Betrifft: Heißer Sommer, coole Bahn - Aus dem Reise-Tagebuch eines potenziellen Umsteigers vom Auto auf die Schiene
Kapitel 1: Diesmal wollten wir umweltbewusst reisen und haben die ÖBB in unsere Urlaubsfahrt einbezogen, leider. Autoreisezug, nur nach Villach, da man nach Lienz ausschließlich am Samstag fahren kann, obwohl gerade die Vermeidung der engen, endlosen Drautalstraße höchst erstrebenswert wäre und in der Urlaubszeit mit Sicherheit Bedarf an diesem Service bestünde.
Zu unseren Erste-Klasse-Fahrkarten hatten wir Sitzplätze reserviert, die für die zweite Klasse ausgestellt wurden, ja, man sollte eben alles überprüfen. Der Zug fährt mit knapp zehnminütiger Verspätung von Wien los, dann wollte man frühstücken. Der einzig freie Tisch im Speisewagen war defekt, und der Durchsatz an Leuten gering, da man offenbar den zweiten Mann vom Speisewagen vergessen hatte - der scheint dann unterwegs (Wiener Neustadt?) zugestiegen zu sein, um das Chaos zu mildern. Irgendwann fanden wir Plätze und bestellten uns erwartungsvoll u. a. Kaffee; leider gab es keine funktionierende Kaffeemaschine, andererseits aber vielleicht Gott sei Dank, da die harntreibende Wirkung des Kaffees sich möglicherweise unangenehm ausgewirkt hätte, waren doch drei der vier Toiletten nicht brauchbar und abgesperrt. Vielleicht sollte auf der ÖBB-Internetseite darauf hingewiesen werden, dass man sich sicherheitshalber Windeln einstecken sollte. Im Übrigen kann auch, was die Reisezeit betrifft, von einer echten Alternative zur Autobahn nicht die Rede sein: Die Fahrt nach Villach dauert u. a. wegen der vielen Stationen überaus lange - dazu noch die nicht minder lange Wartezeit bei der Autorückgabe und die scheinbar ohnedies übliche Zugverspätung.
Kapitel 2: Unser 15-jähriger Sohn sollte mit dem Zug aus Sillian zurück nach Baden fahren. Von der Alm sind wir zum Bahnhof Sillian gefahren, zum Umsteigen in Lienz hätte er ca. 35 Minuten Zeit gehabt, das sollte ausreichen und uns die lange Autofahrt nach Lienz ersparen. Kurz nach der Abreise aus Sillian ruft mich mein Sohn an und sagt, der Zug stünde irgendwo auf einem Feld und würde sich verspäten, der Schaffner würde laut auf die ÖBB fluchen und andeuten, er wolle diesem Saustall kündigen. Der Zug ist dann mit 40-minütiger Verspätung in Lienz eingetroffen, der einzige direkte Zug von Lienz nach Wien hatte allerdings die zwei Minuten (!) nicht abgewartet und war bereits weg, nach Auskunft der Fahrdienstleitung auf Geheiß einer übergeordneten ÖBB-Behörde, Gratulation! So hat er eineinhalb Stunden auf den nächsten Zug nach Villach gewartet, der seinerseits mit achtminütiger Verspätung abfuhr. Es war nicht leicht einzusteigen, da drei Türen klemmten, die beiden Toiletten waren mit frischem Gedärminhalt verstopft (wegen akuter Wassernot in Tirol?), aber bis Villach sind es ja nur eineinhalb Stunden - sollte man glauben. Es kam aber anders: Der diensteifrige Schaffner fragte gleich nach den Fahrkarten, der Zug stand zu diesem Zeitpunkt aber bereits wieder irgendwo auf der Strecke, und die Fahrgäste wollten wissen, ob er Fahr- oder Stehkarten sehen wollte. In Spittal ist er dann verspätet angekommen, nach weiteren fünf Minuten wurde den Fahrgästen mitgeteilt, dass sie wegen Abwesenheit des Zugpersonals (!) noch mindestens 20 Minuten zusätzlich warten müssten. Worauf? Auf das Zugpersonal. Ja, es war heiß - vielleicht waren die Herren ja schwimmen, oder haben sie verzweifelt nach Toiletten gesucht?
Schließlich ein nochmaliger Anruf meines Sohnes: Er habe gerade erfahren, dass er bei Weiterfahrt nach Villach keinen Anschlusszug mehr nach Wien antreffen würde. Er ist dann verunsichert mit dem Zug zurück nach Lienz, von wo ich ihn nach einer weiteren unnützen 45-km-Strecke mit dem Auto abgeholt habe. Zurück auf die Alm. Am nächsten Morgen dann wieder nach Lienz, wieder unnütze 45 km, um mit einem neuen 50-Euro-Ticket nach Baden zu fahren. Der Zug hatte zwar wieder Verspätung und wenige funktionsfähige Klos, aber er ist immerhin in Baden angekommen. Toll! - Mein Sohn fragte mich, ob es denn keine netten, bequemen, pünktlichen Züge gäbe: Doch, antwortete ich ihm, in der Schweiz zum Beispiel ...
(Univ.-Doz. Dr. Armin Czernilofsky/DER STANDARD, Printausgabe, 19. Juli 2010)