Forscher erhoffen sich durch ein IT-Projekt auch eine bessere Akutversorgung von Patienten
Gut gemeint ist das Schriftstück allemal: "Aus dem Pflegebegleitschreiben kann das Spitalspersonal die Bedürfnisse eingelieferter Patienten - etwa spezielle Schlafgewohnheiten - herauslesen", weiß Benedikt Aichinger von der IT-Firma X-tention. Dennoch hält das Dokument, das Pflegestationen Patienten vor der Überstellung ins Spital ausstellen, nicht immer, was es verspricht: Jedes dritte Pflegebegleitschreiben kommt nicht ans Ziel, ermittelten Forscher der FH Oberösterreich. "Das Schreiben geht während des Krankentransports verloren, bleibt auf einer Station liegen oder kommt sonst wie abhanden", sagt der Leiter Business Development. Fehlende Daten müssten telefonisch angefordert oder per Fax eingeholt werden - das sei zeitaufwändig, teuer und belastend für den Patienten. Eine im Rahmen des FFG-Projekts "E-Care" mit Unterstützung der Life-Science-Initiative Oberösterreich entwickelte Software soll nun den Einfluss des Papiers zurückdrängen. "Unser Ziel ist der elektronische Austausch pflegerelevanter Daten zwischen Krankenhaus, stationären Pflegeeinrichtungen und mobilen Diensten im Großraum Wels", sagt Aichinger.
Im klinischen Bereich fanden elektronische Dokumentationssysteme schon in den Neunzigerjahren ihre Nische. "Meist handelt es sich um Insellösungen, die von der Außenwelt abgeschottet sind", bemängelt Aichinger. Bei nach außen offenen Systemen wie Medicalnet oder Dame ortet Aichinger andere Einschränkungen: "Sie bauen Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zu anderen Gesundheitseinrichtungen auf", erklärt er. Das Datenvolumen sei - ähnlich wie bei E-Mail - limitiert. "Wir dagegen setzen auf eine webbasierende Softwarelösung, die ohne zentralen Server auskommt", führt Aichinger aus. Daten bleiben lokal in den Stationen. Trifft der Patient im Spital ein, "hat die Sprechstundenhilfe die Informationen im günstigsten Fall schon heruntergeladen".
Damit die Informationsbereitstellung untereinander gelingt, konzentriert man alle Kraft auf die Standardisierung der Daten aus den pflegerischen Einzelsystemen. "Wir übersetzen noch bis November unstrukturierte in strukturierte Daten", umschreibt Aichinger die Programmierarbeit mit Java. Aus PDF- und Word-Dokumenten überführt man Informationen in das allgemeingültige CDA-(Clinical Document Architecture)-Dokument. Am guten Willen der Entwickler scheitert es nicht: "Im ersten Jahr verbrachten sie 1600 Stunden vor den Rechnern", berichtet Aichinger von der mühevollen Kleinarbeit. Sprachliche Differenzierungen müssten sauber in die Software einfließen: "Eine Pflegestation versteht unter dem Begriff Patientenmobilität die 24-Stunden-Versorgung, eine andere womöglich nur die Versorgung in der Nacht", gibt Aichinger ein triviales Beispiel.
Weichenstellend für die Harmonisierung sind die Vorgaben der Standardisierungsinitiative IHE. Sie ging 1999 aus einer Gruppe technischer und medizinischer Spezialisten der Gesundheitsorganisationen HIMSS (Healthcare Information and Management Systems Society) und der amerikanischen RSNA (Radiological Society of North America) hervor. Heute sind ihre Integrationsstandards keine Vision mehr - und in der EU verbindlich. In Österreich erteilte die Bundesgesundheitskommission der elektronischen Krankenakte grünes Licht. Seither wird sie dort als heiße Aktie gehandelt - auch deshalb, weil medizinische Inhalte mit der Novellierung des Gesundheitstelematikgesetzes ab Ende 2010 nicht mehr gefaxt werden dürfen. (Daniel Pohselt//DER STANDARD, Printausgabe, 14.07.2010)