Kubas Regime musste auf den wachsenden inneren und äußeren Druck reagieren, sagt das Dissidenten-Ehepaar Yoani Sánchez und Reinaldo Escobar im Gespräch mit Sandra Weiss
STANDARD: Ist die Freilassung politischer Gefangener ein Zeichen für einen Wandel auf Kuba?
Escobar: Ich würde eher von einem Anzeichen sprechen, das auf Veränderungen hindeutet. Die Regierung hat mit der Freilassung eine "vorübergehende Ausnahme" gemacht, ist aber keine politische Verpflichtung für die Zukunft eingegangen. Ein Wandel wäre, wenn die Regierung politisch abweichende Meinungen nicht mehr unter Strafe stellen würde. Aber die Gesetze zur Kriminalisierung Andersdenkender gibt es weiterhin, und morgen können die Castros eine neue Welle der Repression lostreten und so viele einsperren, wie sie wollen.
Sánchez: Sie ist ein willkommener Schritt, aber längst nicht ausreichend auf dem langen Weg, den Kuba in Richtung Öffnung und Demokratisierung gehen muss. Dennoch halte ich ihn für wichtig, weil er aufgrund des Drucks der Bürger getan wurde, also Menschen wie Guillermo Fariñas oder den Damen in Weiß, die sich friedfertig für die politischen Gefangenen einsetzten. Katalysator war der traurige Hungertod von Orlando Zapata, der großes internationales Echo fand und auch auf der Insel Abscheu und Druck erzeugt hat.
STANDARD: Manche sagen, dies ist eine alte Taktik der Regierung, die schon immer mit politischen Gefangenen geschachert hat.
Sánchez: In der Vergangenheit gab es oft Momente der Hoffnung, die dann schnell verpufften. Aber diesmal ist die Lage doch etwas anders. Die Frustration der Menschen hat einen Höhepunkt erreicht, der wirtschaftliche Kollaps ist überall greifbar, der internationale Druck war größer als früher. Daher wird es wohl nicht ganz so einfach für das Regime, unwidersprochen neue Dissidenten einzusperren. Vor allem denke ich aber, dass die Kubaner jetzt wirklich ernsthafte Schritte in Richtung Öffnung erwarten. Und es obliegt uns Bürgern, uns freien Journalisten, uns Bloggern, diesen Druck auf kluge Weise aufrechtzuerhalten.
STANDARD: Wieso ist Fidel Castro just im Zusammenhang mit der Freilassung wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht?
Escobar: Manche fürchten, dass sein Auftritt bezweckt, mögliche Reformen zu unterbinden. Man könnte aber darin auch eine neue Arbeitsteilung zwischen den Brüdern Castro sehen. Raúl kümmert sich um die Angelegenheiten der Insel, während Fidel die große Gesamtschau liefert und die Ereignisse der Welt kommentiert.
Sánchez: Keine 24 Stunden nach dem Tod von Orlando Zapata tauchten Fotos von Fidel auf - nach Monaten des Schweigens und Spekulationen über seinen Tod. Es ist also eine Strategie, eine Art Ablenkungsmanöver, ihn in besonders schwierigen Momenten wieder auf die Bühne zu katapultieren. Fidel redete vom Iran und einem heraufziehenden Weltkrieg - wo wir doch die eigentlichen Probleme hier auf der Insel haben.
STANDARD: Hat die Wirtschaftskrise bewirkt, dass Kuba jetzt auf die internationale Gemeinschaft zugeht?
Sánchez: Der wirtschaftliche Kollaps ist sicher ein Grund. Die Regierung braucht Kredite und die Kooperation der internationalen Gemeinschaft und musste deshalb dieses Zugeständnis machen. Hinzu kommt, dass der ganze ideologische Apparat auf dem Boden liegt und viel Glanz verloren hat, weil die Regierung nicht mehr in der Lage ist, das Wohlergehen ihrer Bürger sicherzustellen. Unter diesen Umständen ist es schwierig, sich an der Macht zu halten.
STANDARD: Die Vermittlung der katholischen Kirche im Zusammenhang mit den Freilassungen ist interessant. Ist sie vielleicht der alleinige künftige Ansprechpartner der Regierung in Sachen Öffnung?
Sánchez: Die Rolle der Kirche war positiv, denn zum ersten Mal bekam ein kubanischer Akteur außerhalb des Staatsapparats eine Stimme und eine tragende Rolle. Die Kirche hat eine Brücke gebaut, die die Regierung auch künftig nutzen kann. Aber am Verhandlungstisch fehlten natürlich wichtige Vertreter aus der Zivilgesellschaft wie die Damen in Weiß.
STANDARD: Wie arbeiten "freie Journalisten" wie ihr auf Kuba?
Escobar: Wir haben in letzter Zeit mehr Möglichkeiten dank der neuen Technologien, also vor allem Internet, Blogs und Mobiltelefone. Das und nicht etwa eine politische Öffnung hat etwas mehr Raum für Meinungsvielfalt geschaffen. Die kubanischen Medien sind weiterhin verschlossen für Dissidenz.
STANDARD: Auf welche Probleme stoßen "freie Journalisten" ?
Escobar: Über uns schwebt ständig ein Damoklesschwert, wir können jederzeit im Gefängnis landen. Wir werden tagaus, tagein überwacht und eingeschüchtert. Agenten der Staatssicherheit statten uns Hausbesuche ab oder nehmen uns vorübergehend fest, um uns mit Gefängnis zu drohen. Außerdem stellt uns unsere Arbeit vor wirtschaftliche Herausforderungen. Eine Stunde Internetzugang kostet etwa ein Drittel eines Monatsgehaltes. Und dann müssen wir erst einmal in einem Hotel oder Internetcafé einen Computer mit Internet finden. Privathaushalte bekommen nur in Ausnahmefällen einen Internetzugang. Die gleichen Probleme haben natürlich auch unsere Leser, weshalb derjenige, der auf Kuba einen Internetzugang hat, interessante Artikel auf eine CD kopiert und diese dann an Bekannte weiterreicht, die sie wiederum kopieren. So zirkuliert unabhängige Information auf Kuba. (DER STANDARD, Printausgabe 16.7.2010)
Yoani Sánchez (35) ist mit "Generación Y" über den Alltag auf Kuba zur
bekanntesten Bloggerin des Landes avanciert. Ihr Ehemann Reinaldo Escobar (63) arbeitete lange für die offiziellen kubanischen Medien, bis
seine Hoffnung auf Reformen Anfang der 1990er-Jahre enttäuscht wurde.
Seither ist er "unabhängiger Journalist" - auf Kuba gleichbedeutend mit
"Regimekritiker".