Vielleicht ist Amiri einer dieser dubiosen Informanten, die im Kontext von Waffenprogrammen sogenannter Schurkenstaaten regelmäßig auftauchen
Es kann ja so gewesen sein, wie es Shahram Amiri darstellt, oder eher so, wie es die Amerikaner erzählen. Oder aber ganz anders. War der junge iranische Atomwissenschafter die fünf Millionen US-Dollar wert, die ihm die CIA angeblich für Informationen über das iranische Atomprogramm bezahlt hat, oder zeigt die Summe nur die Verzweiflung der US-Geheimdienste? Und wenn die Version der USA stimmt - dass Shahram Amiri freiwillig mit ihnen zusammenarbeitete -, wieso in aller Welt geht er jetzt in den Iran zurück? Das kann er, ohne um seinen Kopf fürchten zu müssen, doch eigentlich nur, wenn er nichts zu verraten gehabt hat.
Oder aber er ist eben einer dieser eher dubiosen Informanten, die im Kontext geheimer Waffenprogramme von sogenannten Schurkenstaaten regelmäßig auftauchen, besonders dann, wenn sie gerade dringend "gebraucht" werden.
Manche wollen eine Green Card und Geld, andere vor allem Aufmerksamkeit. Meist ist an dem, was sie erzählen, anfangs etwas dran, oft beginnen sie, wenn ihnen dann das eigene Material ausgeht, zu dichten. Wenn deshalb der Liebesentzug ihrer "Gastgeber" droht, bekommen sie Heimweh. Und mit ihrer verwackelten Weltsicht glauben sie an das große Verzeihen zu Hause.
Wenn jedoch Amiri, der sich am Montag in die pakistanische Botschaft (iranische Interessenvertretung) in Washington flüchtete, tatsächlich die dritte Urananreicherungsanlage bei Ghom verpfiffen hat (die der Iran im Herbst 2009 "freiwillig meldete"), dürfte es dem iranischen Regime schwerfallen, nett zu ihm zu sein. Wenn sie ihm etwas antun, bricht andererseits ihre Story zusammen.
Die lautet, dass Amiri, auf Pilgerfahrt in Mekka, im Juni 2009 im Rahmen eines US-saudischen Komplotts entführt, in die USA verschleppt, gefoltert und ausgehorcht wurde. Diese Version verbreitete Amiri auch auf einem Video - während ihn ein anderes als Doktoratsstudenten in spe in Tucson zeigte. Das kann auch durchaus stimmen: Anwerben, debriefen, ansiedeln, das ist das entsprechende Programm.
In Teheran arbeitete er an der Malek-e-Ashtar-Universität, die enge Verbindungen zu den Revolutionswächtern hat. Er war nur ein kleiner Isotopen-Forscher, sagen andere. 50 Millionen habe ihm die CIA für die Mitarbeit angeboten, sagte Amiri, der in Teheran Frau und Kind (7) in die Arme schloss. Zu den fünf Millionen, die ein US-Offizieller nannte, hat er übrigens jetzt keinen Zugriff mehr. (DER STANDARD, Printausgabe 16.7.2010)