Was ausgerottete Arten und abgeholzte Wälder kosten: 1,7 Billionen Euro pro Jahr kosten laut Uno die Umweltschäden
Die Fischer in Louisiana dürfen ihre Netze nicht auswerfen, und wenn sie es doch täten, wären sie so wie die Strände voller Öl. In den Restaurantküchen fehlt der Fisch, an den Tischen und in den Hotelzimmern die Gäste. Was die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko kosten wird, weiß noch niemand.
Sicher ist: Es wird nur ein Bruchteil dessen sein, was Konzerne jedes Jahr an Umweltschäden anrichten: Rund 1,7 Billionen Euro Schaden, etwa viermal so viel wie Österreichs Wirtschaftsleistung, verursachen die 3000 größten Unternehmen der Welt pro Jahr. Das ist ein erstes Ergebnis einer Studie im Auftrag der Uno.
Beunruhigend finden diese Entwicklung vor allem Firmenchefs in Afrika und Südamerika: Etwa die Hälfte meint, weniger Biodiversität - also Artenreichtum und -vielfalt - würde das Wirtschaftswachstum gefährden. In Europa und Nordamerika sehen nicht einmal 20 Prozent der CEOs das als Bedrohung, geht aus der Studie The economics of ecosystems and biodiversity der Uno hervor.
Es gibt viele Möglichkeiten, wie abnehmende Biodiversität und zerstörte Ökosysteme Geld kosten können: Wenn ein Wurm ausstirbt, in dessen Genen ein Heilmittel für Alzheimer enthalten war; wenn Wälder abgeholzt werden, die verhindern, dass Boden erodiert; oder wenn Flüsse begradigt werden, deren Au vor Überschwemmungen geschützt haben.
Derzeit sterben nach Uno-Schätzungen täglich etwa 130 Arten aus, damit geht das Artensterben 100-mal schneller voran, als die Evolution das vorgibt. Außerdem wird täglich eine Fläche Urwald gerodet, die eineinhalb Mal so groß ist wie die Schweiz.
"Wie Unternehmen mit diesen Risiken umgehen, wird immer mehr entscheiden, ob sie profitabel wirtschaften", sagte Achim Steiner, Chef der UN-Umweltorganisation UNEP bei der Präsentation. Firmen sollten genau prüfen und ausweisen, wie schädlich ihr Verhalten oder ein bestimmtes Produkt für die Umwelt ist oder welche Folgekosten sie verursachen, meinen die Studienautoren. Die US-Handelskette Wallmart oder das Minenunternehmen Rio Tinto nennen sie als positive Beispiele.
Für Unternehmen würde es sich lohnen, umweltfreundlich zu wirtschaften: Einerseits werde es für Kunden immer wichtiger, ob Produkte umweltschonend produziert werden. Andererseits biete die Rücksichtnahme auf Artenvielfalt und Ökosysteme auch neue Geschäftsmodelle wie nachhaltig produzierte Lebensmittel, Ökotourismus oder Wiederaufforstungsprogramme.
Ökosystemen fehlt der Preis
Weil die Nutzung von Ökosystemen keinen Marktwert habe, würden viele Unternehmen derzeit keine Rücksicht auf sie nehmen, meint Steiner. "Kosten für Umweltschäden tragen Versicherer, die Bevölkerung und der Steuerzahler", sagt er zur Süddeutschen Zeitung. Durch Abgaben und Steuern solle Ökosystemnutzung einen Preis bekommen.
Das führt aber auch zu Problemen: "Der Ansatz über Steuern ist nicht immer sinnvoll, etwa bei Feinstaub, wo es mehrere diffuse Verursacher gibt", sagt Umweltökonomin Angela Köppl vom Wifo. "Die Frage ist: Gibt es eine eindeutige Kausalität zwischen Ursache und Schaden, wie etwa bei fossilen Brennstoffen?"
"Wenn Firmen ein erhöhtes Risiko von Umweltschäden eingehen, sollten sie dafür zahlen", meint hingegen Franz Prettenthaler, Umweltökonom am Joanneum Graz. "Gefragt sind die Versicherungen, sie müssen die Prämien anpassen, dass sich umweltfreundliches Verhalten lohnt."
Zwar gibt es internationale Abkommen, die festlegen, dass Unternehmen für Schäden aufkommen müssen - "nur sind die Strafen meist viel zu niedrig gedeckelt", sagt Fritz Krois vom Umweltbundesamt. In Österreich regelt das das Bundesumwelthaftungsgesetz: "Es stehen aber so viele Ausnahmen darin, dass es wahrscheinlich nur wenige Anwendungsfälle gibt." Außerdem sind darin nur Schäden für Gewässer, den Boden und geschützte Gebiete geregelt - Biodiversitätsschutz ist Ländersache. (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 14. Juli 2010)
Studie "The economics of ecosystems and biodiversity" online: www.teebweb.org