Auf der Wieden regiert die ÖVP - Auch die Grünen arbeiten daran, die Herrschaft zu übernehmen
Von Notting Hill in London bis zur Lower East Side in New York: Der vierte Wiener Gemeindebzirk Wieden und insbesondere das Freihausviertel rund um die Schleifmühlgasse "kann es jederzeit mit den hochgelobten In-Vierteln des Planeten aufnehmen". Das glauben zumindest die PR-Akteure der Wiener Einkaufsstraßen und bewerben so ihr "Juwel" zwischen Naschmarkt und Karlsplatz. Doch auch die Wohnungspreise und Bevölkerungszahlen sprechen dafür, dass der vierte Wiener Gemeindebezirk in den letzten Jahren bei der Wiener Bevölkerung an Attraktivität gewonnen hat. Für eine Eigentumswohnung muss man hier bis zu 3.600 Euro pro Quadratmeter berappen. Die Immobilienbranche bezeichnet Wieden deshalb auch als "Newcomer unter den Luxusbezirken". Die Anzahl der Bewohner wächst trotz der gesalzenen Preise stetig, heuer sind 30.646 Menschen im Bezirk gemeldet, im Jahr 2002 waren es noch rund 28.000 Einwohner.
Bezirk der Eliteschulen
Für genug Bildung ist gesorgt, Oscar-Preisträger Christoph Waltz ging nicht umsonst in Wieden zur Schule. Die TU Wien und das Theresianum sorgen nebst Sir Karl Popper Schule und Diplomatischer Akademie dafür, dass in Wieden eine Bildungselite herangezogen wird. Der hohe Bildungsstand zeigt sich bei der Mehrheit der Bevölkerung. Über 45 Prozent haben einen Hochschulabschluss oder zumindest Matura.
Trotzdem zählt die Bevölkerung von Wieden nicht zur jüngsten Wiens. Der Anteil der über 60-Jährigen ist im Vergleich zu anderen Bezirken überdurchschnittlich hoch, gleiches gilt auch für den weiblichen Anteil der Bevölkerung, der bei 54,1 Prozent liegt. Wer im 4. Bezirk sein Leben verbringt, wird normalerweise 80,6 Jahre alt.
ÖVP-Vorherrschaft wackelt
Politisch herrscht im vierten Wiener Gemeindebezirk Pattstellung. Gleich drei Parteien - nämlich ÖVP, SPÖ und Grüne - haben jeweils 12 Sitze in der Bezirksvertretung. Bezirksvorsteherin ist derzeit noch Susanne Reichard (ÖVP), doch an ihrem Residenzsessel wird eifrig gesägt. Die Grünen wollen es im Herbst 2010 endlich schaffen hier stimmenstärkste Partei zu werden.
Bisher blieb seit Entstehung der 2. Republik die Bezirksvorstehung einzig und allein der ÖVP vorbehalten. Sie verlor jedoch über die Jahre viele Stimmen, ebenso wie die SPÖ, und zwar an die stärkerwerdenden Grünen. 2005 erreichte die ÖVP noch 30,28 Prozent, die SPÖ lag mit 29,35 Prozent knapp dahinter. Die Grünen konnten mit 28,13 Prozent fast aufschließen. Maria Vassilakou schickt Alexander Van der Bellen deshalb auch Richtung Wieden, um wichtige Vorzugsstimmen für die Grünen bei der nächsten Gemeinderatswahl zu gewinnen. Ein anderer Bundespolitiker, der seine politische Heimat in Wieden hatte, ist EU-Kommissar und Ex-Minister Johannes Hahn. Er war immerhin zehn Jahre lang an der Seite von Sabine Reichard als Bezirksparteiobmann in Wieden tätig.
FPÖ gegen Drogenzentrum
Für politische Aufregung in Wieden sorgt in diesem Jahr eine neue Anlaufstelle für Suchtkranke. Gegen die Einrichtung TaBeNo, die vom Verein Wiener Sozialprojekte iniziiert wurde, läuft die FPÖ und allen voran deren Wiedener Bezirksobmann Johann Gudenus Sturm. Die FPÖ will eine Absiedelung in einen Randbezirk erreichen und ist derzeit dabei Unterschriften in der Bevölkerung zu sammeln. Sie befürchet, dass der 4. Bezirk neben der
Drogenszene am Karlsplatz "jetzt auch noch durch ein zweites
Drogenzentrum verschandelt wird." Bezirksvorsteherin Reichard ist von der Anlaufstelle ebenfalls nicht begeistert, da sie zu wenig in die Planung eingebunden worden sei.
Baustelle Hauptbahnhof
Der Bau des Hauptbahnhofes ist vielen Bewohnern Wiedens ebenfalls ein Dorn im Auge oder stellt zumindest derzeit eine große verkehrspolitische Belastung dar. Der Bahnhof selbst liegt zwar schon im angrenzenden 10. Bezirk, dennoch wird auch das umliegende Gelände, wie etwa der Südtiroler Platz, renoviert. Bezirksvorsteherin Reichard kritisiert vor allem die schlechte Anbindung des Hauptbahnhofes an die öffentlichen Verkehrsmittel und verlangt deshalb einen runden Tisch mit Verkehrsexperten und Stadtplanern. Es sei notwendig die U2 Richtung Hauptbahnhof zu verlängern. Um dies zu demonstrieren griff Reichard kurzerhand selbst zum Reisekoffer und ging die lange Strecke zwischen Bahnhof-Baustelle und U1 Südtirolerplatz medienwirksam ab.
(Politische) Graben- und Grenzkämpfe
Die Wiedener ÖVP hat nicht nur mit politischen Grabenkämpfen innerhalb ihrer eigenen Bezirksgrenzen zu tun, sondern muss auch auswärtig die Grenzen verteidigen. Im letzen Jahr legte sich ÖVP-Bezirksvorsteherin Reichard deshalb sogar mit der First Lady des ersten Bezirks, Ursula Stenzel (ebenfalls ÖVP), an. Den Naschmarkt hat Wieden zwar im Jahr 2009 vollständig an den sechsten Bezirk abgetreten, dafür wollte man das Gelände rund um die Otto-Wagner-Pavillons der Inneren Stadt (1. Bezirk) abwerben, zunächst erfolglos. Ursula Stenzel (ÖVP) stellte sich dagegen: "Die Otto-Wagner-Pavillons bleiben im ersten Bezirk, das ist eindeutig." Die Sache weiterzuverfolgen sei unnötig wie ein Kropf, meinte Stenzel und votierte deshalb gegen eine Grenzverschiebung. Letztendlich wanderte der Grenzkonflikt bis in den Wiener Landtag, der schließlich Wieden das Areal zuerkannte. Reichard konnte damals einen Erfolg gegen die eigene Parteikollegin einfahren. Ob ihr gleiches auch im Herbst gegen die politischen Kontrahenten gelingt, bleibt einstweilen noch offen. (edt/derStandard.at, 15.7.2010)
Infos zum Bezirk:
Wahlberechtigte: 23.094 (Stand 2005)
Bezirksvorsteherin: Susanne Reichard (ÖVP)
Bezirksvertretung: ÖVP 12, SPÖ 12, Grüne 12, FPÖ 2, Wir Wählen Wieden 1 (Liste der ehemaligen Bezirksvorsteherin Emmerling), Unabhängige 1