Die Schicht des Prekariats

Doris Griesser, 13. Juli 2010, 19:16
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    foto: martin fuchs

    Wenn aus dem Traumberuf nichts wird, bleibt vielen Jugendliche nur ein unterbezahlter Job im Dienstleistungssektor. Aus Arbeitsethos wird oft Verweigerung.

Arbeitslosigkeit, geringe Bildung, wenig Aufstiegschancen: Die neoliberalen Veränderungen machen sozial benachteiligten Jugendlichen zu schaffen

Grazer Forscher untersuchten, was sie bewegt, antreibt - und was sie resignieren lässt.

* * *

Jana entspricht mit ihren 21 Jahren nicht gerade dem Idealbild der künftigen Schwiegertochter: abgebrochene Ausbildung, Drogenmissbrauch, U-Haft wegen eines Bagatelldelikts etc. Mittlerweile hat sie ein Kind und lebt im Gemeindebau. Und es gibt etwas, auf das sie stolz ist: Sie kann ausschließlich von staatlichen Fürsorgeleistungen leben.

Dabei ist Jana in einer Familie aufgewachsen, die trotz sozialen Abstiegs krampfhaft den Anschein mittelständischer Normalität zu wahren versucht. "Während die Eltern Schamgefühle über ihre Situation empfinden, versteckt Jana ihre Scham, indem sie sich den Behörden gegenüber als rational kalkulierende Akteurin präsentiert und so den Status der selbstverschuldeten Gescheiterten abwehrt", erklärt Gerlinde Malli. In ihrer Dissertation hat sie sich mit Jugendlichen aus unterprivilegierten Milieus beschäftigt, die als "fürsorgebedürftige Problemfälle" staatlich registriert sind. "Scham", sagt Malli, "wird von diesen Jugendlichen mit einem modernen Tabu belegt, um Demütigungen zu entgehen."

60 Tiefeninterviews mit 40 Grazer Jugendlichen haben Gerlinde Malli und ihre Kollegen Gilles Reckinger und Diana Reiners durchgeführt. Ihr Projekt Müssen nur wollen. Kulturwissenschaftliche Bestandsaufnahme sozialer Umbrüche in jugendlichen Lebenswelten wurde von der Akademie der Wissenschaften mit einem DOC-team Stipendium gefördert.

Ziel der am Grazer Institut für Volkskunde angesiedelten Studie unter Leitung von Elisabeth Katschnig-Fasch war es, die strukturellen Bedingungen für problematische Biografien von Jugendlichen aufzudecken. Ausgehend von Pierre Bourdieus monumentaler Sozialstudie Das Elend der Welt legte ein Forscherteam um Katschnig-Fasch 2003 eine Untersuchung für Österreich am Beispiel von Graz vor: Das ganz alltägliche Elend. Begegnungen im Schatten des Neoliberalismus. Die aktuelle Jugendstudie baut auf dieser Arbeit auf.

Migration und Statusverlust

Diana Reiners hat in ihrer Arbeit die Zukunftsstrategien jugendlicher Migranten und Migrantinnen angesichts der neoliberalen Umbrüche erkundet. Sie fand heraus, dass für Jugendliche, die selbst aus ihrem Heimatland nach Österreich gekommen sind, die Migration noch stark mit dem Bild eines besseren Lebens und einer großen Leistungsbereitschaft verbunden ist. In der Realität bedeutet Migration aber meist einen Statusverlust, weil erworbene Bildung und Berufsqualifikationen häufig nicht anerkannt werden. Für die Migranten der zweiten Generation verbindet sich diese Erfahrung der Eltern oft mit einem geringen Bildungserfolg aufgrund des österreichischen Schulsystems, verhinderten Aufstiegsmöglichkeiten und hoher Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig sind diese Jugendlichen mit einer traditionell sehr starken Familienorientierung inklusive gegenseitiger Verantwortung konfrontiert. Insbesondere auf Burschen lastet damit ein enormer Druck, möglichst bald eigenes Geld zu verdienen und so auch dem nachwirkenden Männlichkeitsbild der Herkunftskultur zu entsprechen.

Aus all diesen Gründen bleibt von der Arbeitsorientierung der Eltern häufig nicht mehr übrig als das Streben nach irgendeinem Einkommen. "Lässt sich gesellschaftliche Anerkennung ohnehin nicht erreichen, werden auch riskante Verdienstmöglichkeiten denkbar", sagt Diana Reiners. "Die Identifikation mit Arbeit als Mittel gesellschaftlicher Integration wird infrage gestellt, wenn über Generationen nur das unterste Segment des prekarisierten Arbeitsmarktes offensteht."

Gilles Reckinger befasste sich mit den verschlungenen Wegen bildungsbenachteiligter Jugendlicher in den Arbeitsmarkt. Eine seiner zentralen Erkenntnisse: "Die Jugendlichen können sich auch unter sehr unsicheren Bedingungen ein gewisses Arbeitsethos, eine Art Erinnerung an mittelständische Normen erhalten - sofern sie über entsprechende Vorbilder verfügen."

Wie zum Beispiel Georg, der als Kind mit seinen Eltern von Rumänien nach Österreich kam. Da er für seinen Wunschberuf Mechaniker keine Lehrstelle fand, wich er zunächst auf Kfz-Lackierer aus, kündigte nach der Lehre jedoch aus gesundheitlichen Gründen. Dem kurzen Intermezzo als Paketzusteller folgte der Berufswunsch Fernfahrer. Die Zeit bis zum dafür erforderlichen Alter von 21 überbrückte er mit prekären Jobs in der Grauzone zwischen Privatverkäufen und neuer Selbstständigkeit.

Schlechte Bedingungen

"Häufig weichen die Wunschberufe der Jugendlichen unsicheren, unterbezahlten Jobs im unteren Dienstleistungssegment", sagt Gilles Reckinger. "Für die Aufrechterhaltung ihrer Identität unter diesen Bedingungen ist die Bindung an den ursprünglich angepeilten Beruf aber noch immer zentral, auch wenn die Jugendlichen ihre Ziele nur mehr umkreisen und sie nicht mehr erreichen können."

Fazit der Studie: Ihre strukturelle Benachteiligung können die meisten dieser Jugendlichen trotz ihres Bemühens um Zukunftsstrategien nicht überwinden. "Oft wird sie sogar noch verstärkt, indem die jungen Menschen in die Rolle des handlungsmächtigen Akteurs schlüpfen, Arbeitslosigkeit als Arbeitsverweigerung deklarieren oder unsichere Beschäftigungsverhältnisse in Jobs ohne Bindung und Verantwortung uminterpretieren bzw. überhaupt in die Illegalität abrutschen", erklärt Reckinger.

Ihre Strategien zeugen von einer paradoxen Sozialisation in eine völlig ungeklärte soziale Position. Diese neue "Schicht des Prekariats" besitze zwar keine gemeinsame Kultur, doch in ihr spiegeln sich makrogesellschaftliche Entwicklungen wider: die Auflösung arbeitsrechtlicher Grundsicherung zugunsten von McJobs, Risiko und Spekulation als Alternative zur klassischen Lohnarbeit. Ein Phänomen, das sich allein aufgrund seiner wachsenden Verbreitung nicht mehr gut unter den politischen Teppich kehren lässt. (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 14.07.2010)

 


Wissen

Eine Stimme für die Unterprivilegierten

1993 erschien die große Sozialstudie Das Elend der Welt des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, dessen neues Konzept zur Erfassung sozialer Ungleichheiten international auf größtes Interesse stieß. "Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen!" ist das Credo dieser wegweisenden Untersuchung über Formen und Ursachen des Leidens in und an einer von Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau und zunehmender Deregulierung von Wirtschaft und Arbeitswelt geprägten Gesellschaft. Indem darin Menschen zu Wort kommen, die sonst kaum Gehör finden, entstand ein detailliertes Bild der französischen Gegenwartsgesellschaft aus der Perspektive der Unterprivilegierten. (grido)

Kommentar posten
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gabi stockmann
 
00
20.7.2010, 20:30
moderne arbeitswelt - buchprojekt

dumpinglöhne? scheinselbständig? freier mitarbeiter= falls jemand möcht, ich such noch interviewpartnerInnen mit erfahrungen in der modernen prekären arbeitswelt
http://gast.adaxas.net/wordpress... 3/30/4111/

Shaman141
 
00
17.7.2010, 14:00
...

leider betrifft diese situation schon lange nicht mehr nur die "sozial benachteiligte unterschicht", sondern auch gut ausgebildete junge leute, auch mit uni-abschluss! das phänomen mcjobs ist ubiquitär und beutet junge menschen aus allen sozialen,- und bildungsschichten gleichermassen gut! feste anstellungen sind mittlerweile rar- sie kommen zu teuer!

Ihr Psüchiater
31
14.7.2010, 19:10

Eine Mindestsicherung wird diese Zustände zementieren. Selbst ein Clinton war sich dessen bewusst.

tante kommunismus
11
15.7.2010, 00:52
du meinst

diese "zustände" werden besser, wenn man die menschen hungern lässt?

Fleischsack aus größtenteils Wasser
23
15.7.2010, 08:37

Immer diese Extreme... die Mindestsicherung ist Müll, siehe H4 in Deutschland. Damit züchtet man eine Unterschicht, die auf Generationen von der Staatszitze abhängig ist.

Aktive Arbeitslose
00
17.7.2010, 14:42

Korrekt, siehe unsere detaillierte Kritik unter http://www.aktive-arbeitslose.at

Die Minisicherung raubt den Menschen mit ihren bürokratischen Schikanen (AMS-Zwangsmassnahmen) den letzten Rest an Eigenständigkeit und ist mit den Grundwerten einer Demokratie bzw. den Menschenrechten nicht vereinbar.

Fragt sich nur, was sind die Alternativen? Die Menschen verhungern lassen am "freien Markt" der Herrschaft des KAOITALS (= alles andere als echte Freiheit) sicher nicht!

tante kommunismus
00
20.7.2010, 00:31
rur mir leid

die vorposter meinen das anders

tante kommunismus
00
15.7.2010, 13:31

und was würden Sie vorschlagen? mit clinton ist doch das hungern-stichwort gefallen. die unterschicht wird übrigens durch die erfolge der unternehmen gezüchtet, die im zuge von rationalisierungen immer mehr menschen auf die müllhalde werfen.
http://is.gd/dsQYo

Aktive Arbeitslose
00
19.7.2010, 19:30

Die Menschen nicht mit sinnlosen AMS-Zwangsmassnahmen zu schikanieren und dieses Geld in sinnvolle Projekte stecken, wo die Teilnahme freiwillig ist, wäre sicher sinnvoller als die Schikanen bei der Minisicherung.

tante kommunismus
00
20.7.2010, 00:31
alles hat seinen grund

Globetrotter1
34
14.7.2010, 18:23
Dass Kinder aus bildungsfernen Schichten selten eine hohe Bildung erreichen...

...liegt mMn nur zum Teil am Geld (bspw. fehlende Nachhilfe). Das Hauptproblem sehe ich einfach dabei, dass den Kindern nicht der hohe WERT der Bildung vermittelt wird.

Für Kinder aus bildungsnahen Schichten ist es eher "normaler" zu studieren, als für jene, deren Eltern nicht dieses Vorbild vorgelebt haben.
Natürlich ist ein Studium teuer, in Österreich gibt es dank einem sehr guten Stipendiensystem zum Glück kaum Fälle, bei denen man sagen kann, dass für diese ein Studium finanziell absolut UNMÖGLICH gewesen wäre.

emil grom
42
14.7.2010, 17:51
tante kommunismus

tauch hier ja jetzt öfter als weltverbesserin auf, ist ja wie onkel faschismus oder?
ich meine die abermillionen ermordeten der gutmeinenden kommunisten - da gibts gratis medizin und a bissl was zum essen für alle, alte autos wie in cuba - und halt viele tote die nicht so denken wie wir.
(Massenmörder wie lenin, stalin, pol pot, mao ...a bissl leute erschiessen mit che g...)
und im namen dieser sehr ungesunden ideologie wollen sie uns erklären wie.......???? was???

tante kommunismus
00
14.7.2010, 19:20
ab hier zig kommentare

abwärts:
http://derstandard.at/plink/127... 6/17427489

mehr hab ich dazu nicht zu sagen.

Funk1
313
14.7.2010, 15:38
also der neoliberalismus ist schuld wenn jugendliche ihre lehre abbrechen

.....

DEFENSOR
311
14.7.2010, 15:40
Der

und der Schüssel.

gistof
13
14.7.2010, 17:14
Klimawandel nicht zu vergessen

stefan81
12
14.7.2010, 18:44

ja, und an dem ist auch wieder der schüssel schuld. so schließt sich der kreis! :)

DEFENSOR
22
14.7.2010, 15:10
Und diese MigrantInnen zahlen nach linker Meinung dann unsere Pensionen

und deshalb verlangen die Linken mehr Zuwanderung?
Perverse Logik.

beethovenfries
00
14.7.2010, 18:41

Sie haben den Teil überlesen, in dem steht, dass Migranten der ersten Generation hohen Leistungswillen haben.

worry1
02
14.7.2010, 17:19
Du scheinst überhaupt nichts mitzubekommen

Immer wenn es um Zuwanderung geht ist es die Wirtschaft, die unbedingt Arbeitskräfte aus dem Ausland will und diese Manager sind sicher nicht links.
Hier geht es darum niemanden ausbilden zu müssen und durch viele Arbeitslose weniger zahlen zu müssen und die Arbeitnehmer unter Druck zu setzen.

tante kommunismus
23
14.7.2010, 15:39
und deshalb verlangen die Linken mehr Zuwanderung?

lol, das kapital verlangt das - wie schon einmal, als die löhne stiegen in den 1960ern. weil das geht ja gar nicht, dass löhne steigen, wenn arbeitskräfte knapp ....

aktuell verlangen sie
6-monats-lohnsklaven:
http://derstandard.at/plink/127... 1/17422640

Für eine Welt ohne Tofu!
10
14.7.2010, 17:09
Darum ist es ja so skurril...

...dass die "Linke" mehr Einwanderer will, OBWOHL NUR die Industrie davon profitiert, und vor allem die schlecht Ausgebildeten die Zeche zahlen.

Aber mit der Erfindung des politisch korrekten Multikulti hat bei der "Linken" (deshalb die Anführungszeichen) leider das Denken abgestellt.

tante kommunismus
10
14.7.2010, 19:28
nochmal

die industrie will mehr migrantische arbeitskräfte. nicht die "linke". wer soll das überhaupt sein? die "linke" will wenn dann nen menschlichen umgang mit menschen migrantischer herkunft. das ist ganz was anderes.

"Aber mit der Erfindung des politisch korrekten Multikulti"

ja, dem kapital und so affirmativen heinis wie dir wäre es lieber, die migranten müssten in containern hausen und würden nach erledigung der drecksarbeit zu nem billigstlohn wieder abgeschoben werden.

warp.faktor
319
14.7.2010, 14:28
Das Prekariat sind wir alle!

Die Jugendlichen.

Ganz gleich welcher Herkunft. Sie bekommen weder die Jobs, noch die Löhne, noch die arbeitsrechtliche und soziale Sicherheit ihrer Eltern.

Die Intellektuellen.

Für sie ist im neoliberalen Wettbewerb keinen Platz. Wer Menschen zum Nachdenken bringt ist eine Gefahr für das System. Deutlich z.B. am Abbau von Redaktionen. Homestorys staat Hintergrundbericht.

Die Jobwechsler.

Wer heute den Job wechseln muss, bekommt zu 75% einen Schlechteren als zuvor. Weniger Lohn, mehr Druck, Ellbogen statt Teamgeist. Kaum Aufstieg

Die unter 50 Jährigen.

Jene die nichts mehr von den Übergangsfristen der heutigen Politikergeneration haben, aber Niedriglohnjobs, Mietwucher und Sozialabbau voll abbekommen und den Unternehme "zu alt" sind.

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