm?

Neuenfels: Es war diese ganze Art von Opernbetrieb. Und es lag nicht an Plácido Domingo und nicht an Agnes Baltsa. Es lag an der ganzen Aura des Hauses, in der Art, alles in ein Geschäft mit Stimmen zu verwandeln. Oper hat aber doch auch immer noch etwas mit abenteuerlichem Verhalten, mit Suchen, mit einem Aufspüren zur Musik zu tun.

(DER STANDARD/Printausgabe, 20.07.2010)

Hans Neuenfels (1941 in Krefeld geboren) ist einer der bedeutendsten Regisseure der Gegenwart. Mit seinen sehr individuellen szenischen Ansätzen war und ist er auch gut für so manche Publikumserregung. Am Ende der Salzburger Ära von Gerard Mortier etwa hat er mit der "Fledermaus" für Tumulte gesorgt.

  • Hans Neuenfels arbeitet gerne in Bayreuth; an die Wiener Staatsoper 
hat er eher schlechte Erinnerungen.
    foto: reuters

    Hans Neuenfels arbeitet gerne in Bayreuth; an die Wiener Staatsoper hat er eher schlechte Erinnerungen.

Share if you care.
19 Postings
Können die in Bayreuth...

...nicht einmal was anderes spielen, als ewig diesen, diesen...Wagner.

ich fahr nicht jedes Jahr nach Bayreuth, sondern nur alle 2, 3 Jahre mal...
Für Lohengrin hab ich leider keine Karte bekommen.
Die Bayreuther Festspiele sind nämlich immer eine Reise wert.
Vorausgesetzt man erträgt Wagner und den Wagnerkult und besitzt genügend Humor für die Villa Wahnfried oder die überdimensionalen Cosima- und Richardbüsten am grünen Hügel, die bezeichnenderweise von Arno Breker sind.

A. Breker

wird von vielen Menschen sehr gut ertragen (besser als die späten Hrdlickas) nur können ihn sich nur wenige leisten. Einer der wenigen Künstler, dessen Marktpreis sich nach der Qualität und nicht nach dem Diktat einiger Galerien richtet.

Ich muss Ihnen widersprechen:
der Marktpreis von Breker ist gewiss nicht aufgrund seiner Qualtität so hoch, sondern weil er von einer sehr geschäftstüchtigen Galerie vertreten wurde, nämlich der Adolf-Hitler-Gallery, die ihm eine außergwöhnliche Karriere ermöglicht hat.
Die Adolf-Hitler-Gallery hat ihm auch gleich eine Monopolstellung eingeräumt - sehr praktisch für einen Künstler, wenn er konkurrenzlos ist.

Dass sich Arno Breker noch Ende der 70er Jahre ausgerechnet in Bayreuth am Grünen Hügel auch noch mit Wagner verewigen durfte, passt perfekt ins Familienunternehmen.
Aber wie gesagt: ich fahre gerne nach Bayreuth und besuche auch immer wieder gerne die Villa Wahnfried, dieses einzigartige Wagnerkuriositätenkabinett.

WER

wurde denn von wem vereinnahmt?
Was konnte etwa Liszt dafür, dass sein "Les Préludes"-Motiv solchen Anklang fand bei _____ ?

ich rede ja gar nicht von Vereinnahmung.

Denn Breker wurde sicher nicht vereinnahmt.
Er war williger und karrierebewußter Nutznießer.

Der war schon ein anerkannter Künstler

geraume Zeit vor seinem Bewunderer, genau wie Wagner, oder Furtwängler. Deren Qualitäten werden Sie ja wohl auch nicht aufgrund ihres 'Fans' in Frage stellen.- Seine Neo-Renaissance Skulpturen haben die Qualität eines Giambologna oder Michelangelo und trafen genau den Geschmack der Zeit. Vergleichen Sie mit der Monumentalkunst des Stalinismus zur gleichen Zeit, sehen Sie den Qualitätsunterschied. Das erkannten auch die Menschen nach dem Krieg und schätzten ihn weiterhin hoch (und teuer), was diverse Auftragswerke beweisen. Vom Zehnkämpfer J.Hingsen bis zum Industriellen H.Gerling (bestimmt sehr 'unverdächtige' Repräsentanten.)

die Qualität eines Michelangelo.

Sie machen Witze!

Dann besuchen Sie einmal

den Skulpturenpark in Düsseldorf, wo nicht die 'Blut- und Boden Auftragswerke' zu sehen sind, und dann reden wir weiter. Komposition, Ausgewogenheit, Ästhetik bis hin zu den recht maskulinen Frauentorsi werden Sie sehr viele Parallelen finden. Abgesehen von der handwerlichen Meisterschaft.

Mir ist der Verdi gestern auch im Traum erschienen!

Und er hat zu mir gesagt, er kennt gar keinen Neuenfels!

es ist allerdings eine Tatsache, dass während der Ära Holender (wenn man sowas überhaupt als Ära bezeichnen kann), eine der wenigen guten Produktionen (von dem Stück einmal abgesehen) "Le Prophète" in der Inszenierung von Neuenfels war.
Sein "König Kandaules" in der Volksoper ist mir auch noch in sehr guter Erinnerung.
Und erst "das Käthchen von Heilbronn", mit der hinreissenden Anne Bennent im Burgtheater!

Mir erschien ein übel zugerichteter J. Strauß

und erzählte, er wäre von einem gewissen Neuenfels vergewaltigt worden;-)

Vergewaltigung

Ich fürchte, das nächste Vergewaltigungsopfer wird Wagners Lohengrin sein - man hört, Herr Neuenfels wird das Volk von Brabant in Gestalt von Laborratten
auftreten lassen !

Also nach

Sodomie an einer Fledermaus nun auch noch an Ratten - für große Tiere fehlt Herrn N. wohl die Potenz....

Ein großer Regisseur würde mindestens eine Herde Wallache auftreten lassen.

ob

walache für oper klug genug sind.

Pferde und Falken gabs schon

in der Staatsoper.

Und das zu einer Zeit,

wo Brangänchen in der Grundschule noch lernen sollte, dass WALLACH halt zwei Ls aufweist - im Gegensatz zur Walachei....

eigentlich sollte es ja

waloch(e) klug genug für oper heissen

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.