Tim Mälzer, der Erdäpfelzähler - aber hat Harald Fidler tatsächlich von einer "Bullerei" Gemüse erwartet?
Sättigung ist nicht die erste Sorge, wenn man in ein Lokal eingeladen wird, das "Bullerei" heißt, und dessen Restauranteingang ein großes Fenster in eine kleine gekachelte Speis ziert, in der dekorativ ein halbes Schwein abhängt, zumindest so lässig wie die meisten Kunden hier. Nebst anderen Fleischstücken ansehnlicher Größe, soweit die kleine Speis das halt zulässt.
Tim Mälzer betreibt das Doppellokal in der alten Halle doch recht gewaltiger Dimension. Dazu gleich eine Warnung: Versuchen Sie, in der Nähe des Kamins zu sitzen, der ist ums Eck von der eigentlichen Halle, und man kann sich dort ein bisschen besser unterhalten, sagen mir Bullerei-erfahrene Esser. Wir saßen eh in Kamin-Nähe.
Schweinischer Türsteher
Ich bin nicht sicher, ob der schweinische Türsteher (der in der
Speis) dafür verantwortlich zu machen ist, dass Herr Bruckenberger schon vor dem Apero ohne Unterlass das Mantra "Fleisch ist mein Gemüse" in die Bullerei vor sich und uns hin murmelte. Jedenfalls war das Überraschungsmenü damit nur schwer zu vereinbaren. Da war für uns gediegenst, aber doch Gruppenreisende Fisch vorgesehen, bei 37 Grad im Schatten an sich ein vernünftiger Gedanke.
Bruckenberger stimmte aller Überraschung freudig zu, aber halt unter einer Bedingung: Fleisch muss dabei sein, jedenfalls bis zum Dessert. Bruckenberger blieb damit nicht in der Minderheit. Aber Fleisch hängt hier ja genug herum, auch vom Rind.
Ein Mann sieht rosa
Also: Lauwarme Rote-Rüben-Suppe mit Krabben und Räucherfleisch. Bruckenberger nickt recht zufrieden, ich nicke mit. Durchaus ganz schön, nicht nur farblich, aber die weckt auch noch auf.
Die plangemäß überraschten Kollegen bekamen okay aussehende, für meinen Blick etwas zu dick gemehlte Dorade, mit rotem Mangold, Pfifferlingen und Artischocke, mailte mir mein Schmecks-Praktikant Bruckenberger, um mein geschwächtes Gedächtnis zu stützen.
Erdäpfel sind abgezählt
Wir ließen uns umso überraschter mit einem wirklich sehr ordentlich portionierten Rind überraschen, das uns als Roastbeef vorgestellt wurde, mit rotem Mangold, Pfifferlingen und Artischocke, mich aber stark an Beiried erinnerte, aber die sagen ja auch Kartoffel zu den Erdäpfeln. Womit wir elegant beim Thema wären.
Ein wirklich tadelloser kleiner Erdäpfel begleitete Fleisch und Fisch. Herrn Fejzuli, offenbar eher der Beilagenesser, begeisterte das Kartoffelchen gar so sehr, dass er die sonst sehr verständnisvolle Kellnerin bat, ob er nicht vielleicht noch den einen oder anderen dieser Stärkespender bekommen könnte. Die freundliche junge Dame fragte nach, konnte aber nicht helfen: "Kartoffelstampf" könne der Gast aus Österreich gerne haben, aber keine extra Erdäpfel, denn: "Die Kartoffeln sind abgezählt."
Eigentlich ein grundvernünftiger Zug: ein halbes Dutzend Portionen Fleisch extra sind kein Problem. Aber mehr Erdäpfel als unbedingt nötig, verstellen nur sinnlos Platz. Zum Beispiel dem Fleisch. Ganz im Sinne meines Praktikanten.
Goldener Stinkefinger
PS: An der Durchreiche zur Küche steht ein goldener Gartenzwerg, der den Stinkefinger zeigt. Kann sich nicht auf Extrawünsche beziehen.
PPS: Um meine Überraschung perfekt zu machen, bat ich, mich mit dem geplanten Dessert (Schokopalas mit Mango-Sauerrahm-Creme, mailte der Praktikant) zu verschonen. Umso weniger schonte mich die Küche: Zwei deftige Portionen Brie mit drunter Rhabarber und Weißbrot und drüber viel, viel Grünzeug, wenn ich mich recht erinnere, da streikte der Praktikant schon. Regelmäßige Schmecks-Konsumentinnen und -Konsumenten werden es nicht fassen, aber: Ich habe nur eines davon geschafft.
Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und
Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute,
die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen
Vergnügen. Was nicht immer gelingt.