Coup von Sabine Haag: Das renommierte Büro HGMerz aus Stuttgart übernimmt die Gestaltung
Wien - Das letzte Jahr dürfte für Sabine Haag, die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, kein leichtes gewesen sein. Doch sie verstand es, die Intrigen ihrer Widersacher abzuwehren. Sie drehte sogar den Spieß um - und verpflichtete das renommierte Büro HG Merz Architekten in Stuttgart mit der Gestaltung der Kunstkammer. Bestätigen wollte sie dies dem Standard vorerst nicht: Sie gibt ihre Pläne erst heute, Dienstag, in einer Pressekonferenz bekannt.
Seit 2002 ist die Kunstkammer, zuletzt 1979 neu eingerichtet, geschlossen. Wilfried Seipel, der damalige Generaldirektor, übertrug die Neukonzeption nicht dem Leiter der Kunstkammer, sondern dessen Mitarbeiterin, der Elfenbeinspezialistin Sabine Haag. Wirklich frei in der Entscheidungsfindung dürfte sie allerdings nicht gewesen sein: Wilfried Seipel beauftragte den Architekten Hans Hoffer, von dem die theatralische Inszenierung der 2005 wiedereröffneten Antikensammlung stammt, mit der Gestaltung.
Im Frühjahr 2008 suchte Kulturministerin Claudia Schmied einen Nachfolger für Seipel, dessen Vertrag mit Jahresende auslief. Beim Durchblättern einer Presse-Beilage über das KHM stieß sie auf einen ausführlichen Beitrag über das damals schon fertige Konzept für die Kunstkammer und den Namen Sabine Haag: 3000 Objekte sollten auf 2700 Quadratmetern präsentiert werden, Hoffer wollte jedem der insgesamt 13 Säle und neun Kabinette eine eigene Identität geben. Als Jahr der Wiedereröffnung wurde 2010 angegeben.
Auch wenn Sabine Haag nicht dem Anforderungsprofil der Ausschreibung entsprach und kaum in der Lage schien, mit zierlichen Schuhen in die mächtigen Fußstapfen von Seipel treten zu können: Schmied bestellte sie im Juni 2008 zur Chefin und versprach - mündlich - die dringend benötigten 18 Millionen Euro für die Kunstkammer.
Doch dann hieß es Warten aufs Geld. Obwohl das Konzept von Sabine Haag für die Kunstkammer bekannt und wohl auch Teil der Entscheidungsgrundlage für deren Designierung war, bestand Michael Franz, der Leiter der Kultursektion, im Herbst 2009 auf einer Evaluierung. Im KHM empfand man die Vorgangsweise als "Einmischung" : Gerüchteweise soll man im Ministerium Fehler im Konzept und gröbere Einsparungspotenziale erhofft haben. Im KHM sprach man von einem "Affront" gegenüber Haag. Wenig später hieß es, dass deren Konzept vom Architekturbüro HG Merz "in der Luft zerrissen worden" sei.
Es dürfte der Plan bestanden haben, Haag und ihren Mitarbeitern das Projekt zu entziehen. Doch die Generaldirektorin reagierte blitzschnell: Sie nahm Kontakt mit dem Stuttgarter Ausstellungsgestalter auf. Dessen Kritikpunkte stellten sich, anders als kommuniziert, als sehr harmlos heraus.
Von der Kreativität des Architekturbüros, das u. a. das Porsche-Museum, das grandiose Ruhr Museum in Essen und das Zeppelin Museum gestaltete, war Haag sogleich angetan: Sie beendete die Zusammenarbeit mit Hans Hoffer, die aufgrund divergierender ästhetischer Ansätze nicht friktionsfrei gewesen war, befreite sich also vom Seipel-Erbe - und verpflichtete HG Merz. Sehr zupass dürfte ihr der Umstand gekommen sein, dass mit Hoffer kein Vertrag abgeschlossen worden war.
Zudem holte sie Dieter Bogner, den international tätigen Museumsberater, mit ins Boot: Er brachte seine Ideen hinsichtlich Didaktik und neue Medien ein, die Sabine Haag, dreifache Mutter, ursprünglich für nicht so wichtig erachtet hatte. Denn ihrer Ansicht nach soll man sich die Objekte anschauen - und nicht am Computerterminal herumspielen.
Mitte März gab Schmied die Finanzierungszusage bekannt. Statt 2010, wie einst geplant, soll die Kunstkammer nun Ende 2012 wiedereröffnet werden.
Haag werden aber noch weitere Kämpfe bevorstehen: Zu ihren hausinternen Widersachern wird Paul Frey, der kaufmännische Direktor gezählt. Dessen Vertrag endet im Frühjahr 2012. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 13.07.2010)