Jahrtausendealte Verflechtung von Kulturen und Nationalitäten, die in die Zukunft wirken soll
Wenn eine "europäische Kulturhauptstadt" Sinn macht, dann im südungarischen Pécs (Fünfkirchen).
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Pécs/Wien - Es war die Moschee des Paschas Ghazi Kassim - bis zum Oktober 1686. Damals wurde Pécs nach knapp eineinhalb Jahrhunderten osmanischer Herrschaft von kaiserlich-habsburgischen Truppen wiedererobert, drei Jahre nach dem Entsatz Wiens von den Türken. Heute ist es die nördlichste erhalten gebliebene Moschee. Vor der Osmanenzeit war es eine katholische Kirche, danach wurde es wieder eine.
Als katholische Stadtpfarrkirche überragt die einstige Moschee den zentralen Széchenyi-Platz von Pécs. Über der Kuppel prangt das Kreuz, darunter der Halbmond. Fast könnte man von einer harmonischen Symbiose sprechen. Ein stimmigeres Symbol für Europas auch islamisches Erbe - und für die aktuelle Herausforderung durch seine wachsende muslimische Bevölkerung - lässt sich kaum denken.
In der Konkurrenz mit den beiden anderen europäischen Kulturhauptstädten 2010, Essen und Istanbul, hatte es die südungarische Metropole bisher recht schwer, auch deshalb, weil viele Renovierungsarbeiten und Neubauten budgetbedingt noch immer nicht abgeschlossen sind. Und dennoch: Erst durch dieses geschichtsträchtige "Bindeglied" zwischen Okzident und Orient (es liegt ziemlich genau in der Mitte der Luftlinie) machen Essen und Istanbul als gemeinsame Kulturhauptstädte Sinn.
Aber auch für sich allein genommen verdient Pécs den Titel wie kaum eine andere europäische Stadt. Alle großen europäischen Entwicklungen spiegeln sich in der Stadtgeschichte wider, wie die Buchautoren Harald Roth und Konrad Gündisch darlegen. Und natürlich in der Architektur. Den ersten Hinweis auf den deutschen Namen Fünfkirchen gibt es in einer Schrift aus dem Jahr 870, als Pécs unter bajuwarischer Herrschaft stand: "ad quinque basilicas" , zu den fünf Basiliken. Der ungarische Name taucht erstmals 1235 auf. Er könnte wiederum vom slawischen "pet" (fünf) stammen, aber das ist nicht gesichert.
Neun anerkannte nationale Minderheiten leben in Pécs und der Region, dem Komitat Baranya: Kroaten, Serben, Bulgaren, Griechen, Polen, Ruthenen, Ukrainer, Deutsche und Roma. Alle haben Selbstverwaltungsorgane, die alle vier Jahre neu gewählt werden. Das Verhältnis untereinander ist gut. "Wir sitzen immer zusammen" , berichtet Gábor Frank, Vorsitzender der deutschen Selbstverwaltung und Direktor des deutsch-ungarischen Gymnasiums. Wir sitzen im Restaurant "Kaiserkeller" unterhalb des viertürmigen Domes. Das war einmal die erste ungarische Sektkellerei, der Franz Joseph I. bei der Eröffnung die Ehre gab.
Einziges Roma-Gymnasium
Mit seinen rund 150.000 Einwohnern hat Pécs fünf zweisprachige Gymnasien - und das weltweit einzige Roma-Gymnasium. Die Schule, in der nur in der Minderheiten-Sprache unterrichtet wird, trägt den Namen von Mahatma Gandhi. Márton Méhes, in der Vorbereitungszeit künstlerischer Programmdirektor von Pécs und heute Chef des Collegium Hungaricum in Wien, spricht von "positiver Diskriminierung" . Ziel ist es, eine Roma-Elite zu fördern, die dazu beitragen soll, die Lage der Minderheit von innen heraus zu verbessern.
Eine Bildungsmetropole war Pécs schon immer. 1367 wurde hier die erste ungarische Universität gegründet. Heute gibt es an der medizinischen Fakultät eine komplette Ausbildung auch in deutscher und englischer Sprache. Rund 1200 Ausländer nehmen das Angebot an, was dem Wohnungsmarkt und der städtischen Gastronomie zugute kommt. "Es ist fast schon eine Industrie" , meint Zoltán Furák, Vertreter des regionalen Tourismusamtes.
Für die universitäre Sommerpause muss er sich keine Sorgen machen. Derzeit läuft im Kulturhauptstadt-Programm unter anderem das Zirkus- und Straßentheater-Festival mit Gruppen aus Europa und Lateinamerika (bis 25.7.).
(Josef Kirchengast, DER STANDARD/Printausgabe, 13.07.2010)
Kreuz und Halbmond über dem zentralen Széchenyi-Platz von Pécs. Am Straßentheater-Festival nimmt auch die argentinische Grupo Puja teil (u.).
Fotos: APA/Huber-Lang, Grupo Puja