Im Kosovo hat Familie Zogaj nur wenig Chancen, die Causa bleibt weiter offen
Der Abflug Arigona Zogajs, ihrer Mutter und ihrer zwei kleinen Geschwister in den Kosovo steht unmittelbar bevor. Damit tritt die Causa prima des österreichischen Fremdenwesens, die dessen Begrenzungen, ja Absurditäten so deutlich wie kein anderer "Fall" zeigt, in eine neue Phase: jene der absoluten Unsicherheit, wie es existenziell weitergehen soll - für die betroffene Familie.
Denn allen Mutmaßungen und Gerüchten zum Trotz, die von einem "Deal" hinter den Kulissen zwecks baldiger Rückkehr künden, verlassen die Zogajs Österreich nach acht Jahren zwar mit höchstrichterlicher Bestätigung, aber ohne verbindliche Zusicherungen. Nach ihrer Ankunft in der kleinen exjugoslawischen Binnenrepublik werden sie keine gültigen Personaldokumente, keine Perspektive auf Wohnung, Ausbildung, Job haben.
Aber so ist es eben, wenn man ausgewiesen oder abgeschoben worden ist, so geht es jährlich hunderten Ausländern, die Österreich aus fremdenrechtlichen Gründen verlassen müssen. Das sind die Folgen der vielfach auf Ausreise abzielenden harten Regeln der österreichischen Fremdenpolitik, und eine Wählermehrheit findet das gut oder nimmt es in Kauf, auch wenn die Konsequenzen unmenschlich sind.
So geht es etwa auch Cletus B., dem vor zwei Monaten per Frontex-Abschiebeflug nach Nigeria zurückverfrachteten homosexuellen Fußballer der "Sans Papiers"-Mannschaft. Er hält sich derzeit in einem nigerianischen Großstadtslum versteckt, lebt von Geldzuwendungen aus Österreich, weil ihn andere aufgrund von Internetberichten als Schwulen identifiziert haben. In Nigeria steht auf offenes Schwulsein Gefängnis, Lebensperspektiven hat er dort also keine.
Ein Leben im Teilverborgenen steht aber auch - zumindest mittelfristig - Arigona Zogaj und den Ihren bevor. So sie im Kosovo bleiben müssen. Nicht aus rechtlichen Gründen, sondern wegen der schlechten Stimmung, die ihnen dort entgegenschlägt. In einem Land mit Abertausenden, die das Zogaj'sche Ausweisungsschicksal aus westeuropäischen Staaten teilen, trägt man der Familie aus Frankenburg ihre mediale Bekanntheit nach, legt sie ihnen als "unverständliche Sonderbehandlung" aus. Und jene Menschen im Kosovo, die stolz auf ihre junge Nation sind, sehen in den Zogajs vielfach Nestbeschmutzer, die den Staat im Ausland schlechtgemacht haben, weil sie nicht zurückkehren wollten. Die Gründe dafür - dass sich vor allem die Kinder in Österreich bereits zu Hause fühlten - sind vielen Kosovaren nicht zugänglich.
Mit diesem sozialen und emotionalen Heimisch-geworden-Sein einer kosovarischen Familie, das sich zäh allen fremdenpolizeilichen Bestimmungen widersetzt, haben auch in Österreich viele Menschen Probleme. Den Verantwortung tragenden Politikern fehlt allesamt der Mut, um ihnen zu widersprechen. Doch ein bisschen öffentlichen Mut werden Fekter, Prammer, Pühringer, Fischer und andere jetzt brauchen, sollen etwaige Zogaj'sche Visumsanträge auch nur irgendwelche Chancen haben.
Denn die Kritik an "zu viel Menschlichkeit" wird kommen wie der Zins, und auch innerbürokratische Widerstände sind zu erwarten. Ob in Österreich all dem einmal nicht freie Bahn gelassen wird oder ob man sich solchen Einwürfen wie gehabt unterwirft - daran entscheidet sich jetzt der in den Kosovo übersiedelte Fall Zogaj. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 14. Juli 2010)