Steuerrechtler Farny

Weil wir nichts zu verschenken haben

15. Juli 2010, 20:05

Versuch einer Versachlichung der Debatte - Von Otto Farny

Im Standard vom 13. Juli 2010 schreibt Clemens Wallner, wirtschaftspolitischer Koordinator der Industriellenvereinigung, einen polemischen Artikel gegen Martin Schürz von der Oesterreichischen Nationalbank. Ausgangspunkt seiner Polemik ist eine vor kurzem veröffentlichte Studie von Martin Schürz über die Verteilung des Grundvermögens in Österreich und seine Forderung nach Wiedereinführung der Erbschaftssteuer. Ich will mich in die Polemik nicht einmischen, sondern zur Versachlichung einer Steuerdebatte beitragen:

Clemens Wallner meint zunächst, dass die Erbschaftssteuer zu einer Doppelbesteuerung führe, weil die Erbschaft aus dem bereits versteuerten Einkommen eines Erblassers erfolgt und deshalb abzulehnen sei. Das Argument zeigt zunächst, dass der Kritiker nicht sehr intensiv über das Steuersystem nachdenkt. Wenn er einkaufen geht und sein versteuertes Einkommen ausgibt, wird es nochmals besteuert und zwar mit der Umsatzsteuer oder mit anderen Verkehrs- und Verbrauchsteuern. Das ist in einer Kreislaufwirtschaft so, folgt man seiner Argumentationslogik, müsste man alle Steuern abschaffen.

Österreichischer "Alleingang"

Es gibt aber sehr gewichtige Argumente, die für eine Erbschafts- und Schenkungssteuer sprechen. Die kommen nicht nur von Marx und Engels, sondern von Steuerexperten mit unterschiedlichster politischer Einstellung.

Ich kenne keinen Steuerexperten, der bei abgeschalteter Kamera nicht zugibt, dass eine Erbschafts- und Schenkungssteuer systemnotwendig ist.

Es ist kein Zufall, dass in jedem Steuersystem der westlichen Welt, außer in Österreich, unentgeltliche Zuflüsse in irgendeiner Form steuerlich erfasst werden. Nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern weil es eben notwendig ist, um andere Steuern - insbesondere die Einkommensteuer - vernünftig administrieren zu können.

Wenn bei einer Betriebsprüfung ein ungeklärter Vermögenszuwachs aufgedeckt wird, kommt immer die Ausrede einer Schenkung. Die Ausrede wurde nur deshalb sparsam gebraucht, weil dann natürlich die Hinterziehung der Schenkungssteuer zugegeben werden musste.

Mit dem Wegfall der Erbschafts- und Schenkungssteuer war es deshalb notwendig, ein kompliziertes Schenkungsmeldegesetz zu schaffen, um zumindest bei Großschenkungen dieses Ventil zu stopfen. Aber selbst bei gemeldeten Schenkungen ergeben sich durch den Wegfall der Steuer erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten für Unternehmer: Durch das Verschenken von Firmenanteilen in der Familie kann ein Unternehmer steuerfrei Familiensplitting des Einkommens und der Einkommensteuer betreiben, was ein Arbeitnehmer nicht kann.

Abgesehen von diesen steuertechnischen Überlegungen müssen die Gegner der Erbschaftssteuer aber erklären, warum der Vermögenserwerb durch Arbeit in Österreich sehr hoch und der Vermögenserwerb durch Schenkung oder Erbschaft gar nicht besteuert werden soll.

Das steuerliche Hauptproblem des Industriestandorts Österreich ist die auch im internationalen Vergleich hohe Besteuerung der Arbeit; durch eine Vermögensbesteuerung nach europäischem Standard könnte dieses Problem deutlich gemindert werden. Wäre das nicht ein vernünftiger Weg, den auch die Industriellenvereinigung gehen könnte? (Otto Farny, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16.7.2010)

OTTO FARNY leitet die Abteilung Steuerrecht in der Arbeiterkammer Wien.

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18 Postings
The Sailor
01
26.7.2010, 12:31
Vermögenssteuern ODER Leistungssteuern

Ehrlicherweise muß man sagen, dass auch die Arbeiterkämmerer in erster Linie Rote sind, und erst ganz ganz weit hinten Vertreter der Arbeitnehmer.

Sie fordern schliesslich eine ZUSÄTZLICHE Vermögenssteuer, von einer Senkung der Lohnsteuer ist nie die Rede.
Alle Länder die hohe Vermögensteuern haben (die USA wird da immer genannt), haben dafür signifikant geringere Leistungssteuern (ca. die Hälfte!).
Diesen unangenehmen Teil der Wahrheit verschweigen sie aber immer.
Kann mir mal einer Erklären, warum die Roten grundsätzlich immer nur Ideen zu neuen oder höheren Steuern haben?
Es kann doch nicht sein, dass bei sovielen Leuten - von denen einige sich auch gut auskennen - keiner mit guten Ideen abseits der Parteilinie dabei ist!

Käpt`n Blaubär
00
16.7.2010, 13:48
Solange wir einen Finanzminister (Pröll) haben ...

der in der ZiB betont, dass es keine Erbschaftssteuer geben darf, da diese Vermögen ja schon einmal besteuert wurden, sehe ich schwarz (sic!) für eine vernünftige Steuerpolitik.

really?!?
01
16.7.2010, 11:16
Machen Sie sich ihr eigenes Bild:

http://tiny.cc/jx26b

really?!?
00
16.7.2010, 11:10
Erbschafts- und Schenkungssteuer treffen den Mittelstand, die Häuslbauer und die Familienunternehmen

...wird behauptet.
Stimmt aber nicht:
http://www.steuermythen.at/index.php... euermythos

The Sailor
00
26.7.2010, 12:35
Na superspitzenexperten

Klar, wenn die SPÖ Wien Alsergund das sagt, dann muß es ja stimmen, nicht wahr?
Verbreitung von Ansichten und unbelegten Theorien ist im Internet ja nicht strafbar...
Nur stimmen tut's deswegen trotzdem nicht.

styx12
01
16.7.2010, 09:55

Es gibt keinen Grund warum nicht Schenkungen, Erbschaften, Zinserträge, etc. mindestens gleich hoch progressiv besteuert werden sollen als Arbeitseinkommen. Eine Bindung an das Arbeitseinkommen wäre vernünftig. Wer z.B. 50% Lohnsteuer zahlt ist ohnehin gutverdienend und sollte daher auch mind. 50% auf alle Erträge (und besonders die leistungslosen) zahlen.

0815-Kommentar
00
16.7.2010, 11:53

in österreich zahlt niemand 50% lohn- oder einkommenssteuer. das ist nur der spitzensatz, der durchschnittssatz liegt folglich immer darunter.

Dimple
22
16.7.2010, 09:48
Der Schlußsatz stimmt

hat nur einen Haken: Es geht der Regierung (und auch der AK) nicht um eine deutliche Entlastung der Arbeitseinkommen, sondern um eine deutliche zusätzliche Steuerbelastung, also um mehr statt (was notwendig wäre) weniger Abgaben.

lg
Dimple

teuerzahler
52
16.7.2010, 07:31
ohne deutliche freibeträge sind alle diese steuern,

auf grund und boden, bargeld, erbschaften, schenkungen, wertpapiere etc. nichts als nackte enteignung.

denn die kleinen vermögen kosten dann den besitzer mehr als sie einbringen, sind also mit realverlust verbunden.

aber erst dann bringen sie effekte fürs budget. aus gerechtigkeitsgründen sollte man hohe vermögenswerte besteuern, nur eine budgetsanierung werden sie nicht bringen!

es hilft nix: wir alle leben über unsere verhältnisse!!!

0815-Kommentar
01
16.7.2010, 11:56

sie irren. den echtbeweis hatten wir jahrzehntelang in österreich vor der abschaffung und aktuelle in nahezu in allen anderen westlichen ländern.

Der Nörgler Wien
 
12
16.7.2010, 11:26
Offensichtlich hat bei Ihnen die Lobby-Arbeit der Vermögenden gut gegriffen...

denn die Aussage, eine Vermögenssteuer würde den Mittelstand belasten oder sie würde nichts zur Bedgetsanierung beitragen, ist sehr typisch für jene, die über ein hohes Vermögen verfügen.

Frage mich nur, wo denn die Grenze zwischen Mittelstand und Vermögenden von den Gegnern einer höheren Beteiligung der Vermögenden an der Budgetsanierung gezogen wird? Offensichtlich versucht uns die Vermögenden-Lobby einzureden, dass jemand mit 1.000.000,- EURO noch zum Mittelstand gehört und daher vor solch unsäglichen Ideen wie Reichensteuer zu schützen ist.

teuerzahler
00
16.7.2010, 13:06
wo steht was von 1 mio. euro?

na klar bringt die steuer nur was, wenn alle, sprich auch die schrebergartenbesitzer kräftig blechen müssen!

und wo steht was, dass die wirklich reichen nicht zahlen sollen? im gegenteil.

ich sage aber, dass eine steuer aufs eigenheim, das ein leben lang abgestottert wurde mit zins und zinseszins, dass das eine kalte enteignung bedeutet!

Sushi-Fraß Fresser
01
15.7.2010, 23:30
Klassische Vermögenssteuern wären Unfug

Erbschafts- und Schenkungssteuern halte ich hingegen für sehr sinnvoll. Eben weil ansonsten diverse Steuerverkürzungsmodelle geradezu systemimmanent werden, was jeder Steuergerechtigkeit Hohn spricht. Außerdem entspricht es einem Grundinteresse einer jeden Demokratie, der Entwicklung zur Vermögenskumulation in Händen von wenigen, entgegenzuwirken.

GERHARD MIKO3
 
00
15.7.2010, 20:29
Lacina hatte recht

Trotz allen scheinbar richtigen Argumenten, sollte betreffend Erbschafts- und Schenkungsteuer die vom Sozialdemokraten LACINA eingeführte Regelung beibehalten bleiben.

das ist alles sehr kompliziert!
 
14
15.7.2010, 20:16

Endlich einer, der in einem Artikel etwas gegen dieses dummdreiste, ständig vorgebrachte Dödlargument der Doppelbesteuerung sagt! Jeder, der erbt oder beschenkt wird, sieht das Geld zum ersten mal und zahlt dafür zum ersten Mal Steuern.

Aber, auch wenn mir die Position des Artikels weitaus sympatischer ist, als jene der IV von Herrn Wallner, es ist schon lustig, wenn sich der Herr Farny als großer Versachlicher präsentiert und am Ende des Artikel als Leiter der Steuerrechtsabteilung der AK entpuppt... ;-)

Atlantis-Couple
02
16.7.2010, 07:09
Auch ein Abteilungsleiter der AK

kann präzise und sachlich argumentieren.

das ist alles sehr kompliziert!
 
00
16.7.2010, 21:54
Schon richtig,

hab' mich aber nur an dem Satz etwas gestoßen, dass er sich nicht in die Polemik einmischen will, weil er genau das mit seinem Artikel hier tut, wenn auch mit richtigen und präzisen Argumenten. Der Herr wollte gegenargumentieren und hat das getan, und das soll er ruhig auch sagen und sich nicht zu sehr das Mäntelchen der Objektivität umhängen, das nicht passt und auch nicht notwendig ist. Er soll ruhig seinen Standpunkt vertreten, bin eh d'accord mit ihm.

Und alles kein Vergleich zu dem hinterfotzigen Geschwurbel des Herrn Wallner, der immer nur bei den anderen die Ideologie sieht...

also dann ...
03
16.7.2010, 02:33
...was ja nichts an seinem - korrekten - steuertatbestand ...ändert - o d r ?

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