Reich und selbstbewusst, arm und ausgeschlossen

Yasmin Duale, Clara Heinrich, 15. Juli 2010 13:51
  • Artikelbild
    Foto: standard/fischer

    Max (17), Conny (16), Milos (18), Patrico (19) und Philip (16) machen viel zusammen, obwohl sie verschieden situiert sind. Max fliegt nach Saint-Tropez, Conny kann sich keinen Urlaub leisten.

Die Anzahl der Top-Verdiener wächst, trotzdem sind eine Million Menschen armutsgefährdet - Für Jugendliche ist Armut ein Stigma

Wien - Schauplatz: ein mit Neonleuchten erhelltes Kellergewölbe in der Barnabitengasse. Auf den Bänken sitzen überraschend gut gepflegte Menschen. Vielen steht die Verzweiflung und die Härte des Lebens ins Gesicht geschrieben. Wer vielleicht schon einmal den Augustin gekauft hat, kennt die "Gruft" - eine Einrichtung der Caritas, in der Obdachlose verpflegt werden sowie die Möglichkeit einer Übernachtung haben.

Auf die Frage ob die Gruft auch Jugendlichen Zuflucht bietet, werden wir abgewimmelt: Sie dürfe keine Fragen beantworten, reagiert eine Mitarbeiterin. Man müsse eine Woche vorher mit dem Caritas-Pressesprecher einen Termin vereinbaren, wiederholt sie konsequent.
Zwölf Prozent armutsgefährdet

Österreich zählt zu den reichsten Ländern der Welt, und dennoch sind laut Statistik Austria zwischen 11,4 und 13,3 Prozent armutsgefährdet. Das sind zirka eine Million Menschen. Arm ist nicht nur, wer auf Parkbänken übernachten muss, sondern auch, wer am normalen Alltagsleben nicht teilhaben kann. Von Armut wird gesprochen, wenn es große finanzielle Nöte beim Kauf von Kleidung und Lebensmitteln oder dem Beheizen der Wohnung gibt. Zudem kommen Substandardwohnungen sowie häufig Schulden und Rückstände, etwa bei der Zahlung von Krediten, hinzu.

Dies trifft in Österreich auf 310.000 Menschen zu, also vier Prozent der Bevölkerung. Fast ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Die Eltern sind entweder zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können.

"Häufig haben Jugendliche, die in einer gut situierten Familie aufgewachsen sind, bessere Zukunftschancen und ein größeres Selbstbewusstsein. Sie haben bessere Partizipationsmöglichkeiten in der Gesellschaft, während das Stigma der Armut bei Jugendlichen, die kein Geld haben, oft zu einem Minderwertigkeitsgefühl führt", sagt Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung.

"Ärmere Kinder werden exkludiert, weil sie sich nicht leisten können, was sich die anderen leisten. Dass sie sich No-Name-Kleidung kaufen müssen, anstatt Markenkleidung zu tragen, ist ihnen peinlich und kommt nicht gut an. So wird das nichts mit den Jugendszenen", erklärt Ikrath.

Diesem relativ hohen Anteil an Mittellosen stehen 250.000 Österreicher gegenüber, die über ein Jahreseinkommen von mehr als 70.000 Euro verfügen. Die Zahl der Reichen steigt jährlich. Ein Phänomen, das es zu beobachten gilt. Nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Der Reichtum nimmt offensichtlich stark zu, während die Armen immer ärmer werden.

Nachdem wir in der Gruft abgefertigt wurden, treffen wir im Burggarten auf eine inhomogene Gruppe von Jugendlichen. Eine von ihnen, Conny (16), besucht derzeit eine HAS im Burgenland. Taschengeld bekommt sie noch von ihren Eltern, doch für einen Sommerurlaub reicht es nicht. Neben ihr sitzt Max. Er ist 17 und hilft ab und zu in der Arztpraxis seines Vaters mit, weil er die Schule frühzeitig abgebrochen hat. Jedoch versucht er abends sein Glück in der Maturaschule.

Grinsend durch seine Ray Ban blickend meint er: "In den Sommerferien bin ich dann in Saint-Tropez, Berlin, in der Türkei und in Florida." Jedoch wird der Junge im Abercrombie-Shirt sich auch sozial engagieren und mit Straßenkindern wandern gehen. Klingt im ersten Moment eher unglaubwürdig, doch er kann sogar die Organisation nennen: Concordia.

Als wir dem 19-jährigen Patrico unsere Fragen stellen, grölt ein anderer hinein: "Er ist halb Italiener und halb Türke. Der verdient besonders viel Respekt." Auch er versucht die Matura nachzumachen und nimmt das Gespräch mit uns nicht besonders ernst. Bei ihm dreht sich alles nur ums Chillen. Beim 18-jährigen Milos ist es nicht anders. Wie 8000 andere Schüler jährlich hat auch er die Schule abgebrochen und ist jetzt arbeitslos. Der 16-jährige Philip hingegen versucht es mit einer Lehre. Das Geld reicht bei ihm meistens nicht aus. Bis zum 20. eines jeden Monats ist er pleite.
Kaum Berührungspunkte

Diese Vielfalt in einer Gruppe bietet Ikrath ein ungewöhnliches Bild: "Es kommt kaum vor, dass Jugendliche aus einer höheren Sozialschicht mit unvermögenden Gleichaltrigen befreundet sind, da sie hauptsächlich Zeit mit Menschen verbringen, die vergleichbar sind und ähnliche Interessen haben. Selten sind Gymnasiasten mit Lehrlingen befreundet, so wie Ärzte kaum Kontakte mit Bauarbeitern pflegen. Auch wenn sie räumlich ganz in der Nähe wohnen, sind die Unterschiede trotzdem so groß, dass es eigentlich kaum Berührungspunkte gibt." (Yasmin Duale, Clara Heinrich/DER STANDARD Printausgabe, 14.7.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 54
1 2
Der Österreicher
16.07.2010 14:19

Weil in diesem Forum oft über die Reichen diskutiert wird. Es gibt in Österreich ca. 69.000 Euro Millionäre. Das sind 0,8% aller Einwohner in Österreich. Sie leben vor allem in Wien (17.000), Niederösterreich (15.100), Oberösterreich (11.100) und in der Steiermark (8700) und besitzen aktuell fast ein Drittel (32 Prozent) des gesamten privaten Finanzvermögens. = 0,8 besitzen ein Drittel = Wahnsinn!

Bitte also nicht einen 3000 Euro brutto Verdiener als reich schimpfen.

Susanne_B
16.07.2010 08:25

Trotzdem IST eine Million Menschen armutsgefährdet. Eine Million Menschen mag eine große Anzahl sein - dennoch ist "eine Million" Singular, weswegen auch das Verb im Singular stehen muss.

eze eze
 
20.07.2010 11:26

Du bist da strenger als der Duden: http://www.duden.de/deutsche_... php?id=195

lothar.matthäus
16.07.2010 14:03
Recht hab'n S'!

Das rückt das Schicksal dieser Menschen doch gleich in ein ganz anderes Licht!

Casa de Campo
16.07.2010 10:22
ärmer als arm gibts nicht

weniger als nichts kann man nicht haben ;) - immer diese seltsamen Formulierungen von den immer ärmer werdenden Armen - wer nichts hat dem kann man nichts mehr wegnehmen, deshalb: wer reich ist wird u.U. Reicher, aber wer arm ist, der bleibt einfach arm - ohne ärmer

Der Österreicher
16.07.2010 08:59

Wenn jemand sich einen Flug nach Saint-Tropez oder Marketnkleidung nicht leisten kann, ist er nicht arm. Warum muss sich das jeder leisten können, wer setzt hier den Masstab? In meiner Schulzeit hatten im Übrigen die "ärmeren" Kinder die teuerste Markenkleidung, um das halt zu kompensieren. Die Kinder aus besseren Hause wurden meistens sehr sparsam erzogen.

Es ist sicher nicht einfach mit einem schlecht bezahlten Job sein Auslangen zu finden, aber es geht. Wenn sie sagen das 1 Million armutsgefährdet sind, dann sage ich das jeder zweite nicht mit Geld umgehen kann.

Susanne_B
16.07.2010 10:23

Können Sie lesen? ich habe einen Grammatikfehler korrigiert und mich nicht zur Sache geäußert.

Wenn Sie Ihre Meinung unbedingt irgendwo loswerden wollen, suchen Sie sich bitte jemanden, der Ihnen wirklich widersprochen hat.

Leute gibts....

Der Österreicher
16.07.2010 13:48

Verzeihung. Das habe ich in der Tat überlesen. Ich entschuldige mich bei Ihnen und wünsche Ihnen einen schönen Freitag, ein schönes Wochenende und Weltfrieden. ;-)

stefan81
16.07.2010 07:24

schön zu wissen dass man mit 70k brutto jährlich schon reich ist. ich frag mich ja nur wo mein porsche und meine villa hingekommen sind!?

Mr. X4
16.07.2010 10:17

Nachdem es um Einkommen geht, kann eigentlich nur das NETTO-Einkommen gemeint sein (brutto ca. 117k). Und da gehört man sicherlich schon zu den Top-Verdienern, aber reich ist man dann IMHO immer noch nicht.

Butch Coolidge
16.07.2010 10:01

genau das habe ich mir auch gedacht. 70 k brutto und reich passt definitv nicht zusammen, wenn man die hiesigen lebenshaltungskosten bedenkt.

petrarca
16.07.2010 10:10
Und dennoch sind das ...

die oberen 3,125 % in Österreich!

Der Österreicher
16.07.2010 13:55

...der unselbstständigen Beschäftigten.

Mike Webman
15.07.2010 20:01
Einfach so ?

In Zeiten der Wirtschaftskrise kann sich die Mehrheit der (jungen) Menschen den gesamten Luxuströdel eben nicht mehr "einfach so" leisten !
Selbstbewusste junge Menschen brauchen das Zeug auch nicht, Tele-Tubbies und Mitläufer sehr wohl.
Echte Freunde schreiben einem weder die Jeansmarke noch ein I-Phone vor. Auf falsche, die das versuchen kann man getrost verzichten !

petrarca
16.07.2010 10:12
Weil Jugendliche ja schon so

im Charakter gefestigt sind und sich nicht an peer-groups und role-models orientieren?

Hoher Standard
15.07.2010 21:58

Die Wirtschaftskrise ging am Großteil der Jugendlichen vorbei.
Sie überschätzen die geistigen Kapazitäten dieser Spaßgeneration.

Hoher Standard
15.07.2010 18:48

Und was ist daran neu?
Seit Jahrhunderten schaut unser Gesellschaftsbild so aus.
Zwischendurch reiht eine Revolution vielleicht die Klassen um, aber sonst...

We all went down to new orleans For Bales, For...
15.07.2010 18:17
Sorry,

aber mit 70000€ ist man im Hochsteuersklavenland Österreich nicht reich! Man kann gerade halbwegs leben, denn der Staat frißt ja die Hälfte von den 70000 weg.

Loggo
16.07.2010 10:35
Vielen Dank ...

... fuer die Meldung aus dem Glaspalast!

Mit einem Nettogehalt (als Single, ohne Kinder) von - in diesem Fall - 43.000.- Euro kann man in Österreich sehr gut leben. Wenn auch nicht in Luxus, aber man ist weit davon entfernt, arm zu sein.

stefan81
17.07.2010 16:39

glauben sie mir, man kann damit nicht sehr gut leben. gerade so dass es einem an nichts mangelt und man ich finanziell ein bisserl rühren kann. aber man ist jedenfalls weit davon entfernt reich zu sein und in luxus zu schwelgen.

We all went down to new orleans For Bales, For...
16.07.2010 18:07
EBEN,

Mit mickrigen 70000 ist man in .at nicht arm aber auch nicht reich (Luxus), wie Sie es ja erwähnt haben.
Nur der Artikel behauptet etwas anderes. So what?

collector1
16.07.2010 08:24

Dann leben Sie einmal vom österreichischen Medianeinkommen (ca. brutto 1700 Euro/Monat 14mal). Mit 5000 Euro brutto (immerhin knapp 70000 ATS/Monat/14mal) läßt sich ganz gut leben, auch wenn es dann nur etwas mehr als 2.500 netto (immerhin 35.000 ATS/Monat/14mal) sind.

styliann
16.07.2010 09:37

selbst in österreich bleibt im schnitt von 5000€ brutto mehr als 3000€ netto übrig. und davon kann jede Familie leben. Aber "reich" ist man damit trotzdem nicht wirklich.

Der Österreicher
16.07.2010 09:03

Das hat der Poster auch gar nicht bestritten. Aber mit 2500 netto ist man nicht reich. Reich ist für mich persönlich sowas in der Richtung eines Lotto Gewinners. Also der hat 2,3 Millionen Euro. Reichtum hat ja mit Besitz zu tun. Wenn sie von 2500 netto, monatlich 500 Euro auf die Seite legen, können sie sich in 20 Jahren 120.000 Euro auf die Seite legen. Das ist doch nicht reich? Reicht ja nichtmal für ein Haus.

Und vergessen sie das sie mit diesem Einkommen alles selber zahlen müssen, keine Förderungen bekommen, etc.

Sie sind doch der Rührer!
16.07.2010 10:20

120.000€ in 20 Jahren, das ist wahrlich nicht berauschend, das reicht bei vielen nicht mal für den Grund des Hauses.

1.700€ brutto Medianeinkommen sind ja noch erschreckender. Da würde ich mit meiner Familie niemals durchkommen.

Bei 5.000€ bleiben einem (mit 13./14.) aber doch immerhin durchschnittlich 3.600€ (knapp 3.000€ ohne 13./14.). Ich kenne jedoch nur zwei, drei Personen, die überhaupt so viel verdienen und ich selbst gehöre leider nicht dazu (falls doch mal, so würde ich mich, obwohl es ein sehr gutes Gehalt ist, nicht als reich bezeichen, dazu fehlen ein paar Millionen).

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 54
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.