Die Niederlande haben nicht nur das WM-Finale verloren. Nach der erbärmlichen Holzerei beim 0:1 gegen Spanien wird niemand auf der Welt mehr mit der bisherigen Hochachtung von der Elftal reden
Johannesburg/Wien - Was die Elftal da gezeigt hat im WM-Finale zu Johannesburg, war von einer Erbärmlichkeit, die Seinesgleichen sucht in der Fußballgeschichte. Bert van Marwijks Mannschaft, von der stets mit großem Respekt gesprochen wurde, hat den Ruf des holländischen Fußballs auf viele Jahre hinaus zerstört.
Selbst die Zeitung de Volkskrant attestierte dem Team zwar "eine unnachahmliche Aneinanderreihung von Raritäten, Aufbäumen, Charakter, Widerstandskraft" , konnte das aber eben nur, indem sie die Aufzählung wahrheitsgemäß um das "manchmal auch niederträchtige Spiel" ergänzte.
Die Niedertracht endete nicht mit dem Schlusspfiff. Kaum hatte der Engländer Howard Webb die Partie beendet, fielen die Holländer schon über ihn her. Wesley Sneijder, ein Begnadeter an sich, delirierte, Webb sei "eine Schande für den Fußball" . Der Bonds-coach verstieg sich zu der Aussage: "Der Mann war aufseiten Spaniens." Kein Wort verlor Van Marwijk über die eigene, von ihm ausgeheckte Spielweise, welche die ballesterische Rede vom "Wehtun" ins Wortwörtliche übertragen hatte. Und das eben war die Niedertracht.
Schon bei schlechten Mannschaften ist es unerträglich, wenn sie stets "einen Schritt zu spät kommt" . Bei diesen Holländern, die ja wahrlich keine schlechten Kicker sind, schien es Konzept.
Hollands Mittelfeldspieler versuchten gar nicht, die Passwege zuzustellen und die Ballannahme zu stören. Sie schienen, im Gegenteil, auf die Gelegenheit zu warten, in den Mann zu steigen. Und taten das auch, um Howard Webb auszutesten, gleich in der ersten halben Stunde, in der kein Schiedsrichter der Welt gerne zur Roten greift.
Hollands Doppelsechs, Mark van Bommel und Nigel de Jong, hätte spätestens zur Pause in der Kabine sein müssen, waren es aber nicht. Ein Umstand freilich, der sich der Niedertracht verdankt. Und weniger dem Schiedsrichter, der mit solch einer ja eigentlich gar nicht rechnen darf. Weil er vom Willen, Fußball zu spielen, auszugehen hat.
Vor allem van Bommel gebärdete sich aber so, dass eine nachträgliche Sperre sehr gerechtfertigt erschiene. Nicht nur, aber auch, weil sein Opfer, Iniesta, gegen Ende eine Revanchefoul-Rote hätte sehen müssen, weil ihm irgendwann der Kragen platzte. Das war schlichte Provokation. Unwürdig. Niederträchtig halt.
1974 und '78 unter Bondscoach Ernst Happel hatten die Niederlande im WM-Finale auch verloren. Aber dafür jeweils hohen Respekt gewonnen. Weil sie - Titel hin, Titel her - den ballesterischen Himmel zu berühren schienen. Diesmal haben sie alles verloren:Titel und Respekt.
"Vielleicht bedauerlich"
Bert van Marwijk klingt wie ein heimischer Politiker, wenn er sagt: "Wir bevorzugen schönen Fußball. Aber heute haben wir wie die anderen Fouls gemacht, das ist in einem Finale vielleicht bedauerlich." 28:19 endete diesbezüglich die Partie für Holland. 9:5 in gelben Karten, 1:0 in gelb-roten. De Volkskrant resümierte mit einem bemerkenswerten Einerseits-Andererseits: "Der Bondscoach darf stolz sein, obwohl eine Rückkehr zu einer reineren Form des Fußballs ratsam scheint." Der Zeitung Wort in Gottes Ohr. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 13. Juli 2010)