Helmut Habersack erklärte Markus Böhm, warum es der Donau eng ist und was am neuen Christian-Doppler-Labor an der Boku dagegen getan werden soll
STANDARD: Sie sind Leiter des neuen Christian-Doppler-Labors für Innovative Methoden in Fließgewässermonitoring, Modellierung und Flussbau. Was verbirgt sich hinter diesem langen Namen?
Habersack: Hinter dieser etwas sperrigen Bezeichnung steckt die Zielsetzung, das Wissen über Prozesse in Flüssen, die sehr unterschiedlich genutzt werden, unter anderem für die Schifffahrt oder die Stromerzeugung, zu vergrößern. Wobei wir uns hier konkret auf einen rund 48 Kilometer langen Donauabschnitt östlich von Wien konzentrieren. Letztendlich wollen wir einen Rückbau mit einer Verbesserung für die Nutzung verbinden.
STANDARD: Das heißt, Sie versuchen die Interessen von Wirtschaft und Ökologie zu verbinden?
Habersack: Hier ist natürlich ein Kompromiss notwendig. Man muss akzeptieren, dass die wirtschaftliche Nutzung einen Rahmen darstellt, in dem wir uns bewegen. Unter Berücksichtigung dieses Rahmens versuchen wir das Maximale für die Ökologie herauszuholen.
STANDARD: Wie kann das also gelingen?
Habersack: Es ist ein neuer, integrativer Planungszugang: Wir beziehen die Ökologie von vornherein mit ein. Wir wollen aktiven Rückbau betreiben, beispielsweise eine Gewässervernetzung vornehmen, damit mehr Wasser in die Au kommt, oder die Buhnenkonfiguration so verändern, dass sich die Strömungen der Natur annähern, oder den Uferrückbau vorantreiben, um natürliche Verhältnisse zu schaffen. Das bringt der Schifffahrt zum Beispiel direkt wenig, ist aber wesentlich nachhaltiger, als danach Kompensation zu leisten.
STANDARD: Sie haben schon in früheren Studien gezeigt, dass sich die Donau immer mehr vertieft. Wie kommt es dazu?
Habersack: Es gibt mehrere Gründe dafür. Bei der Donau, die nur noch an zwei Stellen, in der Wachau und östlich von Wien, frei fließt, sind es beispielsweise die Kraftwerksnutzung und die Verbauungsmaßnahmen im Einzugsgebiet. Beides verhindert, dass Geschiebe ins Untersuchungsgebiet eingetragen wird. Die Donau ist reguliert und deshalb nicht mehr so breit wie früher, dadurch konzentriert sich das Wasser auf den Hauptarm, das Gefälle steigt und damit die Geschwindigkeit. Außerdem fällt die Ufererosion weg.
STANDARD: Der Fluss kann sich also auch nicht ins Gelände graben, und die Kraft des Wassers konzentriert sich zwangsläufig auf den Boden?
Habersack: Der Fluss kann gar nicht anders, die Donau steckt in einem Korsett. Die geplanten Maßnahmen würden die Donau über dreißig Kilometer befreien und dort wieder eine gewisse Ufererosion zulassen. Natürlich nur im Rahmen der Nutzerakzeptanz.
STANDARD: Wird bereits Material in die Donau eingebracht?
Habersack: Ja, der Verbund ist dazu verpflichtet, circa 180.000 Kubikmeter Schotter pro Jahr flussab von der Freudenau zuzugeben. Weiters wird das Material, das an seichten Stellen für die Schifffahrt ausgebaggert wurde, an tieferen Stellen flussauf wieder eingebracht.
STANDARD: Werden diese Maßnahmen wissenschaftlich begleitet?
Habersack: Es gibt rechtliche Bescheide, die das regeln. Aber trotz dieser Zugabe haben wir jährlich eine Eintiefung von ca. zwei Zentimetern. Das heißt, man müsste noch mehr zugeben, aber das wäre nicht nachhaltig, weil man dieses Material wiederum irgendwo ausgraben muss. Wir wollen daher von dieser großen Materialmenge wegkommen. Das soll gelingen, indem wir größere Steine einbringen, die theoretisch nicht so leicht weggetragen werden. Das müssen wir an einer Naturversuchsstrecke wissenschaftlich nachweisen.
STANDARD: Welche Untersuchungen sind dazu notwendig?
Habersack: Wir müssen untersuchen, wie viele Steine tatsächlich wegtransportiert werden, etwa durch Fängermessungen an der Flusssohle und durch Radiotracermessungen, die ergeben, wie weit die Steine wegtransportiert werden. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse dienen in weiterer Folge zur Optimierung der Maßnahmen.
STANDARD: Und wenn es nicht hinhaut?
Habersack: Dann muss man z. B. vielleicht die Korngröße der Steine verändern. Es darf nämlich weder zu mobil noch zu stabil sein. Der erste Schritt ist eine Simulation am Computer.
STANDARD: Die dann im "Naturlabor" überprüft werden?
Habersack: Genau. Erste Versuche am Modell haben gezeigt, dass die Lösung zu funktionieren scheint. Aber es gibt noch keine Erfahrungswerte in der freien Natur und über einen längeren Zeitraum. Dafür soll es ab Herbst eine drei Kilometer lange Naturversuchsstrecke geben und eine schrittweise, adaptive Bauumsetzung. So können wir die Maßnahmen laufend optimieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.07.2010)
HELMUT HABERSACK (43) forscht am Institut für Wasserwirtschaft, Hydrologie und konstruktiven Wasserbau der Boku Wien. Er war 2009 Gastprofessor an der UC Berkeley und der University of Minnesota, St. Anthony Falls Laboratory, beide USA.
Wissen
CD-Laboratorien
Die nicht auf Gewinn ausgerichtete Christian-Doppler-Gesellschaft (CDG) fördert anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Dazu werden nach Begutachtung durch internationale Experten vor allem an Universitäten Christian-Doppler-Labors für maximal sieben Jahre eingerich tet. Die Finanzierung erfolgt je zur Hälfte durch die öffentliche Hand (Wirtschaftsministerium, Nationalstiftung) und durch beteiligte Unternehmen. Derzeit sind 58 Laboratorien in Betrieb. Das CD-Labor für Innovative Methoden in Fließgewässermonitoring, Modellierung und Flussbau (CD IM Fluss) ist das sechste aktive CD-Labor an der Universität für Bodenkultur. (max)