Negative Anthropologie

17. Juli 2010, 17:00
  • John Gray, "Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus" . €
 20,50 / 246 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2010
    coverfoto: klett-cotta

    John Gray, "Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus" . € 20,50 / 246 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2010

  • John Gray, "Politik der Apokalypse. Wie die Religion die Welt in die 
Krise stürzt" . € 23,60 / 363 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2009
    coverfoto: klett-cotta

    John Gray, "Politik der Apokalypse. Wie die Religion die Welt in die Krise stürzt" . € 23,60 / 363 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2009

  • Artikelbild
    coverfoto: klett-cotta

Der Ideenhistoriker John Gray trägt den Humanismus und die Religionen zu Grabe: Ein nicht immer ganz stringentes Unterfangen

Dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist, das glauben auch viele Menschen noch, die gar nicht mehr an Schöpfung oder einen Schöpfergott glauben. Es ist gewissermaßen eine Falle, die das Bewusstsein den Menschen stellt: Weil wir über uns nachdenken, halten wir uns für etwas Besonderes. Und in dieser Perspektive scheint es dann nur natürlich, dass der Mensch - wie es ja auch schon in der Bibel steht - sich die Erde "untertan" macht, dass er Bohrlöcher in den Meeresgrund treibt, Forschungsstationen in der Antarktis baut, durch Emissionen das Klima verändert und nach Kräften den Wohlstand der Nationen vermehrt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da glaubten auch vernünftige Geister, dass das alles zu einem guten Ende kommen könnte - zu einer Menschheit, die mit sich und der Natur im Reinen wäre, die keine Kriege mehr führen müsste und keine falschen Götter verehren würde. Optimismus war eines der wesentlichen Momente der Aufklärung, und nicht nur am Schwinden dieses Optimismus ist deutlich zu ersehen, dass diese Form der Aufklärung nun an ein Ende gekommen ist.

Das liegt daran, meint der britische Ideenhistoriker John Gray, dass schon der nächste Schritt dieser Aufklärung kommen muss: vollständige Desillusionierung der menschlichen Gattung über sich selbst.

Konkret heißt das für ihn, dass er das Ende des Humanismus ausruft, das Ende der Religion vom Menschen. Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus heißt das aktuelle Buch von Gray in der kürzlich erschienenen deutschen Übersetzung (de facto ist Straw Dogs, so der englische Originaltitel, schon 2002 erschienen, aber die dazwischen vergangenen acht Jahre haben ja genügend weiteren Anlass zu einer düsteren Weltsicht gegeben).

John Gray, der bis zu seiner Emeritierung 2008 an der London School of Economics gelehrt hat, sieht sich in der Tradition der großen Entzauberer. Er will die Menschen vom falschen Glauben abbringen, und nachdem die Religion in weiten Kreisen der westlichen Welt als überwunden erscheinen kann, nimmt er sich den nächsten Glauben vor: den der Menschen an sich selbst. Der Begriff Humanismus, den er dafür in Anschlag bringt, ist schillernd, meint aber im Grunde nur eines: dass die Menschen keinen Gott mehr brauchen, weil sie sich selbst an dessen Stelle gesetzt haben (das war ja auch tatsächlich ein klassisches Argument der Religionskritik: Auflösung von Theologie in Anthropologie).

Der Mensch ist nunmehr der Gott, der über die Welt herrscht: über die Natur, über die Tiere und auch über sich selbst, weil unter den Menschen recht ungezügelt das Gesetz des Stärkeren gilt. Wir haben es bei Gray mit einem Homo rapiens zu tun, der den Homo sapiens abgelöst hat - auch dies eine Figur der Erledigung von Aufklärung, an die Stelle des wissenden Menschen setzt sich die räuberische, gewalttätige Gattung, die für ihr Zerstörungswerk auch noch auf Wissenschaft und Technik zurückgreifen kann.

Welche Rolle spielen nun in dieser Perspektivik die alten Religionen? Sie haben nach Meinung von Gray der Moderne den Grundirrtum geliefert - die Annahme, dass die Geschichte einen Sinn haben könnte, dass es einen Fortschritt und am Ende sogar ein positives Ergebnis geben könnte. Dieser Glaube ist von den Erlösungsreligionen auf die "politischen Religionen" übergegangen und hat vor allem im 20. Jahrhundert zu Exzessen des Apokalyptischen geführt, weil Bewegungen wie der Kommunismus oder der Faschismus mit der Durchsetzung ihrer Vorstellungen so schnell und so radikal wie möglich ernst machen wollten. Gray hat diese Auffassung in dem Buch Politik der Apokalypse. Wie Religion die Welt in die Krise stürzt dargelegt, das 2009 in deutscher Übersetzung herauskam und auch schon breite Schneisen durch komplexe Diskussionen legte.

Seine negative Anthropologie in Von Menschen und anderen Tieren ist die Grundlegung seiner Kritik der Religion, wobei er in beiden Fällen unter Religion eben Phänomene versteht, die vielfach unter den Begriff der Säkularisierung fallen: Was wird aus der Religion, wenn sie weltlich wird, wenn Gott aus dem Zusammenhang hinausfällt? Sie bleibt dann immer noch Religion, weil die Verblendung bzw. das Illusionäre sich nur einen neuen Gegenstand sucht. Die menschliche Gattung vergottet sich selbst - das ist der Irrglaube des Humanismus.

Gray entwickelt seine Gedanken in diesem Fall nicht stringent und methodisch sauber, sondern er umkreist in Von Menschen und anderen Tieren seine zentrale Feststellung mit zahlreichen kleinen, manchmal fast aphoristischen Beobachtungen und Lektürefragmenten. Sein Buch wird dadurch auf eine verführerische Weise angenehm lesbar, und der Autor nimmt sich damit auch ein wenig aus der Kritik.

Denn er will es mit den Denkern, auf die er sich bezieht, gar nicht auf deren Reflexionsniveau aufnehmen (am deutlichsten wird das auf zwei sehr salopp hingeschriebenen Seiten zu dem Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls), sondern er will sie mit einer Breitseite pointierter Zuspitzungen in Bausch und Bogen abservieren.

Wie anders ließe sich sonst ein Satz wie der lesen, in dem Gray provokant das 20. Jahrhundert in einer zukünftigen Rückschau als "Zeit des Friedens" erscheinen lässt. Das bedeutet im Umkehrschluss ja nichts anderes als: Es wird alles noch viel schlimmer. Für diese Annahme gibt es zwar tatsächlich gute Gründe, aber bei Gray müssen es ein paar Anleihen bei Charles Darwin und dem Bevölkerungstheoretiker Malthus getan haben.

In seinem zentralen Argumentationspunkt liegt Gray ohnehin signifikant gegen den Trend: Er sieht den Menschen konsequent als Tierwesen, bleibt selbst aber in einem sehr eindimensionalen (man könnte fast sagen: primitiven) Begriff vom Tier befangen - er sieht tendenziell nur die Raubtiere und unterschlägt die Beispiele für gelingende Selbstorganisation etwa von Termiten, die er selbst bringt. Dass der Blick auf die Tiere gerade zu einer Schärfung der Ethik und des Selbstverständnisses führen kann, spielt für ihn keine Rolle, weil er Ethik und Reflexion für Oberflächenphänomene hält. Sein Denken ist selbst Beleg für die eigene These: dass die Hoffnung auf Fortschritt immer trügerisch ist. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 7. 2010)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 41
1 2

anscheinend hat er die französischen poststrukturalisten endlich soweit verdaut, dass er sie in eigenen worten wiedergeben kann

Der wievielte Abschied vom Humanismus in den letzten ca. 150 Jahren ist das eigentlich?

Endlich mal einer, der die Menschen in das Eck stellt in das sie gehören. Mehr als eine Ansammlung von Aminosäuren, DNS und der Illusion, ein ICH zu haben, ist da nämlich nicht.

Vielleicht herrscht ja endlich mal Ruhe auf diesem Planeten, wenn die Menschheit endlich umfassend verstanden hat, was sie ist und diese nutzlosen religiösen und philosphischen Pseudoerklärungsausflüge beendet hat.

Wir sind nichts und niemand und genauso kalte Materie wie das ganze All da draussen.

Also in letzer Konsequenz: Bitte das Denken an der Gaderobe abgeben. Wozu noch irgendwas lernen, wenn das Nachdenken darüber sowieso nur Illusion ist? - Für mich beißt sich da allerdings irgendwie die Katze in den Schwanz, denn ohne Denken kann ich nur mehr hinnehmen, was ist und das ist dann am Ende so etwas wie "Demut vor der Schöpfung", paradoxerweise.

eine beeindruckende ansammlung von behauptungen ohne faktische grundierung
postmodern halt

Deshalb heisst's bei normalen Menschen ja auch "ich bin ich" und nicht "ich habe ich".

Nur wäre die logische Konsequenz aus einer solchen Sichtweise nicht Bescheidenheit, sondern ungehemmter Egoismus. Und dazu gehört wohl auch massive Selbstpromotion, zB. mit der Behauptung als denkendes Wesen mehr zu sein als die Summe chemischer Reaktionen :)

Genau dieser Trugschluss sollte mit einem richtigen Selbstverständnis verschwinden, denn kein denkendes Wesen ist mehr als der Prozess elektrochemischer Reaktionen. Das etwas mehr als die Summe seiner Teile ist, ist eine Illusion, die nicht haltbar ist.

Ich gebe Ihnen einen Tipp: lesen Sie mal "Über die Natur der Dinge" von Bunge und Mahner. Kriegen Sie bei Amazon.

Man kann sicher die Konnzeption eines Ichs im Sinne einer statischen Größe, in Frage stellen, die eine metaphysische Identität verleiht, aber dennoch ist Bewusstsein als Resultat von chemischen Reaktionen mehr als die Summe dieser Reaktionen und selbst wenn man es als Illusion ansieht, stellt sich doch die Frage, die Illusion von was eigentlich? Man mag sich mit Philp K. Dick fragen "Do Androids Dream of Electric Sheep?" - aber dass chemische Reaktionen keine Illusionen haben, möchte ich doch behaupten.

Aber die Teile sind doch auch nicht die Summe. Und die Summe enthält Eigenschaften, die in den Teilen nicht vorhanden ist. Besteht also aus Teilen, aber hat etwas darüber hinaus.
Daraus einen Mehrwert abzuleiten erscheint mir aber unvernünftig. Denn die Grundlage ist elementarer als die (aber nicht gleich der) Summe. Verschwindet die Grundlage ist auch die Summe im A****. Umgekehrt ist das nicht der Fall.

Ganz genau.

Es geht ja nicht um Summen im Sinne von Elementarteilchen bzw. hier im Text nicht um die Summe der Buchstaben, deren Bedeutung ja etwas anderes als deren Summe ist. Die Summe eines "Geistes" ist eher mit der eines Softwareprogramms vergleichbar. Nicht der Code an sich ist die Summe, sondern der Prozess, den der Code abläufen lässt. Das "Ich", das Bewusstsein ist so ein Prozess, der für uns abläuft und uns ein "Selbst" suggeriert - dh es ist nicht die Summe der Synapsen und grauen Zellen, sondern der Prozess, der Vorgang der zwischen diesen abläuft - wir sind kein "Etwas" sondern ein Vorgang. Wie etwa ein Rechenvorgang in einem Computer auch nicht aus den Transistoren besteht sondern das ausmacht, was zwischen ihnen geschieht.

Das "Ich", das Bewusstsein ist so ein Prozess, der für uns abläuft und uns ein "Selbst" suggeriert

Das Wort "suggerieren" setzt aber die Existenz eines "Ichs" bzw. eines Bewusstseins voraus. Wem sollte etwas suggeriert werden, wenn es kein bewusstes "Ich" gibt?

Intuitiv ja, praktisch nein.

Um die Gefahr....

...zu entschärfen, dass sich unsere Diskussion in verbalen Spitzfindigkeiten verläuft, bitte ich Sie Begriffe wie "intuitiv", "praktisch" und "illusorisch" zu definieren ehe Sie diese einführen.

Nehmen Sie einfach die im allgemeinen Sprachgebrauch übliche Bedeutung, die ist Ihnen ja sicherlich geläufig.

Das habe ich bereits in meinem ersten Post...

...an Sie getan und klargelegt, dass Sie Ihr Argument damit selbst ad absurdum führen.

Hat aber nicht funktioniert. Eins, zwei, drei, Chance vorbei.

Gegen Trolle funktioniert...

...nur verhungern lassen. In diesem Sinne: Tschüß!

Gut dass hier so viele präzise Fachbegriffe verwendet werden, ich selbst würde sonst nicht wissen was womit wirklich gemeint ist.

Dennoch sind Gedanken bzw. Bewusstseinsinhalte, auch Sinneseindrücke u.ä. nicht identisch mit den organischen Vorgängen, die sie herrufen.

Mein Haupteinwand gegen Argumentationen wie die von John Gray - die ja keineswegs so originell ist, wie sie wohl zu sein beansprucht - richtet sich allerdings eher gegen die Bereitwilligkeit, mir der darin aufklärerisches Denken, das auch er für sich in Anspruch nimmt, fast schon lustvoll seine Abdankung erklärt, indem es die, sich im widersprüchlichen Verhältnis von menschlicher Rationalität und Irrationalität auf die Seite der ontologisierten Irrationalität zu schlagen, was als die höchstmögliche Rationalität herausgestellt wird. Passt eigentlich ganz gut in unsere Zeit.

A propos Trugschluss: "Mehr als eine Ansammlung von Aminosäuren, DNS und der Illusion, ein ICH zu haben, ist da nämlich nicht.", obwohl, "wir sind kein "Etwas" sondern ein Vorgang"

Ja was denn jetzt, nichtige Teile, nichtige Vorgänge, keins von beiden oder doch beides zusammen? Und wenn letzteres, wie kommt es dass ein Haufen kalter Materie ohne Synergieeffekt so seltsame Vorgänge ausbildet wie zum Beispiel wirre Diskussionen in Internet-Foren?

Wo ist das Verständnisproblem? Die Illusion des Ichs ist der Vorgang.

Wenn Sie ein Programm auf dem Computer laufen lassen, dann steht in dem Programm der Rechenvorgang, den es ausführt, nicht drin (sonst wäre das Ergebnis dessen ja schon im Code enthalten), sondern nur, dass es diesen nach gewissen Regeln starten soll. Ein "Ich" ist ein solcher Rechenvorgang. Sie aktuelle Literatur zu künstlicher Intelligenz und Thomas Metzingers "Being No-one" erklären das verständlicher als meine 500 Zeichen hier im Forum.

ein rechenvorgang auf dem computer hat bewusstsein?

Posting 1 bis 25 von 41
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.