Die unverbrüchliche Solidarität in einer Extremsituation und die Fähigkeit, sich zu befreien
Im Vergleich der beiden Pass-Netzwerke des WM-Finales drückt sich das
spielerische Ungleichgewicht deutlich aus: Hier das gewohnt dichte
Beziehungsgeflecht der Spanier, dort der reaktive Minimalismus der
Holländer. Das Aufeinandertreffen zweier so unterschiedlicher
Spielkulturen hätte unter weniger erhitzten Umständen Raum für einen
spannenden ballesterischen Schlagabtausch bieten können. Die Schläge und
Tritte aber, welche die Holländer den Spaniern für den Affront
spielerischer Überlegenheit verpassten, erstickten das Entstehen eines
kontinuierlichen Spielflusses im Keim. Selbst dem sonst so robusten
Netzwerk der Spanier merkt man eine gewisse diffuse Gedrücktheit bzw.
Fahrigkeit an. Dennoch wäre wohl kein anderes Team derzeit in der Lage,
eine derart destruktive Spielweise wie jene der Holländer zu überstehen.
Die immerwährende Gegenseitigkeit zwischen Xavi und Iniesta etwa nimmt
sich unter dieser Perspektive als unverbrüchliche Solidarität in einer
psychischen wie physischen Extremsituation aus.
Die buchstäbliche
Eingespieltheit des Teams war denn auch der Schlüssel zum WM-Titel:
Abgesehen von der Eröffnungsniederlage gegen die Schweiz entfaltete sich
das iberische Ensemble in jeder Begegnung als spielmachendes Kollektiv,
das sich gegenüber den Anfechtungen der gegnerischen
Überwindungsstrategien unantastbar erweist. Was diesem WM-Triumph an
spielerischem Glanz gefehlt haben mag, wurde durch die dazugewonnene
Fähigkeit kompensiert, sich aus gegensätzlichen und zuweilen scheinbar
unmöglichen Konfrontationen zu befreien: sei es der ambitionierte
Versuch der Chilenen, die Spanier in die Defensive zu zwingen, sei es
das präzise Pressing der Paraguayer oder aber die grenzwertige
körperliche Aggressivität der Holländer. Von der im Turnierverlauf zu
beobachtenden niederländischen Beständigkeit bleibt im Netzwerk des
Finales nicht viel über. (Helmut Neundlinger, DER STANDARD Printausgabe,
13.7.2010)
DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE
1. Stekelenburg-Mathijsen15
2. Sneijder-Robben13
3. Van Bronckhorst-Kuyt12
4. Van Bommel-Van Persie9
4. Heitinga-Van Bommel9
4. Van der Wiel-Robben9
4. Van Persie-Sneijder9
4. Van Bronckhorst-Van Persie9
9. Van der Wiel-Stekelenburg8
9. Heitinga-Robben8
9. Van der Wiel-Van Bommel8
12. Mathijsen-Stekelenburg7
12. De Jong-Sneijder7
12. Van Persie-Robben7
12. Stekelenburg-Robben7
12. Sneijder-Van Persie7
SCHLÜSSELSPIELER*
1. Sneijder92 (43/49)
2. Van Persie88 (27/61)
3. Robben85 (26/59)
4. Mathijsen71 (42/29)
5. Stekelenburg69 (45/24)
6. Van Bommel68 (39/29)
6. Van der Wiel68 (40/28)
8. Kuyt59 (21/38)
9. Heitinga56 (35/21)
10. De Jong52 (31/21)
11. Van Bronckhorst45 (29/16)
*Gegebene und angenommene Pässe
ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT
1. De Jong93,55 (29 von 31)
2. Van der Vaart90,00 ( 9 von 10)
3. Van Persie85,19 (23 von 27)
4. Van der Wiel85,00 (34 von 40)
5. Sneijder83,72 (36 von 43)
6. Kuyt76,19 (16 von 21)
7. Van Bommel74,36 (29 von 39)
DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE
1. Capdevila-Iniesta20
2. Iniesta-Xavi19
3. Busquets-Xavi15
4. Xabi Alonso-Iniesta14
4. Xavi-Iniesta14
4. Xavi-Puyol14
7. Puyol-Xavi13
7. Xavi-Villa13
7. Xavi-Pique13
7. Xavi-Ramos13
7. Capdevila-Xavi13
12. Ramos-Xavi12
12. Xavi-Busquets12
14. Iniesta-Capdevila11
14. Fabregas-Iniesta11
14. Puyol-Capdevila11
SCHLÜSSELSPIELER*
1. Xavi224 (112/112)
2. Iniesta153 ( 65/ 88)
3. Busquets139 ( 74/ 65)
4. Capdevila120 ( 70/ 50)
5. Puyol110 ( 59/ 51)
6. Ramos108 ( 62/ 46)
7. Xabi Alonso103 ( 57/ 46)
8. Pique100 ( 56/ 44)
9. Villa75 ( 15/ 60)
10. Fabregas70 ( 36/ 34)
*Gegebene und angenommene Pässe
ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT
1. Fabregas97,22 ( 35 von 36)
2. Busquets95,95 ( 71 von 74)
3. Puyol91,53 ( 54 von 59)
4. Xavi90,18 (101 von 112)
5. Ramos88,71 ( 55 von 62)
6. Pique87,50 ( 49 von 56)
7. Capdevila84,29 ( 59 von 70)
8. Xabi Alonso84,21 ( 48 von 57)
Der Ansatz
Die Spielzüge werden aufgenommen und codiert. Der
Datensatz wird netzwerkanalytisch ausgewertet, das Ergebnis wird
interpretiert. In der Grafik werden die Ballwege zu den drei wichtigsten
Passpartnern verdeutlicht. Die Kreisgrößen ergeben sich aus den Summen
angekommener und abgegebener Pässe. (red)
Die Analytiker
FAS.research
mit Sitz in Wien und New York war schon bei der WM 2006 und der EURO
2008 im Einsatz und beobachtete exklusiv für den Standard die Endrunde
in Südafrika. Auch alle österreichischen Länderspiele werden analysiert.
Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Harald Katzmair. (red)
www.fas.at