Politikwissenschafterin Bente Scheller: Skepsis zur "Friedensjirga" , Hoffnung auf Wahlen
STANDARD: Wie stehen die Menschen zur Versöhnung und zu Verhandlungen mit den Taliban?
Scheller: Die meisten stehen den Verhandlungen kritisch gegenüber. Viele haben unter den Taliban gelitten und wünschen sich diese Zeiten nicht zurück. Aktivisten und Politiker haben große Gefahren auf sich genommen, um das Land zu verändern. Nun haben sie das Gefühl, dass die Taliban für ihre Gewalt belohnt werden, während die Demokraten leer ausgehen. Auch tun die Taliban bislang nichts, um an den Verhandlungstisch zu kommen. Und selbst wenn, was könnte man ihnen anbieten, das sie nicht auch durch bloßes Abwarten bekommen werden? Um nicht selbst ins Fadenkreuz zu geraten, sprechen sich wenige explizit dagegen aus. Es gibt ein vages Bewusstsein, dass man an den Taliban nicht vorbeikommt. Dennoch haben viele Angst um das, was preisgegeben werden könnte.
STANDARD: Wie wird der Wechsel von General McChrystal zu Petraeus kommentiert?
Scheller: Für einen US-General war McChrystal hier ziemlich beliebt. Sein Strategiewechsel, der den Schutz der Zivilisten hervorhob, wurde positiv vermerkt. Von Petraeus hat noch niemand eine starke Meinung, es soll sich ja nicht viel ändern. Kritisch wird gesehen, dass er als derjenige kommt, der "den Irak hinbekommen" hat. Hier weiß man, dass auch die Lage im Irak nicht so ist, wie sie sein sollte.
STANDARD: Wie steht Präsident Karsai heute da, ist das Wahldebakel vergessen?
Scheller: Nein, ist es nicht. Karsai war zuletzt zunehmend mit einem rebellischen, sogar streikenden Parlament konfrontiert. Die Regierung ist noch immer nicht komplett, auch wenn die Kernministerien nun besetzt sind.
STANDARD: Werden die Parlamentswahlen nun am 18. September stattfinden? Und wie steht es um die Wahlbeobachtung?
Scheller: Im Moment sieht es noch so aus. Wahlbeobachter wird es geben, aber die Wahlbeschwerdekommission steht schon und ist nicht mehr hochkarätig besetzt.
STANDARD: Welche Rolle spielt die "Friedensjirga" ?
Scheller: Viele Bürger haben den Aufwand kritisiert und die Verschlechterung der Sicherheitslage in Kabul, die mit ihr einherging. Die Einladungspolitik war problematisch, zudem sind zwei von Karsais Verbündeten den Präsidentschaftswahlen ferngeblieben. Es war eher eine Show fürs Ausland, die auch nach hinten losgehen könnte.
STANDARD: Geht es in Afghanistan bergauf oder bergab?
Scheller: Im Großen eher bergab, aber man sollte die Erfolge im Kleinen nicht unterschätzen. Die langfristigen Projekte wirken. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2010)
BENTE SCHELLER ist Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kabul.
Die Politikwissenschafterin ist seit 2008 in Afghanistan.