Hans Peter Martin ist selbst das Opfer seiner Art, Politik zu betreiben
Politik kann für Politiktreibende menschenvernichtend, gesundheitsschädlich sein - persönlichkeitsverändernd sowieso. Oder, was auch nicht selten ist, eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur führt einen in die Politik, bringt eine Zeitlang sogar Erfolge, nach einiger Zeit bricht dann das Problematische durch.
Die Kehrseite des anfangs erfolgreichen Populisten ist, dass er (ganz selten: sie) immer häufiger die Dosis erhöhen muss. Der Umrührer, der Aufdecker, der "Rebell" gegen "die da oben" kann ohne Aufmerksamkeit nicht mehr leben. Daher muss er immer schriller werden, noch mehr Krawall veranstalten, und irgendwann ist dann der Punkt erreicht, wo die Sache kippt. Jörg Haider war so einer.
Hans-Peter Martin, der Anti-Establishment-, Anti-Globalisierungs-, Anti-EU-Populist ist ein anderer. Jetzt macht er eine Mitstreiterin, die sich nun von ihm trennt, für seinen Hörsturz und Tinnitus verantwortlich. Diese Krankheit (ständige Geräusche im Ohr) kann die Hölle sein. Sie wird fast immer durch Stress ausgelöst. Hans- Peter Martin ist ehrlich zu bedauern. Aber dass er seine Mitstreiterin verantwortlich macht, ist Teil des Krankheitsbildes.
Sein politisches Leben besteht nur aus Stress, nur aus Hochspannung, nur aus unzähligen Tobsuchtsanfällen, Trennungen von Mitstreitern, nur aus ständiger populistischer Dosis-Erhöhung. Er ist ein Opfer - der Art, wie manche glauben, Politik betreiben zu müssen. (Hans Rauscher/DER STANDARD Printausgabe, 17.7.2010)