Netzwerkanalyse: Das ist Spanien

12. Juli 2010, 18:39

Die unverbrüchliche Solidarität in einer Extremsituation und die Fähigkeit, sich zu befreien

Im Vergleich der beiden Pass-Netzwerke des WM-Finales drückt sich das spielerische Ungleichgewicht deutlich aus: Hier das gewohnt dichte Beziehungsgeflecht der Spanier, dort der reaktive Minimalismus der Holländer. Das Aufeinandertreffen zweier so unterschiedlicher Spielkulturen hätte unter weniger erhitzten Umständen Raum für einen spannenden ballesterischen Schlagabtausch bieten können. Die Schläge und Tritte aber, welche die Holländer den Spaniern für den Affront spielerischer Überlegenheit verpassten, erstickten das Entstehen eines kontinuierlichen Spielflusses im Keim. Selbst dem sonst so robusten Netzwerk der Spanier merkt man eine gewisse diffuse Gedrücktheit bzw. Fahrigkeit an. Dennoch wäre wohl kein anderes Team derzeit in der Lage, eine derart destruktive Spielweise wie jene der Holländer zu überstehen. Die immerwährende Gegenseitigkeit zwischen Xavi und Iniesta etwa nimmt sich unter dieser Perspektive als unverbrüchliche Solidarität in einer psychischen wie physischen Extremsituation aus.

Die buchstäbliche Eingespieltheit des Teams war denn auch der Schlüssel zum WM-Titel: Abgesehen von der Eröffnungsniederlage gegen die Schweiz entfaltete sich das iberische Ensemble in jeder Begegnung als spielmachendes Kollektiv, das sich gegenüber den Anfechtungen der gegnerischen Überwindungsstrategien unantastbar erweist. Was diesem WM-Triumph an spielerischem Glanz gefehlt haben mag, wurde durch die dazugewonnene Fähigkeit kompensiert, sich aus gegensätzlichen und zuweilen scheinbar unmöglichen Konfrontationen zu befreien: sei es der ambitionierte Versuch der Chilenen, die Spanier in die Defensive zu zwingen, sei es das präzise Pressing der Paraguayer oder aber die grenzwertige körperliche Aggressivität der Holländer. Von der im Turnierverlauf zu beobachtenden niederländischen Beständigkeit bleibt im Netzwerk des Finales nicht viel über. (Helmut Neundlinger, DER STANDARD Printausgabe, 13.7.2010)

DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE

1. Stekelenburg-Mathijsen15

2. Sneijder-Robben13

3. Van Bronckhorst-Kuyt12

4. Van Bommel-Van Persie9

4. Heitinga-Van Bommel9

4. Van der Wiel-Robben9

4. Van Persie-Sneijder9

4. Van Bronckhorst-Van Persie9

9. Van der Wiel-Stekelenburg8

9. Heitinga-Robben8

9. Van der Wiel-Van Bommel8

12. Mathijsen-Stekelenburg7

12. De Jong-Sneijder7

12. Van Persie-Robben7

12. Stekelenburg-Robben7

12. Sneijder-Van Persie7

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Sneijder92 (43/49)

2. Van Persie88 (27/61)

3. Robben85 (26/59)

4. Mathijsen71 (42/29)

5. Stekelenburg69 (45/24)

6. Van Bommel68 (39/29)

6. Van der Wiel68 (40/28)

8. Kuyt59 (21/38)

9. Heitinga56 (35/21)

10. De Jong52 (31/21)

11. Van Bronckhorst45 (29/16)

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. De Jong93,55 (29 von 31)

2. Van der Vaart90,00 ( 9 von 10)

3. Van Persie85,19 (23 von 27)

4. Van der Wiel85,00 (34 von 40)

5. Sneijder83,72 (36 von 43)

6. Kuyt76,19 (16 von 21)

7. Van Bommel74,36 (29 von 39)

DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE

1. Capdevila-Iniesta20

2. Iniesta-Xavi19

3. Busquets-Xavi15

4. Xabi Alonso-Iniesta14

4. Xavi-Iniesta14

4. Xavi-Puyol14

7. Puyol-Xavi13

7. Xavi-Villa13

7. Xavi-Pique13

7. Xavi-Ramos13

7. Capdevila-Xavi13

12. Ramos-Xavi12

12. Xavi-Busquets12

14. Iniesta-Capdevila11

14. Fabregas-Iniesta11

14. Puyol-Capdevila11

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Xavi224 (112/112)

2. Iniesta153 ( 65/ 88)

3. Busquets139 ( 74/ 65)

4. Capdevila120 ( 70/ 50)

5. Puyol110 ( 59/ 51)

6. Ramos108 ( 62/ 46)

7. Xabi Alonso103 ( 57/ 46)

8. Pique100 ( 56/ 44)

9. Villa75 ( 15/ 60)

10. Fabregas70 ( 36/ 34)

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. Fabregas97,22 ( 35 von 36)

2. Busquets95,95 ( 71 von 74)

3. Puyol91,53 ( 54 von 59)

4. Xavi90,18 (101 von 112)

5. Ramos88,71 ( 55 von 62)

6. Pique87,50 ( 49 von 56)

7. Capdevila84,29 ( 59 von 70)

8. Xabi Alonso84,21 ( 48 von 57)

Der Ansatz

Die Spielzüge werden aufgenommen und codiert. Der Datensatz wird netzwerkanalytisch ausgewertet, das Ergebnis wird interpretiert. In der Grafik werden die Ballwege zu den drei wichtigsten Passpartnern verdeutlicht. Die Kreisgrößen ergeben sich aus den Summen angekommener und abgegebener Pässe. (red)

Die Analytiker

FAS.research mit Sitz in Wien und New York war schon bei der WM 2006 und der EURO 2008 im Einsatz und beobachtete exklusiv für den Standard die Endrunde in Südafrika. Auch alle österreichischen Länderspiele werden analysiert.

Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Harald Katzmair. (red)

www.fas.at

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 76
1 2 3
1337 camp0r
00
14.7.2010, 10:39
ad netzwerkanalysen

ich kenn dem nicht viel abgewinnen. die analyse fördert nichts zu tage. dass xavi und inesta viel zu einander gepasst haben weiss man auch ohne den vielen pfeilen. was sieht man in der analyse was man im TV nicht auch mitbekommt? es erinnert mich an eine verwissenschaftlichichung um einen mehrwert vorzugaukeln.

Heartbreak Hotel
40
13.7.2010, 11:09

Was für ein unwürdiges Finale: Die Holländer hätten zur Pause nur noch zu neunt sein dürfen, und Spanien hat mehr Glück als Verstand gehabt, daß die zwei Robbenchancen keine Tore waren...Wie schade, daß die Deutschen gegen Spanien die Hosen voll gehabt haben und daß Brasilien sich von den Holländern zwei Tore aus Standardsituationen (!) machen haben lassen. Wenigstens ist nicht die vulgäre Tretermannschaft WM geworden, ähnlich 2006, als der vulgäre Gewalttäter nicht nocheinmal WM geworden ist.

Loyalist
62
13.7.2010, 00:46
Was nützten diese ganzen Analysen? Letztendlich entscheided der Schiri welche Mannschaft gewinnt!

Loyalist
01
13.7.2010, 10:16
Dann hast du die Spiele Deutschland-England und Argentinien-Mexico nicht gesehen, sonst wüsstest du ganz genau worüber ich schreibe.

Alfred Busenschauer
01
13.7.2010, 08:23

Leg dich wieder hin, wennst nix besseres beizutragen weißt!

Holland hatte 2x den Sieg am Fuß (davon liest man in den holländischen Foren komischerweise gar nix; warum nur?!) und kann sich glücklich schätzen zur Pause nicht zu 10t oder 9t in die Kabine zu marschieren. Aber die Schuld beim Schiedsrichter zu suchen war ja schon immer leichter.

dasandere
09
12.7.2010, 22:53
ramos gehört zu den unterschätzten

aber besten Defensivspielern überhaupt - ohne den wäre das spanische Spiel überhaupt nicht möglich. Das trifft sonst wohl nur auf Xavi zu...

utility
00
13.7.2010, 09:53

Stimmt, Ramos hat durchgehend überragende Leistungen geboten.

Dr. Seltsam
 
00
13.7.2010, 09:31

Ramos hat mir nicht immer gefallen. Aber in diesem Finale war er wirklich toll. Er führt zwar vielleicht nicht die ganz so feine Klinge, wie Inesta oder Xavi, aber er hat sowohl hinten, wie vorner Großes geleistet.

Neben den vielen Angriffen, in die er sich eingeschaltet hat, hat er auch Kuyt weitgehend neutralisiert.

Alfred Busenschauer
00
13.7.2010, 08:24

Volle Zustimmung. Der alleine entwickelt mehr Offensivdrang als unser kompletter Sturm samt Mittelfeld zusammen.

Macci
10
13.7.2010, 10:20

Wo steht wie der berechnet wird?Hab es schon einmal auf Goal.com gelesen kann mich aber nicht mehr erinnern und finde es nicht mehr.
Weil Iniesta auf 26 und Xavi auf 52 ist finde ich aussagekräftig für diese Statistik. Ohne Xavi würde gar nix gehen in Spanien bzw. Barcelona (für Clubs gibts das Ranking ja auch) und Iniesta war einer der besten wenn nicht sogar der Beste Spieler dieses Turniers. Da kann Ramos nicht mithalten. Obwohl auch er ein Wahnsinn ist aber sicher nicht den Stellenwert eines Iniesta oder sogar Xavi im Team hat.

Austro-Spanier0
01
13.7.2010, 23:36
Sie vergleichen Äpfel mit Birnen

Lassen sie einmal Xavi auf dem Posten von Sergio Ramos auflaufen, ein Debakel wäre sicher. Vergleiche von verschiedenen Spielertypen die noch dazu auf verschiedenen Positionen spielen, sind genau so sinnlos wie ihr Kommentar.

MiNeum71
 
00
13.7.2010, 13:07

*
a) auf http://de.castrolfootball.com/index/wha... lindex.php oder http://en.wikipedia.org/wiki/Cast... ance_Index
*
b) kein Fachmann nimmt ein solches Bewertungssystem ernst
*

jaja1010
11
12.7.2010, 22:48
und

die Idee, dass TiciTaca eigentlich eine Defensivvariante ist, ist "Wödklasse". Das gleiche Ball herumgeschiebe hat man vor knapp 30 Jahren "Schande von ...". Aber genug mit Pseudo-Humor.

jaja1010
01
12.7.2010, 22:43
Bin begeistert

Lange, lange ist es her, dass ich auf den illustren Standard-Seiten solch eine ernsthaft geführte, und damit höchst interessante Posting-Diskussion lesen durfte. Ein bisschen weniger Pseudo-Humor und Bissigkeit und schon macht diese "posterei" richtig Sinn. Gratuliere und herzlichen Dank

Woyt'sa Vadshn?
11
13.7.2010, 10:39
Stehen Sie auf der Standard-Lohnliste?

Was soll die Beweihräucherung?

Was Sie hier lesen, ist das, was nach der Zensur noch übrig bleibt!

jaja1010
01
13.7.2010, 17:19
?????

Was hat das bitte mit Beweihräucherung zu tun, wenn eine gehaltvolle Diskussion Freude bereitet, und das dann auch schreibt????

callanish
00
12.7.2010, 20:33
Also wenn 2/3 der Spanier schon 50 gemeinsame Spiele diese Saison in den Beinen haben,

dann sollte man das wohl auch am Platz sehen. :)

Macci
00
13.7.2010, 10:22

Naja 7 Spieler von Barcelona in der Startformation (ohne Villa, der zählt da noch zu Valencia) sagt schon einiges aus über Eingespieltheit. Das ist ein Riesenvorteil von Spanien den sie genützt haben.

En Sabah Nur - Apocalypse
02
13.7.2010, 08:49

Deswegen bringt es nichts wenn sich unser Nationalteam 4 Tage vor dem Spiel trifft, das ist zuwenig. Kann man nur auf die Prödl-Arnautovic Achse hoffen, sonst gibts da niemanden mehr miteinander spielt. Und Wallner Leitgeb gehören maximal auf die Ersatzbank.

divis
 
105
12.7.2010, 18:52
Das hört man zwar nicht gern: Aber Tiqui-Taca ist zuvorderst ein Defensivkonzept, und zwar ein höchst diffiziles, sehr effektives und enorm erfolgreiches. Einzeltaktisch gesehen liegt es am entgegengelegen Ende des Spektrums von Catenaccio,...

...aber von der fußballphilosophischen Seite betrachtet verfolgt es dasselbe Ziel: das wichtigste ist, den Gegner nicht zum Torerfolg kommen zu lassen.

1. dem Gegner wird der Ball so lange es geht vorenthalten

2. fast noch wichtiger: das Team steht immer extrem kompakt, nie übers Feld gedehnt, selbst wenn der Ball in der gegnerischen Hälfte verlorengeht, waren die Spanier immer in einer exzellenten Position für Pressing.

Die spanischen 1:0 - Siege sind damit nur folgerichtig, denn als Offensivkonzept ist Tiqui-Taca, wie man schon mehrmals beobachten konnte, durchaus mangelhaft. Wieviele Tore haben die Spanier bei dieser WM tatsächlich durch geduldiges Aufbauspiel rund um den gegnerischen Strafraum erzielt? Eines, gegen Portugal.

La Saeta Rubia
21
13.7.2010, 14:52
Tiqui-Taca ist zuvorderst ein Defensivkonzept

Aha schon wieder ein Experte der seine Kenntnissse wahrscheinlich aus dem Internet, aber nicht aus Stadionbesuchen entnimmt und man merkt es auch.
Obwohl es nur Freundschaftsspiele waren, fragen sie einmal die Österreicher oder die Polen, ob tiqui taca ein Defensivkonzept ist. Darf ich si nur kurz an die Resultate erinnern? Österreich wurde in Wien mit 5:1 zerlegt und Polen vor Kurzem sogar mit 6:0!

Macci
11
13.7.2010, 10:26

So ein Schwachsinn. Tici Taca kommt von Barcelona und die haben vorletzte Saison diese Taktik perfekt umgesetzt, alles gewonnen und haben in einer Saison weit über 100 Tore erzählt. Manche Gegner wurden auseinander genommen (Madrid 6:2, usw) selbst diese Saison Arsenal daheim 4:0 mit deinem Defensivkonzept. Das Problem ist Chelsea/Inter Taktik die sich hinten reinstellen und auf den Konter hoffen. Dieses Problem hat Spanien und auch Barcelona das bei der Spielweiße kein Gegner mehr auf Angriff spielt. Mit den Spielern die Spanien und Barcelona haben kein Wunder.

kufd
11
13.7.2010, 11:48

Man muss die Argumentation nicht teilen, deshalb ist sie noch lange kein Schwachsinn sondern enthält meiner Meinung nach schon einen wahren Kern.
Vor allem im Spiel gegen Deutschland konnte man mehrmals sehen, dass den Spaniern Ballbesitz wichtiger ist als auf eine mögliche Torchance zu "spekulieren", da wurde in einer Situation am gegnerischen Strafraum sogar zum eigenen Tormann zurück gepasst um dann den Angriff neu auf zu bauen.
Es gab auch genügend Beispiele wo nach einem öffnenden Pass die Aktion nicht mit vollem Risiko ausgespielt wurde sondern bewusst verzögert wurde um nur ja nicht bei einem Ballverlust dem Gegner die Möglichkeit zu einem kontrollierten Aufbau zu geben.

chuck.u.farley
01
13.7.2010, 09:57

wie kann etwas ein "defensiv konzept" sein wenn man im ballbesitz ist?! wenn man tief in der eigenen hälfte verteidigt und mit 2-3 schnellen spielern kontern will, ist dass dann ein offensiv konzept???

und wenn ein team im ballbesitz ist, muss das andere zwangsläufig verteidigen, und das ist also der defensiv ansatz? najaaaaaaaa...

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