Wieden: Politischer Dreikampf um neuen Luxusbezirk

Teresa Eder, 16. Juli 2010, 10:18
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    Ein Bild aus alten Tagen: Bezirksvorsteherin Susi Reichhard mit Gio Hahn beim Wahlkämpfen.

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    Ergebnis der Bezirksvertretungswahlen im Jahr 2005

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    Die Karlskirche befindet sich schon lange auf Wiedener Boden, der vollständige Resselpark und die Otto-Wagner-Pavillons erst seit 2009.

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    Ergebnis der Gemeinderatswahlen im Jahr 2005

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    Bezirksvorsteherin Reichard (ÖVP) wird sich mit SPÖ und Grüne im Herbst ein hartes Match liefern müssen.

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    Die Heumühle - ältester Profanbau in ganz Wien - wurde 2008 renoviert und ist seitdem für die Öffentlichkeit zugänglich.

Auf der Wieden regiert die ÖVP - Auch die Grünen arbeiten daran, die Herrschaft zu übernehmen

Von Notting Hill in London bis zur Lower East Side in New York: Der vierte Wiener Gemeindebzirk Wieden und insbesondere das Freihausviertel rund um die Schleifmühlgasse "kann es jederzeit mit den hochgelobten In-Vierteln des Planeten aufnehmen". Das glauben zumindest die PR-Akteure der Wiener Einkaufsstraßen und bewerben so ihr "Juwel" zwischen Naschmarkt und Karlsplatz. Doch auch die Wohnungspreise und Bevölkerungszahlen sprechen dafür, dass der vierte Wiener Gemeindebezirk in den letzten Jahren bei der Wiener Bevölkerung an Attraktivität gewonnen hat. Für eine Eigentumswohnung muss man hier bis zu 3.600 Euro pro Quadratmeter berappen. Die Immobilienbranche bezeichnet Wieden deshalb auch als "Newcomer unter den Luxusbezirken". Die Anzahl der Bewohner wächst trotz der gesalzenen Preise stetig, heuer sind 30.646 Menschen im Bezirk gemeldet, im Jahr 2002 waren es noch rund 28.000 Einwohner.

Bezirk der Eliteschulen

Für genug Bildung ist gesorgt, Oscar-Preisträger Christoph Waltz ging nicht umsonst in Wieden zur Schule. Die TU Wien und das Theresianum sorgen nebst Sir Karl Popper Schule und Diplomatischer Akademie dafür, dass in Wieden eine Bildungselite herangezogen wird. Der hohe Bildungsstand zeigt sich bei der Mehrheit der Bevölkerung. Über 45 Prozent haben einen Hochschulabschluss oder zumindest Matura.

Trotzdem zählt die Bevölkerung von Wieden nicht zur jüngsten Wiens. Der Anteil der über 60-Jährigen ist  im Vergleich zu anderen Bezirken überdurchschnittlich hoch, gleiches gilt auch für den weiblichen Anteil der Bevölkerung, der bei 54,1 Prozent liegt. Wer im 4. Bezirk sein Leben verbringt, wird normalerweise 80,6 Jahre alt.

ÖVP-Vorherrschaft wackelt

Politisch herrscht im vierten Wiener Gemeindebezirk Pattstellung. Gleich drei Parteien - nämlich ÖVP, SPÖ und Grüne - haben jeweils 12 Sitze in der Bezirksvertretung. Bezirksvorsteherin ist derzeit noch Susanne Reichard (ÖVP), doch an ihrem Residenzsessel wird eifrig gesägt. Die Grünen wollen es im Herbst 2010 endlich schaffen hier stimmenstärkste Partei zu werden.

Bisher blieb seit Entstehung der 2. Republik die Bezirksvorstehung einzig und allein der ÖVP vorbehalten. Sie verlor jedoch über die Jahre viele Stimmen, ebenso wie die SPÖ, und zwar an die stärkerwerdenden Grünen. 2005 erreichte die ÖVP noch 30,28 Prozent, die SPÖ lag mit 29,35 Prozent knapp dahinter. Die Grünen konnten mit 28,13 Prozent fast aufschließen. Maria Vassilakou schickt Alexander Van der Bellen deshalb auch Richtung Wieden, um wichtige Vorzugsstimmen für die Grünen bei der nächsten Gemeinderatswahl zu gewinnen. Ein anderer Bundespolitiker, der seine politische Heimat in Wieden hatte, ist EU-Kommissar und Ex-Minister Johannes Hahn. Er war immerhin zehn Jahre lang an der Seite von Sabine Reichard als Bezirksparteiobmann in Wieden tätig.

FPÖ gegen Drogenzentrum

Für politische Aufregung in Wieden sorgt in diesem Jahr eine neue Anlaufstelle für Suchtkranke. Gegen die Einrichtung TaBeNo, die vom Verein Wiener Sozialprojekte iniziiert wurde, läuft die FPÖ und allen voran deren Wiedener Bezirksobmann Johann Gudenus Sturm. Die FPÖ will eine Absiedelung in einen Randbezirk erreichen und ist derzeit dabei Unterschriften in der Bevölkerung zu sammeln. Sie befürchet, dass der 4. Bezirk neben der Drogenszene am Karlsplatz "jetzt auch noch durch ein zweites Drogenzentrum verschandelt wird." Bezirksvorsteherin Reichard ist von der Anlaufstelle ebenfalls nicht begeistert, da sie zu wenig in die Planung eingebunden worden sei.

Baustelle Hauptbahnhof

Der Bau des Hauptbahnhofes ist vielen Bewohnern Wiedens ebenfalls ein Dorn im Auge oder stellt zumindest derzeit eine große verkehrspolitische Belastung dar. Der Bahnhof selbst liegt zwar schon im angrenzenden 10. Bezirk, dennoch wird auch das umliegende Gelände, wie etwa der Südtiroler Platz, renoviert. Bezirksvorsteherin Reichard kritisiert vor allem die schlechte Anbindung des Hauptbahnhofes an die öffentlichen Verkehrsmittel und verlangt deshalb einen runden Tisch mit Verkehrsexperten und Stadtplanern. Es sei notwendig die U2 Richtung Hauptbahnhof zu verlängern. Um dies zu demonstrieren griff Reichard kurzerhand selbst zum Reisekoffer und ging die lange Strecke zwischen Bahnhof-Baustelle und U1 Südtirolerplatz medienwirksam ab.

(Politische) Graben- und Grenzkämpfe

Die Wiedener ÖVP hat nicht nur mit politischen Grabenkämpfen innerhalb ihrer eigenen Bezirksgrenzen zu tun, sondern muss auch auswärtig die Grenzen verteidigen. Im letzen Jahr legte sich ÖVP-Bezirksvorsteherin Reichard deshalb sogar mit der First Lady des ersten Bezirks, Ursula Stenzel (ebenfalls ÖVP), an. Den Naschmarkt hat Wieden zwar im Jahr 2009 vollständig an den sechsten Bezirk abgetreten, dafür wollte man das Gelände rund um die Otto-Wagner-Pavillons der Inneren Stadt (1. Bezirk) abwerben, zunächst erfolglos. Ursula Stenzel (ÖVP) stellte sich dagegen: "Die Otto-Wagner-Pavillons bleiben im ersten Bezirk, das ist eindeutig." Die Sache weiterzuverfolgen sei unnötig wie ein Kropf, meinte Stenzel und votierte deshalb gegen eine Grenzverschiebung. Letztendlich wanderte der Grenzkonflikt bis in den Wiener Landtag, der schließlich Wieden das Areal zuerkannte. Reichard konnte damals einen Erfolg gegen die eigene Parteikollegin einfahren. Ob ihr gleiches auch im Herbst gegen die politischen Kontrahenten gelingt, bleibt einstweilen noch offen. (edt/derStandard.at, 15.7.2010)

Infos zum Bezirk:

Wahlberechtigte: 23.094 (Stand 2005)

Bezirksvorsteherin: Susanne Reichard (ÖVP)

Bezirksvertretung: ÖVP 12, SPÖ 12, Grüne 12, FPÖ 2, Wir Wählen Wieden 1 (Liste der ehemaligen Bezirksvorsteherin Emmerling), Unabhängige 1

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 142
1 2 3 4
Gut und dann...?
00
26.7.2010, 15:07
FPÖ gegen Drogenzentrum?

Und wo gehen dann ihre Anhänger hin, nach Hause zu den Politikern?

Le Monde
33
17.7.2010, 21:51
was ist bitte ein "luxusbezirk"?

bitte antworten posten....

die_eidechse
 
07
19.7.2010, 14:45
wo die leute le monde lesen.

Lectrice
01
19.7.2010, 14:45

Schauen Sie sich die Mieten im 4. an, dann wissen Sie es ;-).

Don Vincenzo
00
19.7.2010, 00:01

Was ist daran so schwer zu kapieren? Muss man im Standard-Forum eigentlich jede Definition hinterfragen?

die_eidechse
 
01
19.7.2010, 14:45
was ist bitte "Definition"?

jede Definition ist ja wohl sehr subjektiv!

jö schau ...
00
17.7.2010, 15:07

die reichard ...

Mercury12
02
17.7.2010, 13:12
Wieden ist toll

Ich kann eigentlich nur die mangelnden Angebote für die Jugend bemängeln und auf bessere Lösungen für das Verkehrsproblem hoffen. Ansonsten fühl ich mich in dem Bezirk sehr wohl.

Die politische Ausgangslage mit drei gleichstarken Parteien und einer dahinvegetierenden FPÖ könnte aus meiner Sicht nicht optimaler sein. Unkonstruktive Arbeit kann sehr schnell bestraft werden. Ohne Anknüpfung zu den Leuten gibts hier kaum was zu holen.

Auch die Bezirksvorsteherin würde ich nicht als Sinnbild für die Wiener ÖVP rechnen, was mir ziemlich gefällt. Könnte ruhig auch andererorts so sein. Aber egal welche Partei hier gewinnen wird, ich hoffe dass die FPÖ so marginal bleibt oder noch marginaler wird.

Muh Kuh
 
17
17.7.2010, 11:05
Kann mich noch gut erinnern,

wie unfein die Frau Reichard seinerzeit ihre Vorgängerin abserviert hat - diese Aktion war monatelang in den medien zu verfolgen und alles andere als appetitlich.

Nicht, daß mir die ÖVP im geringsten am Herzen läge, aber das war eines der (zufällig öffentlich sichtbar gewordenen) Sittenbilder, die den schlechten Ruf der Politik begründen.

Bildung bekommt man auch woanders als in "Eliteschulen"! Da scheint´s mehr um Beziehungen und Geld zu gehen. "Eliteschule" wäre ein hervorragender Kandidat zum "Unwort des Jahres".

Poldi Schrumpl
00
17.7.2010, 16:29
stimmt.

reichhardt macht einen sehr oportunistischen eindruck.

flankierende maßnahme
05
17.7.2010, 09:42
nur so am rande

aber ich kann mir nicht helfen, die heumühle aka "ältester profanbau wiens" schaut nach der sanierung aus wie der doppelgaragenanbau eines durchschnittlichen niederösterreichischen einfamilienhauses. im gegensazt zur pittoresken ruine, die zuvor dort gestanden ist, wird dieses raufaserverputzte ungetüm niemand mit dem mittelalter in verbindung bringen...

valtheWU
00
zu tode saniert.

innen teils ekelhaft, teils schön.

messinggriffe bei den neuen türen!

aber hauptsache vermietet, nicht wahr.

Rosie Bauer
00
19.7.2010, 17:56
Die alte Heumühle

Wer wissen will, wie die alte Heumühle die längste Zeit ausgesehen hat, kann sich das auf Flickr anschauen (tag: heumühle). R.I.P. Heumühle - ewig schade :-(((

Christoph ************
00
17.7.2010, 11:01

Interessante Definition von "pittoresque":

http://de.wikipedia.org/w/index.p... 0210212448

flankierende maßnahme
00
17.7.2010, 11:51
ich habe dieses gebäude

noch dicht efeubewachsen inmitten eines verwunschenen historischen zinshauses in erinnerung. das kam damals dem wort "pittoresque" recht nahe...

Titeuf
 
00
17.7.2010, 09:22
Wieden ist schon ein netter Bezirk

Ich bin jetzt zwar schon lange überzeugter Leopoldstädter, aber ich erinnere mich gerne an den Bezirk in dem meine erste Wohnung (WG-Zimmer) lag..

Oscar W
23
17.7.2010, 08:51
Der bezirk muss nicht jedem seiner sein, ABER

politisch ist er ein ziemliches wunschbild: SEHR schwache fpö/bzö, die grünen, roten und schwarzen gleich auf und somit kann sich immer es ändern und es bleibt nicht eine farbe für 1000 jahre dort die stärkste. außerdem, finde ich persönlich gibt es dort sehr tolerante menschen die auch sehr freundlich sind. der bezirk ist warscheinlich nicht der schönste, aber da gibt es wesentlich hässlichere

El Chó
00
26.7.2010, 15:44

naja, bisher ist die ÖVP aber doch gefühlte 1000 Jahre vorne...

wilcox
00
16.7.2010, 23:05

habe jahrelang in der schikanedergasse gewohnt und bin schwerens herzens umgezogen.
die gegend habe ich geliebt, geht mir noch heute schwer ab.

wilcox
00
18.7.2010, 13:19

ich reg mich nicht auf, hege nur sentimentale gefuehle fuer meine ex wohngegend.
da wo ich jetzt wohne, ist ziemlich tote hose, dafuer ist es fuer kinder wieder besser geeignet (mehr gruen) als wieden.
naja, die werden ja auch aelter und dann kann man wieder wo hinziehen wo mehr los ist :)

Gerhard Müller
84
17.7.2010, 10:53
Was regst dich auf?

Gerade, weil die Bobos einfallen, müssen viele weg. Oder wollen weg.

Und wenn dann die Bobos merken, dass sie für sich alleine nichts zustandebringen (strukturell, konzeptionell aber vor allem auch beziehungsmässig), dann ziehen sie eh wieder dorthin, wo die Alternative angesagt ist.

Bobos sind ein Parasitenvolk, die dem Zeitgeist immer um eine halbe Generation hinterherhinkt.

salvator911
52
17.7.2010, 02:02
Armer, Bobo...

wilcox
00
17.7.2010, 04:13

ja schon. wir bobos haben's nicht immer leicht.

Ritter Owein
39
16.7.2010, 22:02
luxus?bezirk

wow, für mich einer der hässlichsten Ecken Wiens - die Wieden gehen doch im Verkehr unter.

Aber jedem das seine...

Glaubtzuwissen
03
16.7.2010, 21:37

Die Kommentare sind immer viel interessanter als die Bezirksporträts selber.

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