Nur milde Schelte für die Spitze der israelischen Armee

12. Juli 2010, 18:41
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"Es hat keine Pannen oder Fahrlässigkeiten in irgendeinem wesentlichen Bereich der komplexen Operation gegeben"

Der israelische Bericht, der das militärische Vorgehen bei der Konfrontation mit der "Gaza-Freiheitsflotte" am 31. Mai untersucht, bemängelt Fehler bei der Planung, nicht aber bei der Durchführung der Operation.

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Milder als erwartet fiel die Kritik an der Armeeführung in einer ersten israelischen Untersuchung der Konfrontation mit der "Gaza-Freiheitsflotte" am 31. Mai aus. Der rund 150 Seiten starke Bericht einer Kommission unter Reservegeneral Giora Eiland wurde am Montag teilweise veröffentlicht, nachdem er Politikern und Militärs vorgelegt worden war.

"Es hat keine Pannen oder Fahrlässigkeiten in irgendeinem wesentlichen Bereich der komplexen Operation gegeben", sagte Eiland bei einer Pressekonferenz, "andrerseits gab es folgenschwere Fehler bei Entscheidungen relativ hoher Dienstränge, die zu dem unerwünschten Ergebnis geführt haben." Im Vorfeld der Veröffentlichung hatten israelische Medien zwar nicht mit ausdrücklichen Rücktrittsempfehlungen gerechnet. Es galt aber als möglich, dass der Bericht für Marine-Kommandeur Elieser Marom oder sogar Generalstabschef Gabi Aschkenasi äußerst peinlich werden könnte.

Von der israelischen Regierung ist separat eine zivile Kommission mit zwei internationalen Beobachtern eingesetzt worden, die die rechtlichen Aspekte der Blockade des Gazastreifens und der Schiffsenterung in internationalen Gewässern prüfen soll. Das Mandat der von der Armee eingesetzten Eiland-Kommission betraf nur das militärische Vorgehen bei der Aktion, bei der neun türkische Aktivisten erschossen wurden.

Nicht mit Kampf gerechnet

Der Bericht beanstandete Mängel bei der nachrichtendienstlichen Bewertung, Planung und Vorbereitung. Man habe sich davon überraschen lassen, dass einige der rund 600 Aktivisten auf der türkischen "Mavi Marmara" die sich von Hubschraubern abseilenden Soldaten attackierten, und keine Alternativpläne parat gehabt. Nach dem Zwischenfall hatte es aus Armeekreisen geheißen, die Soldaten hätten bloß Paintball-Gewehre zur Abschreckung sowie Pistolen zur Selbstverteidigung mitgeführt, weil sie nicht damit rechneten, in Kampfhandlungen verwickelt zu werden.

Nach wie vor ungewiss war gestern, ob es um die unter moldauischer Flagge fahrende "Amalthea" zu einer weiteren Konfrontation auf dem Meer kommen würde. Gründer des libyschen Fonds, der das in "El-Amal" umgetaufte Schiff mit 2000 Tonnen an Hilfsgütern aus einem griechischen Hafen in Richtung Gazastreifen losgeschickt hatte, ist Saif al-Islam Gaddafi, ein Sohn des libyschen Machthabers. Den Organisatoren zufolge handelt es sich um eine "humanitäre Mission", doch Israels Außenminister Avigdor Lieberman sprach gestern von einer "Provokation netto" - "was immer passieren wird, das Schiff wird Gaza nicht erreichen", so Lieberman.

Die arabischsprachige Zeitung Asharq Alawsat wurde mit der Meldung zitiert, die libyschen Behörden wollten verhindern, dass Gaddafi junior selbst das Schiff besteigt. In Gaza rechnete man mit weiteren Versuchen, die See-Blockade zu durchbrechen: "Heute endet die Beschäftigung der Welt mit der Fußball-WM", sagte Hamas-Funktionär Achmed Jussef, "und dann wird, so Gott will, wieder die Intifada der Schiffe ausbrechen". (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2010)

  • Der israelische Premier Benjamin Netanjahu bei einer Kabinettssitzung: Der erste Bericht zur Gaza-Schiffsaffäre liegt vor.
    foto: ap/sinai

    Der israelische Premier Benjamin Netanjahu bei einer Kabinettssitzung: Der erste Bericht zur Gaza-Schiffsaffäre liegt vor.

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