Die Fußballwelt wird von einem mächtigen, strengen, oberlehrer- und gönnerhaften Gottmenschen beherrscht. Eine Audienz
Die Sitzung mit jenem Gott-Drittel, das Fleisch geworden ist und unter uns wohnt, beginnt mit einer Erleuchtung. Die Scheinwerfer, die auf das Podium für die „2010 FIFA World Cup wrap-up press conference“ gerichtet sind, strahlen all zu grell. Dann beginnt der Heiland in einem Gebetsraum des Sandton Convention Center zu sprechen: „Es ist der Tag nach Match 64 des FIFA World Cups, der erstmals auf dem afrikanischen Kontinent gespielt wurde, ganz genau in der Republik Südafrika.“
Der Messias bedankt sich daraufhin bei den Damen und Herren aus dem Medienbereich für ihr Erscheinen. Es folgen Komplimente an Südafrika und seine Bevölkerung: „Es ist eine Frage von Vertrauen und Zuversicht. Wir haben Südafrika vertraut. Sie können stolz sein. Sie können so stolz sein. Wir, die FIFA, sind zufrieden. Der Nutzen und die Komplimente aber gehen an Südafrika, nicht an die FIFA.“
Es scheint fast, als würde der Heiland gleich psalmisch über den Dienst seiner Schäfchen zu frohlocken beginnen, aber dann vergibt er doch „nur“ neun von zehn Punkten für die gesamte WM-Performance. „Auf Universitätsniveau wäre das ein Doktorat summa cum laude.“ Gönner- und oberlehrerhaft fragt er ins Publikum: „Seid ihr zufrieden mit neun?“ Betretenes Schweigen.
"Das ist Fußball - das ist der menschliche Aspekt"
Nachdem der Heiland seine Bergpredigt beendet hat, dürfen auch drei afrikanische Bischöfe kurz bilanzieren. Isaa Hayatou, Kardinal des afrikanischen UEFA-Pendants CAF, Irivn „Iron Duke“ Khoza, der Oberbischof des Local Organising Comitee (LOC), sowie Danny Jordaan, der ausübende Bischof des LOC.
Als das gemeine Fußvolk Fragen stellen darf, richten sich alle, bis auf eine komplett nebensächliche, an den Gottmenschen. Von Anfang an wollen die Herolde immer wieder wissen, wie das jetzt mit den Schiedsrichtern weiter gehen solle. Der Heiland ist fröhlich gesinnt heute, das betont er auch dauernd, und er stellt bei diesem verzwickten Thema, das sich ähnlich wie jenes der jungfräulichen Empfängnis gebärdet, eines klar: „Ich fühle mich geehrt, dass mir dieses technische Wissen zugetraut wird und ich ohne Hilfe von Experten eine solche Entscheidung fällen könnte.“ Zum Schluss des Themas greift der Gottmensch auf einen Glaubenssatz zurück: „Das ist Fußball – das ist der menschliche Aspekt.“
Wein- und Katerstimmung
Auch der Heiland selbst ist nicht unfehlbar. Bei der Gratulation an den Weltmeister parliert er etwas über die „Rioja“ statt „Furia Roja“– ist aber verständlich, immerhin hat er in den vergangenen Wochen und Monaten genug Wasser in Wein verwandelt, den Ertrag dafür in große Taschen gepackt und in sein Heimatrevier geschafft. Bleibt nur zu hoffen, dass die Menschen in Südafrika nicht draufkommen, dass man von diesem Rebentröpferl auch nur einen ganz normalen Rausch kriegt, von dem man irgendwann mit Kopfweh und Kater erwacht.
Aber dafür hat man sich etwas über Generationen hinweg zu erzählen, sofern man sich erinnern kann. Etwa daran, dass der Gesalbte und sein neuer Freund, der polygame Präsident von Südafrika, bei ihrem Stadionauftritt vor dem Finale ausgebuht worden sind. Aber der Messias hat das gar nicht mitbekommen: „Ich habe nur weniger Vuvuzelas als sonst vernommen. Als ich das Spielfeld betreten habe, war das ein großartiger Moment.“
"Man lernt auch zu verlieren"
Eine Absolution wollte der Heiland aber nicht erteilen. Anfrage: Ob er eine nachträgliche Entschuldigung an die Menschen aus Irland für das irreguläre Thierry Henry-Tor im WM-Quali-Playoff gegen Frankreich aussprechen wolle. Vor allem weil er dies ja während der WM bei England wegen des nicht gegebenen Treffers gegen Deutschland gemacht habe.
Beim ersten Mal überhört der Messias die Frage, beim zweiten Mal sagt er dann streng auf Englisch: „Listen!“, um nach einem Ausredenslalom endlich zum Punkt zu kommen: „Fußball ist eine Schule des Lebens, man lernt Disziplin und Respekt. Und man lernt auch zu verlieren.“ Mit dieser Botschaft macht sich der Gesalbte nun auf, um als nächstes das gelobte Land des Weltfußballs mit seinem Heil zu segnen. In vier Jahren wird er in Brasilien sicher wieder eine selbstgefällige und selbstdarstellerische Audienz geben.