Rudi Roubinek, Sandra Kindermann, Tanja Duhovich und Gitta Saxx haben auf Events eine Rolle zu spielen - "Aber" sagen dürfen sie aber nicht
Ich habe keine Ahnung, ob irgendein Maturant Rudi Roubinek bewusst wahrgenommen hat. Und bei Sandra Kindermann bin ich ziemlich sicher, dass kein Jugendlicher in Side wusste, wer da auf der Liege oder im Pool nebenan herumlag: „Das war damals lustig - aber sonst nix", erklärte mir die Miss Vienna aus 2008, als ich zugab keinen blassen Schimmer zu haben, wer sie ist.
Kindermann, Roubinek und ich verbrachten eineinhalb Tage im Havana-Club, der Chillout-Zone von Dietmar Tunkels Massenmaturareise „Summersplash" in der Türkei. Roubinek - bekannter als Kaiser Roberts Seyfenstein- und Kindermann waren Teil des ViP-Aufputzes den zu solchen Events mitgenommene TV-Crews brauchen, um Geschichten für jene Formate fertigen zu können, bei denen die Frage „warum eigentlich?" als Störung des Konzeptes gilt.
Beruf: Testimonial
Klar könnten Chili (hier in Side) oder Life & Pink (zwei Wochen zuvor in Antalya bei „X-Jam") einfach feiernde Teenies abfilmen und den jeweiligen Stargast (hier: David Guetta, dort Beth Ditto) die Großartigkeit des Auftraggebers loben lassen - bloß: Society-TV funktioniert so nicht. Schon lange nicht mehr. Das Volk will von bekannten, eingeführten Gesichtern hören, dass das, was die bekannten, eingeführten Gesichter hier gerade erleben, sensationell und großartig ist. Also sorgt jeder Eventveranstalter dafür, dass bekannte und eingeführte Gesichter da sind. Punkt.
Denn auch wenn es nett ist, wenn tausende Kids in einer gebrandeten Umgebung die Namen von Versicherungen, Handyherstellern, Mobilfunkern oder Ketten als Präfix zu „Strand", „Bühne" oder „Bar" verwenden: glücklich sind Sponsoren erst, wenn ihre Logos hinter bekannten und eingeführten Gesichtern stehen, wenn diese erzählen, wie super hier alles ist. Und auch wenn es den Kids vor Ort gar nicht auffiel, wer da mitgekommen war und obwohl etliche Promis die für sie abgezäunten Bereiche kaum verließen, sieht das in der Berichterstattung anders aus.
Ein Tag am Meer
Rudi Roubinek etwa war genau einen Tag bei Summersplash. Aber in der ORF-Berichterstattung wird das anders gewirkt haben. Auch Sandra Kindermann und der Beachvolleyballer Oliver Stamm hatten fast Null Kontakt mit den Kids - stehen aber medial als Testimonials für die ganze Reise da.
Stamm gleich doppelt: Er war zwei Wochen zuvor bei „X-Jam" - und lachte mit „Jahrhundertplaymate" Gitta Saxx und Ex-Miss-Austria Tanja Duhovich unter anderem aus einer mehrseitigen Reportage des Seitenblicke-Magazins: Die Kids machten auch dort - optisch - bloß den Aufputz zur Geschichte über die (vom Publikum angenommene und daher nicht in Frage zu stellende) kollektive Dauerparty eines ganzen Abschlussjahrganges. Beziehungsweise der Hälfte aller Absolventen 2010.
Dass sich darüber trefflich lästern lässt, ist auch klar. Und nachvollziehbar. Schließlich stimmt alles, was die Daheimgebliebenen über den perpetuierten hormonellen Ausnahmezustand der Frischreifen zu wissen vermeinen. Besser: Es stimmt auch.
Bloß: Mit Rudi Roubinek am/im Pool zu liegen und zu seufzen, dass die eigenen Maturareisen zu schottischen Schlössern oder anderen kulturell-elterlich herzeigbaren Orten geführt haben, ist nur ein Teil der Wahrheit. Die lässt sich sogar in eine neckische Alte-Säcke-am-Strand-schauen-jungen-Mädchen-nach-Geschichte einbauen.
Eventuell passt hier auch noch die neidig-kulturpessimistische Conclusio, dass auch die anderen alten Säcke seufzend einräumen, dass es eben Fakt ist, dass Kids sich nach der Matura die Kante geben, rein.
Sogar wenn dann ein Marketingleiter (und Vater einer bald Siebzehnjährigen) sagt, das es für ihn ein Horror sei, sich genau vorzustellen, wie hier gefeiert wird, passt das noch in die „die wollen nur f**ken"-Geschichten-Erwartungshaltung. Nur Papas Nachsatz fliegt dann raus: Dass es ihm allemal lieber ist, seine Tochter hat hier - abgeschottet von der Außenwelt, bewacht von heimischen Securities, betreut von österreichischen Ärzten und benebelt von aus Österreich mitgebrachten (und gestreckten) Sponsorgetränken - die „Party ihres Lebens". Denn die Alternativ-Horrorvision, dass das Fräulein Tochter mit vier Freundinnen ebenso zugedröhnt in Mallorca oder Ibiza in der Nacht am Strand abhängen und eine Gruppe betrunkener deutscher oder britischer Mit-Dreißiger daherkommen könnte, geht nicht auf Sendung. Nie.
Schlicht und einfach, weil so ein „aber" nicht in Adabei- oder Partyberichterstattung passt. Darum sagt so was auch kein als Party-Promi eingeführtes, bekanntes Gesicht. Nicht im „On": Promis werden mitgenommen, um klare Juhu-Botschaften zu vermitteln. Denn eines geht gar nicht: Durch relativierende Aussagen aus der ViP-Rolle zu fallen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 12. Juli 2010)