Unruhe stiften und aus Ideen Bewegungen gestalten
Immer wenn uns ein Kunde mit "Innovation" beauftragt, fragen wir, was Innovation für ihn eigentlich bedeutet. Da gibt es die kleinen Veränderungen mit großer Wirkung und die großen, neuen, "gefährlichen" Ideen, die Potenzial haben, aber mangels Bezugspunkten schwer zu bewerten sind.
Unser Kunde - "CEOs for Cities" gemeinsam mit der Lumina-Stiftung - wollte "gefährliche Ideen", um einen provokanten Dialog über das Universitätswesen in den USA vom Zaun zu brechen. So machten wir uns daran, unerwartete und sogar schrullige, aber effektive Ideen zu entwickeln, die die Leser in den Akademie-, Regierungs- und Industriekreisen wachrütteln würden.
Wissenstand überprüfen
Zunächst mussten wir herausfinden, auf welchem Wissensstand die Bildungsindustrie aufbaute. Dazu untersuchten wir den aktuellen Stand des Denkens zur Universitätsausbildung in akademischen Zeitschriften, Blogs, sozialen Online-Netzwerken, etc. Dies brachte uns auf zehn - grundlegende - aufschlussreiche "Weisheiten" des Bildungswesens. Zum Beispiel, dass Studenten, die sich in Studiengruppen mit ähnlichen Lernzielen und ähnlicher Lebenserfahrung zusammenschließen, seltener das Studium abbrechen.
Unser Hauptaugenmerk richteten wir dabei auf die Studienabbrecher.
Da wir sie nicht als Versager betrachteten, gaben wir ihnen den optimistischeren Namen "Pre-Graduates", "sich noch vor dem Abschluss befindliche Studenten". Ziel war zum einen, Muster aufzudecken, die erklären, warum Pre-Graduates das Studium nicht beenden. Zum anderen wollten wir Richtlinien entwickeln, um ebenjene Probleme lösen. Dazu griffen wir zu Erkenntnissen ethnografischer Forschung, besuchten Studenten in ihren Wohnungen, hörten uns ihre Lebensgeschichten an, analysierten ihre Lebensstile und Berufssituationen. Die Studenten nahmen uns mit auf Touren durch ihre Nachbarschaften, in Bars, Banken und andere Orte, die sie an ihre zerbrochenen Ausbildungsträume erinnerten. Aus diesen Beobachtungen und Unterhaltungen leiteten wir dann Einsichten ab, die uns die Grundstruktur zur Ideenentwicklung gaben.
Um Ideen zu entwickeln, die immer noch relevant und bahnbrechend sind, wenn sie umgesetzt werden, mussten wir versuchen, einen Blick in die Zukunft des Bildungswesens zu werfen. Dazu sprachen wir mit einer Reihe interdisziplinärer Experten, die ihre Betätigungsfelder aktiv voranbringen. Darunter waren unter anderem Dan Ariely, Professor der Verhaltensökonomie an der Duke University und Autor des Buches Denken hilft zwar, nützt aber nichts. Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen (Droemer), und mit Unternehmensleitern wie Denis Well, Vice President of Innovation and Concept Development bei McDonald's.
Zugänge entwickeln
Zum Schluss wählten wir die besten Ideen aus und machten sie "implementierungsreif". Angesichts unserer Neigung zum Unruhestiften war unser Hauptkriterium das Potenzial für echten und schnellen Umbruch.
Selbiges wurde Ideen zugesprochen, die das Aufsehen von Traditionalisten erregen, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen und dabei eine Bewegung antreiben könnten, die eine akademische Ausbildung nachhaltig ändern und verbessern kann und nicht nur weniger unbefriedigend macht. (Katherine von Jan, DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.7.2010)
Zur Person: Katherine von Jan ist Trendforscherin, Innovationsberaterin und Creative
Director ihrer Consulting-Firma KvJ & Company. www.kvjco.com