Die Exportweltmeister China und Deutschland suchen neuerdings Gemeinsamkeiten - Spannungen nach Dalai-Lama-Besuch bei deutscher Kanzlerin 2007 vom Tisch
So schön war die deutsche Bundeskanzlerin noch nie abgebildet. Zumindest noch nicht in China. Die Parteizeitung Renmin Ribao würdigt jeden Staatsbesucher mit einer Biografie und einem Farbfoto immer rechts unten auf ihrer Titelseite. Als Angela Merkel Freitag in Peking eintrifft, hat die Zeitung ein jugendlich strahlendes Porträt von ihr gewählt und nachkoloriert. Viermal war die CDU-Politikerin schon in China. Sie hat das Gütezeichen "eines alten Freundes oder Freundin" , das Politiker nach drei Besuchen automatisch erhalten, übertroffen.
Das Foto spricht Bände. Nicht immer wurde Angela Merkel so vorteilhaft abgebildet. Viele Fotos sollten sie bewusst lächerlich machen. Das war zu einer Zeit, als Frau Merkel angeblich die Gefühle des chinesischen Volkes tief verletzt hatte, weil sie den Dalai Lama in Berlin empfing. Pekings Propaganda schäumte. Aber das ist längst vergessen. Daran erinnert die gelenkte Presse nicht. Selbst das Internet ist voll von Lob, spricht von einem "Miyue" - einem neuen Honeymoon.
In der Pekinger Großen Halle des Volkes, wo Merkel mit militärischen Ehren von Premier Wen Jiabao empfangen wird, ist alles auf Harmonie in den Beziehungen eingestellt. Beide Politiker führen plötzlich das Wort vom "strategischen Verhältnis" im Mund, weil sie ihre Kontakte auf eine "neue Ebene der vertrauensvollen Zusammenarbeit" anheben wollen.
Strategisches Verhältnis
In einem feierlich verabschiedeten 28-Punkte-Kommuniqué versprechen sie, internationale Verantwortung für die Weltwirtschaft zu übernehmen und in multilateralen Gremien wie der Uno zusammenzuarbeiten, deren Reform beide unterstützen. Vergessen sind Verdächtigungen vom Klima-Gipfel in Kopenhagen, als die Europäer China und Premier Wen bittere Vorwürfe wegen der damaligen Blockade machten, die zum Scheitern der deutschen und EU-Initiativen führten. "Beide Seiten" , so das Kommuniqué, "würdigen die aktiven Maßnahmen ihrer Regierungen." Man bekannte sich außerdem ausdrücklich zur Wahrung der Menschenrechte und des Rechtsstaates.
Vor allem aber geht es um die Wirtschaft. China und Deutschland, beide große Exportmächte, sind weit weniger als andere Staaten von der Krise betroffen. Sie können gemeinsam die Weltwirtschaft beeinflussen, Finanzmärkte stabilisieren, andere zur Finanzdisziplin anhalten. Bilateral ist der deutsch-chinesische Handel über 100 Mrd. Dollar schwer. Er ist nicht nur größer als der Frankreichs, Englands und Italiens mit China zusammen. Wens Reich ist unter den 20 größten Handelspartnern Deutschlands das einzige Land "wo ihr Deutschen trotz Krise 2009 mehr als zuvor hinexportieren konntet" .
Nicht nur einmal wurde das Bonmot der FT zitiert, das die Exporteurs-Achse als "Chermany" beschreibt. Der Schlüssel für die neue Gemeinsamkeit aber liege in der immer noch labilen Nach-Krisen-Lage, sagt ein Beobachter. Für China sei Deutschland wirtschaftlich, politisch, umwelttechnologisch und mit seiner internationalen Rolle der attraktivste Partner in Europa. "Frankreichs Sarkozy ist ein unsicherer Kantonist, der britische Premier ein noch Unbekannter." (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 17.7.2010)