Europameister Spanien darf sich erstmals Weltmeister nennen - Das spanische Team, die Furia roja, brachte Millionen Spanier zum Singen: "Yo soy español." Wirklich geeint ist Spanien aber noch lange nicht
Johannesburg/Madrid - Dieser eine Satz war Andrés Iniesta eine gelbe Karte wert. "Dani Jarque siempre con nostros." Nach seinem Tor zum 1:0 in der 116. Minute riss er sich das Leiberl herunter. Der Satz auf dem Unterleiberl erinnerte an den im Vorjahr während eines Telefonats mit seiner Lebensgefährtin verstorbenen Kapitän von Espanyol Barcelona, der ein enger Freund gewesen ist von Iniesta.
Iniestas spätes Tor bescherte Spanien gegen beinahe gemeingefährlich tretende Niederländer den ersten WM-Titel der Geschichte. Entsprechend ausgelassen war die Stimmung in der Kabine. Königin Sofia, die zuletzt den nackten Carles Puyol überrascht hatte, mischte sich neuerlich darein. Und mit ihr feierten Kronprinz Felipe und seine Letizia, Startenor Plácido Domingo und Tennis-Größe Rafael Nadal. Und alle waren sie mit dem Trainer, Vicente del Bosque, einer Meinung. "Das geht" , meinte der, "über den Sport hinaus."
Na ja, vielleicht. Am Sonntagabend hatten noch jene gestrigen mitgeredet, die sich immer noch gegen die Schimäre einer imaginierten Franco-Diktatur zu Wehr setzen wollen. Sowohl in Katalonien als auch im Baskenland, wo man traditionell die spanische Selección für einen Madrider Unterdrückungsmechanismus hält, gab es Ausschreitungen und Übergriffe auf feiernde Fans. Dabei steht gerade diese Selección für etwas ganz anderes. Der einstige Real-Trainer del Bosque hat Barcelona ins Spanische implementiert. Wenigstens fußballerisch.
Politisch scheint sich die Sache auf Lega-Nord-Weise zuzuspitzen. Am Samstag demonstrierten Hunderttausende in Barcelona für die katalanische Eigenständigkeit. Denen aber sangen am Sonntag wohl Millionen anderer ordentlich die Leviten: "Yo soy español, español, español!"
Ob Jaume Marquet i Cot der einen oder anderen Richtung zuzuzählen ist, kann nicht endgültig entschieden werden. Am Sonntagabend wollte er, der sich Jimmy Jumper nennt, in Johannesburg dem WM-Pokal vorm Match eine Katalanen-Mütze überstülpen. Die Fifa-Regie blendete beinhart weg, Sicherheitsleute stoppten den Flitzer einen Meter vor dem Objekt der Begierde. Jimmy Jumper sieht in Aktionen wie diesen, durch die er sich schon einiges Renommee erlaufen hat, eine Möglichkeit, "die Leute zum Schmunzeln zu bringen" .
Die "Yo soy español" -Spanier werden diese Möglichkeit nicht brauchen. Am Montag landete die Selección etwas übernachtig in Madrid. Geschätzte 25 Millionen Landsleute haben es den Kickern nachgemacht und sich ebenfalls die Nacht um die Ohren geschlagen. Und weil der Erfolg der Furia roja, der Roten Furie, eben nicht nur ein ballesterischer war, mussten die Spieler in all ihrer schönen Übernachtigkeit gleich zum König. Juan Carlos, dessen Pflicht es von Anfang an ja war, ein Spanier zu sein und sonst nichts, lud zur Audienz. Dann ging es im offenen Bus durch Madrid. Und die Hauptstadt des Weltmeisters bereitete sich vor auf eine zweite lange Nacht. (APA, wei, DER STANDARD Printausgabe, 13.7.2010)