Noch gibt es sie, die Bergdörfer, die weder Teil einer Skischaukel noch eines "Outdoor Playground" sein wollen
Nur ganz am Anfang hatschen wir die Landstraße entlang, bald aber zweigt ein Weg ab und führt vorbei an Bauernhöfen in den Lechnergraben. Und da, auf schmalem Steig, wird's echt bergsteigerisch: ein Geröllbett, kleine Wasserfälle, eine seilversicherte Stelle, steile Kehren und links senkrechte Wände. Und dann, nach einem flachen Bergsattel, eine riesige Karstmulde, das Grünloch. Hier liegt der Kältepol Mitteleuropas, hier wurde im Februar 1932 eine Temperatur von minus 52,6 Grad Celsius gemessen. Noch zwei Übergänge, und wir erreichen auf 1344 m die Ybbstaler Hütte, eine gemütliche Unterkunft (vier Betten, 43 Lager), Ausgangspunkt für mehrere leicht zu erreichende Ziele wie den Dürrenstein (1878 m) und einem ausgewiesenen Wildnisgebiet voll rarer Pflanzen und Tiere.
Wir sind hier schon weit im Osten des Alpenbogens, wo Talorte und Gipfel nicht mehr die stolzen Höhen erreichen, aber trotzdem ist Lunz am See in den Ybbstaler Alpen ein richtiges Bergsteigerdorf, noch dazu eines, das den Namen mit offiziellem Segen des Alpenvereins trägt. Es ist fast 20 Jahre her, dass Vertreter der Alpenländer und die EU einen völkerrechtlichen Vertrag zum Schutz der Alpen unterzeichneten: die sogenannte Alpenkonvention. Dem ökologisch und wirtschaftlich sensiblen Raum zwischen französischen Seealpen und Karawanken mit mehr als 13 Millionen Menschen sollte umweltverträgliches Wirtschaften auferlegt werden. Erhöhte Aufmerksamkeit sollte etwa dem Bergwald, dem Bodenschutz, der Berglandwirtschaft und dem Wasserhaushalt zuteilwerden.
Das heikelste Problem allerdings war, neben dem Verkehr, der alpine Tourismus. Mit 6,6 Millionen Betten und 370 Millionen Übernachtungen pro Jahr sind die Alpen die größte zusammenhängende Erholungsregion im Herzen Europas. Ein besonderer Umstand ist dabei, dass sich Betten und Infrastruktur auf wenige Regionen konzentrieren. Zehn Prozent aller Alpengemeinden verfügen über eine touristische Monofunktion und verteidigen diese angesichts stagnierender oder gar rückläufiger Nachfrage ziemlich rücksichtslos. Während viele kleine und mittlere Betriebe bereits unter Überschuldung und damit Bedrohung ihrer Existenz leiden, werden zunehmend Überkapazitäten produziert, die auch zu Konkurrenz der einzelnen Fremdenverkehrsorte untereinander führen. Dies gilt besonders für die Erschließung neuer Skigebiete mit Beschneiungsanlagen in oft naturnahen Räumen. Dazu kommen rasch wechselnde Modetrends im Aktivsport, wie die vor wenigen Wochen am Eingang des Ötztals eröffnete "Area 47" mit Hochseilgarten, Boulder Cave, Wasserrutschen und Raftingstrecke, beworben als "The Ultimate Outdoor Playground".
Dagegen setzen die alpinen Organisationen als Vertragspartei der Alpenkonvention auf die Förderung ökologisch verträglicher Tourismusformen und die "Aufwertung des natürlichen und kulturellen Erbes der Feriengebiete". Dabei sind sich die alpinen Vereine bewusst, dass, wie der Leiter der Fachabteilung Raumplanung und Naturschutz des OeAV, Peter Haßlacher betont, "eine lukrative Förderung als echte attraktive Alternative nur ganz schwer erreichbar ist". Hoffnung setzen die Alpinen auf die stark steigende Zahl von Bergwanderern, Kletterern und Skitourengehern und eine damit verbundene Zunahme des Bedarfs an Alpin- und Wanderausrüstung, die auch einen Wirtschaftsmotor darstellt.
Dieser Entwicklung trägt die Via Alpina, der Ausbau eines internatio- nalen Weitwander-Wegenetzes zwischen Triest und Monaco, Rechnung. Es ist dies eines der folgenreichsten Umsetzungsprojekte im Rahmen des Förderungsprogrammes der Alpenkonvention, verbunden mit Verbesserungen des öffentlichen Verkehrs, Vermarktung regionaler Produkte und Erhaltung kultureller Infrastruktur.
Eine logische Folge der Via Alpina waren für den OeAV die "Bergsteigerdörfer". Sie sollten eine extensive Tourismusform als Ausgleich zur intensiven Tourismusindustrie fördern. Paradebeispiel ist Vent, durch das Wirken des "Gletscherpfarrers" und Alpenvereinsgründers Franz Senn eine Wiege des Alpinismus. Vent hat bewusst auf den Anschluss an den Skizirkus von Sölden verzichtet und sich dem Wander-, Bergsteiger- und Skitourentourismus verschrieben.
Siebzehn vom OeAV initiierte und ausgewiesene, vom Lebensministerium und der EU geförderte Bergsteigerdörfer gibt es inzwischen, vom Großen Walsertal in Vorarlberg bis Reichenau an der Rax. Lunz am See mit seinen bloß 605 m Seehöhe, seinen Wäldern und Seen und seiner Lage am Mariazeller Pilgerweg ist dabei das wohl reizvollste Gegenstück zum hochalpinen Gletscherdorf Vent. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/16.07.2010)
Die "Bergsteigerdörfer": Großes Walsertal, Vent, Ginzling/Zillertal,
Kals/Großglockner, Hüttschlag/Großarltal, Tiroler Gailtal,
Villgratental, Lesachtal, Mallnitz, Malta, Weißbach bei Lofer,
Grünau/Almtal, Steinbach am Attersee, Steirische Krakau, Johnsbach im
Gesäuse, Lunz am See, Reichenau/Rax.
Link: bergsteigerdoerfer.at