Wikipedia: Zwischen Wissen und Besserwisserei

19. Juli 2010, 11:34
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Schweizer Historiker Peter Haber studiert die Mängel von Wikipedia-Artikeln über historische Ereignisse. Er rät nicht ab vom Onlinelexikon, warnt aber vor beschönigenden und manipulierten Artikel

Am 12.Dezember 2007 musste der Wikipedia-Artikel über Christoph Blocher gesperrt werden. Nicht weil der um seine Wiederwahl kämpfende Bundesrat beschimpft worden wäre, sondern weil die Wikipedianer ständig den letzten Stand der Abstimmungen aus dem Bundeshaus einarbeiteten. Der Artikel erinnerte an diesem Tag mehr an einen Newsticker als an einen Lexikoneintrag. So ist Wikipedia: Kaum ist jemand (ab)gewählt oder gestorben - Minuten später ist der entsprechende Artikel aktualisiert.

Wikipedia gilt als die Erfolgsgeschichte des Web 2.0, des Internets und der sozialen Netzwerke schlechthin. In der deutschsprachigen Version gibt es mittlerweile über eine Million Artikel, insgesamt existieren mehr als 260 Sprachversionen. Gegen das Wissen der vielen können altgediente Lexika wie der Brockhaus längst nicht mehr mithalten. Alle nutzen die Onlineenzyklopädie: Schüler, Studierende und auch die Wissenschaftler selbst. Und ja, wir geben es ja zu, auch die Journalisten.

Vor allem Artikel zu Geschichte sind gefragt: Mit zwei Mausklicks erfährt man scheinbar alles über Alexander den Grossen, den Rütlischwur oder den Zytglogge. Lehrer und Uni-Dozenten können ein Lied davon singen, wenn sie ganze Passagen aus Wikipedia-Artikeln in den Arbeiten ihrer Schüler finden.

Zu wenig Einordnung

Was aber bedeutet das, wenn wir unser Wissen über Geschichte zunehmend aus einer Onlineenzyklopädie beziehen? Wie sollte man Wikipedia richtig nutzen? Darüber denkt Peter Haber, Privatdozent für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Basel, schon seit Jahren nach. Er verweist auf Untersuchungen, wonach Artikel zu historischen Themen zwar nur wenige Fehler enthalten, die angehäuften Fakten aber weder gewichtet noch eingeordnet würden. Aufgrund des kollektiven Schreibprozesses sei zudem die Sprache sehr einfach und voller Stilblüten.

Haber räumt aber auch ein, dass Wikipedia ein Lexikon sei und eben kein Geschichtswerk: «Das Problem scheint mir eher die Erwartungshaltung. Die Nutzer hätten gerne mehr Interpretation und Kontext. Aber dafür ist eine Enzyklopädie ja gerade nicht gedacht, bei Brockhaus sucht das auch niemand.»

Im Sommersemester war Haber Gastprofessor an der Universität Wien und führte dort ein Forschungsseminar zum Thema «Wikipedia und die Geschichtswissenschaften» durch. Die Analyse ausgewählter Wikipedia-Artikel hat Haber und seine Studierenden eher ernüchtert. Ihr Fazit: Je komplexer das Thema ist, desto grösser ist das Risiko, dass der Artikel nicht als Einstieg taugt. «Man sollte sich schon vorher etwas auskennen, bevor man bei Wikipedia nachschlägt. Wir untersuchten etwa den Artikel ‹Frühmittelalter›, der ist strukturlos und voller Lücken. Der Artikel zu ‹Aufklärung› blendet die Vielschichtigkeit des Begriffes aus: dass damit sowohl eine Epoche als auch eine geistige Bewegung gemeint ist, wird nicht deutlich.»

Prestige à la Wikipedia

Wäre das nicht eine grosse Chance für die Geschichtswissenschaft, mit ihrem Fachwissen genau diese Schwächen auszumerzen? Haber ist da skeptisch. Er verweist auf einige Kollegen, die sich sehr darum bemühen, das Niveau der Geschichtsartikel zu heben: «Ich finde das gut. Aber ich kann Historikern nicht guten Gewissens zur Mitarbeit bei Wikipedia raten, denn das kostet sehr viel Zeit und bringt für die akademische Karriere nichts.»

Weil Wikipedia sich als offen und vollkommen demokratisch versteht, nütze ein Doktortitel auf den Diskussionsseiten von Wikipedia herzlich wenig. «Dort gelten andere Reputationskriterien als in der Wissenschaft. Je mehr Edits - also Änderungen - Sie vorgenommen haben, desto angesehener sind Sie.» Ständig Artikel zu «überwachen», kleine Änderungen einzuarbeiten und sich dabei mit notorischen Besserwissern auseinanderzusetzen, kostet aber viel Energie und Zeit. Untersuchungen haben gezeigt, dass nur etwa 0,2 Prozent der Nutzer - die sogenannten Power-User - für den ganz überwiegenden Teil der Artikel und Edits verantwortlich sind. Wikipedia sei zu einer «Diktatur der Zeitreichen» geworden. Wer über viel freie Zeit verfügt, setzt sich am Ende durch.

Gefahr des Geschönten

Wegen des grossen Erfolges versuchen auch Politiker oder Unternehmen den Eintrag über sie selbst zu schönen oder gar zu manipulieren. Wie Untersuchungen von Günter Schuler zeigen, rufen rechtsextreme Gruppen vermehrt dazu auf, Artikel über den Nationalsozialismus oder den Holocaust umzuschreiben. «Hier ist die Wikipedia-Gemeinde zumindest bei den wichtigen Artikeln noch wachsam», sagt Peter Haber, «aber es ist auffällig, wie viele Artikel es zur Militärgeschichte gibt, viel mehr, als es ihrer Bedeutung zusteht.»

Für den Basler Historiker bietet Wikipedia als Forschungsgegenstand Vor- und Nachteile. Einerseits wisse man sehr wenig über die Autoren: «Viele schreiben anonym, es lässt sich nur sehr schwer etwas über ihre Person oder ihre Motivation herausfinden. Andererseits weiss man dank der Diskussionsseiten und der früheren Versionen eines Artikels - die werden ja alle gespeichert -, sehr viel über die Entstehungsgeschichte», so Haber. Um zu untersuchen, wie eine Masse Wissen erzeuge, sei Wikipedia eine Goldgrube. Die Diskussion des englischsprachigen Artikels über den Revolutionär Che Guevara ergebe ausgedruckt 900 Seiten.

Nicht immer kompetent

Wenn man die Diskussionsseiten überfliege, sehe man sehr schnell, wo es wirklich um inhaltliche Auseinandersetzungen gehe und wo um Kleinigkeiten und Besserwisserei. Den Artikel über Ignác Goldziher verfolgt Haber seit Jahren - er hat über den ungarischen Orientalisten seine Dissertation geschrieben. «Das Niveau der Diskussion ist zum Teil schon recht bescheiden, sehr schnell wird mit persönlichen Vorwürfen und behaupteten Kompetenzen gearbeitet.» Genau dieser Blick hinter die Kulissen von Wikipedia ist für Haber entscheidend bei der Nutzung.

Von einem Wikipedia-Verbot, wie das an mancher Schule oder Uni schon angedacht wurde, hält Haber daher nichts: «Wikipedia ist Teil unserer Medienwirklichkeit, deswegen sollten wir den Umgang damit üben. Meine Studierenden dürfen in ihren Seminararbeiten aus Wikipedia zitieren, aber sie müssen begründen, warum sie das tun. Dann fangen sie nämlich an, darüber nachzudenken, wie diese Artikel zustande kommen, und schauen sich die Diskussionsseiten und die Versionsgeschichte an.»

Für Schüler gelte letztlich dasselbe: Man müsse sie «Wikipedia-fit» machen. Sprich: Sie sollten in der Lage sein, Wikipedia-Inhalte abgrenzen zu können von Wissen, das auf anderen Wegen entstanden ist, wie etwa Lehrbücher.

Die Forschungen von Haber und seinen Studierenden ergaben, dass die englischsprachigen Versionen sehr oft besser recherchiert und strukturiert sind. Besonders Einträge zu Personen und Ereignissen seien gefährdet, national eingefärbt zu werden: «Wir haben uns das beispielhaft angeschaut, etwa anhand der Artikel zum Kalten Krieg. Da finden sich grundlegende Unterschiede in der politischen Einschätzung und vor allem in der Aufmachung: Während die englischsprachige Wikipedia mit einem Bild von Reagan und Gorbatschow am Kamin das Ende des Kalten Krieges visualisiert, zeigt die russischsprachige Version eine Weltkarte mit den beiden Blöcken in Rot und Blau.»

Wie steht es mit Artikeln über die Schweizer Geschichte? «Hier haben wir eine Situation, die kaum mit anderen Ländern zu vergleichen ist», sagt Haber, «denn hier gibt es das HLS, das ‹Historische Lexikon der Schweiz›.» Das sei ein qualitativ sehr hochwertiges Nachschlagewerk, das in drei Sprachen vorliege und auch online frei zugänglich sei. In der Onlineversion werde es auch behutsam aktualisiert. «Viele Wikipedia-Artikel zur Schweizer Geschichte kupfern vom HLS ab oder setzen einen Link dorthin», sagt Haber und findet das gut. ( Oliver Hochadel, Berner Zeitung, 18.07.2010)

 

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fangdenhut
00
26.7.2010, 14:59
Die Meinung im Artikel ist also das Ergebnis von Diskussion

...und durchsetzen tun sich nicht immer die, die die objektivste Darstellung bevorzugen, sondern die Auswahl erfolgt nach anderen, weniger relevanten Kriterien.

Nun, das ist nicht ideal, aber wo ist der Unterschied zu einer normalen Enzyklopädie? Es wird doch niemand ernsthaft glauben, dass es dort keine Diskussion um kontroverse Themen geben wird? Bei wikipedia entscheidet im Endeffekt die Gruppe, die mehr Zeit aufopfern kann, in Verlagen setzen sich halt die mit dem besten Netzwerk durch. Für die Qualität des Artikels beides gleich unrelevant.

Aber einen Unterschied gibt es: bei wikipedia kann man all das lückenlos nachvollziehen, während Verlage Objektivität vorzugaukeln versuchen.

LeganFuh
11
23.7.2010, 08:17
was,...

wikipedia spricht nicht die wahrheit ?!

ÖVP und Banken sind eine Seuche !
40
21.7.2010, 06:46
warum setzten sich dann

nicht wissenschafter und fachleute hin und bessern die mangelhaften seiten kostenlos und freiwillig aus.

Urfahraner Auge
00
26.7.2010, 09:09
Lesen bildet:

"ich kann Historikern nicht guten Gewissens zur Mitarbeit bei Wikipedia raten, denn das kostet sehr viel Zeit und bringt für die akademische Karriere nichts."

iamdaiam
31
20.7.2010, 10:18

ist nicht alles so wie im wikipedia steht?
gähn.
sollen mal ihre eigenen arbeiten durchschauen.

Pumuckel Salzstreuer
42
20.7.2010, 09:14
'...von Wissen, das auf anderen Wegen entstanden ist, wie etwa Lehrbücher..

Ah ja - ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit. In der Unterstufe leistete ich mir einen Disput mit unserer Geschichtslehrerin, weil ich mich weigerte, Columbus als ersten Europäer, der Nordamerika erreichte zu nennen und auf den Wikingern insistierte. Ich musste zum Direktor und meine Mutter in die Sprechstunde. Letztere diskutierte zwar auch mit der Professorin, aber am Ende triumphierte das 'auf ordentlichen Wegen entstandene Wissen aus dem Lehrbuch'. So war das halt unter Kreisky's Alleinregierung - und wo wir gerade von Kindermissbrauch so viel hören - die 'Heimkinder' aus dem städtischen Kinderheim Wien 18 haben damals genug in der Richtung erzählt-die anderen sind halt von den Eltern daheim geprügelt worden...

Davidoff et cetera
01
21.7.2010, 01:12

die "entdeckung amerikas" ist auch neusprech für die europäische invasion, eigentlich.

peak oil
11
20.7.2010, 17:17
abgesehen davon

waren die wikinger keineswegs die ersten. die mayas z.b. waren schon viel früher dort und die kamen von asien her.

hobsch
11
22.7.2010, 10:50

Die Mayas waren Europäer?

fangdenhut
00
26.7.2010, 15:02
Nein, Afrikaner

Genau so wie die Europäer. Und die Asiaten. Und überhaupt alle homo sapiens sapiens ursprünglich.

Gummibam aus Surinam
04
22.7.2010, 12:33

Natürlich. Und sie hießen ursprünglich "Mayer".

hobsch
01
23.7.2010, 00:20

na dann ....

Mista
01
20.7.2010, 10:28

und was bitte hat "kreiskys alleinregierung" mit ihrem lustigen kleinen erlebnisaufsatz zu tun???

•™
00
26.7.2010, 19:42

Vielleicht, dass ein buntes Völkchen u.a. mittels Gewaltexzessen wie oben beschrieben und sich dabei "Lehrer" bezeichnend in besagter Zeit besonders ausgeprägtes (Rechts-)Anspruchsdenken inklusive Formulierung desselben entwickelt und zugleich die Illusion von Unentbehrlichkeit auf Kosten anderer was halt geht aufgeblasen hat...?

Erzmagier
01
19.7.2010, 22:30

Der "Screenshot" is ja mal billig!

BFR_strikes_back
07
19.7.2010, 21:30
Auch in Fachliteratur wird oft zitiert ohne zu überprüfen ob es stimmt.

Ich nehme mich da nicht aus, ich forsche auch nciht bei jedem meiner Arbeiten bei jeder kleiner Information nach.

Bei wikipedia ist es aber so: Je spezifischer ein Artikel, desto eher ist er richtig, da niemand der sich nicht auskennt über fachspezifische Dinge schreiben wird, der sich nicht genau damit beschäftigt.

Ein guter Tipp wäre auch auf Literaturzitate zu achten. Schon bei vielen Wikipedia-Artikeln sind mir viele bekannte Fachbücher und Autoren untergekommen.

Jedenfalls ist Wikipedia noch immer das beste um sich einen gewissen Überblick zu schaffen, JEDOCH dann Quellen in Form von Büchern zu konsultieren.

Rainer M.
11
22.7.2010, 12:55
kann dich leider nur beunruhigen..

.. das ist leider eine Lüge.. ein Vortragender von mir (angesehen in der Wissenschaftswelt im Berreich Biologie des Alterns) und er hat versucht sein Wissen bei Wikipedia welches den neuesten Stand der Dinge entspricht( da von ihm entdeckt und publiziert) hochzuladen... wurde ständig editiert und er hats aufgegeben.

georg_bendemann
00
19.7.2010, 19:38

diesen artikel habe ich doch schon vor ein paar wochen hier gelesen ... (?)

I really hope this name will fit
00
19.7.2010, 23:51

Nicht hier, sondern im Wissenschaftsressort:
http://derstandard.at/127733753... -das-Sagen

Seit wann werden im Webstandard eigentlich Artikel aus der Berner Zeitung publiziert?

nemo sander
12
19.7.2010, 15:27
zumindestens die deutsche version von wiki

ist stellenweise unerträglich. so mancher editor löscht schon automatisch und reflexartig korrekturen oder bildmaterial, es sei denn, man schleimt ihn an und bestätigt sein wissen und seine geistige überlegenheit, dann ist die gleiche korrektur auf einmal in ordnung.

Davidoff et cetera
00
21.7.2010, 01:14

ist mir auch schon passiert.
habe einmal in einem artikel etwas falsches unter angabe einer quelle berichtigt und ergänzt; das wurde nach einem halben tag vom "originalautor" aber wieder durch seine version ersetzt. diskutieren auf der diskussionsseite brachte nichts, da keine antwort und der artikel mittlerweile gesperrt war.
(es ging um multithreading-unterstützung in C++ durch den neuen standard)

Schrumpfschlauch
00
19.7.2010, 17:25
Sind halt "Deutsche Recken"

Guybrush Threepwood
211
19.7.2010, 14:09
"...ich kann Historikern nicht guten Gewissens zur Mitarbeit bei Wikipedia raten, denn das kostet sehr viel Zeit und bringt für die akademische Karriere nichts."

Genau das ist die richtige Einstellung.

</Sarkasmus>

Entropix
01
19.7.2010, 13:24
wie bei jeder

Informationsquelle bleibt einem halt auch bei Wiki eine kritische Würdigung (samt cross check) nicht erspart ;-)

Mathias
 
42
19.7.2010, 13:17
Wikipedia: Zwischen Wissen und Besserwisserei

Der Herr Historiker sollte mal zur Abwechslung sämtliche "Fachzeitschriften" über Geschichte und Militärgeschichte unter die Lupe nehmen. Das ergäbe auch eine nette Studie ;-)

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