In der Brigittenau, seit jeher von der SPÖ regiert, macht sich Widerstand gegen ein Islamzentrum breit
Vielen ist es wahrscheinlich gar nicht bewusst, aber lebt man in der Brigittenau kann man sich einen Insel-Bewohner nennen. Gemeinsam mit dem zweiten Bezirk, der Leopoldstadt, bildet der 20. Bezirk eine Insel, begrenzt von Donaukanal und Donau.
Die Brigittenau war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil der Leopoldstadt. Erst 1900 wurde sie als eigenständiger Bezirk gegründet.
Jüdische Vergangenheit
Den 2. und 20. Bezirk verbindet auch die jüdische Vergangenheit und Kultur. Der auch als "Mazzesinsel" bezeichnete Stadtteil war eine beliebte Wohnadresse für nach Wien zugewanderte Juden. Von rund 200.000 in Wien lebenden Juden waren 1923 rund 17.500 in der Brigittenau ansässig. Zum damaligen Zeitpunkt waren das 18 Prozent der Bezirksbevölkerung.
Nur in der Leopoldstadt, am Alsergrund und der Inneren Stadt gab es einen höheren Anteil an jüdischer Bevölkerung. Vor allem der Bereich zwischen Wallensteinplatz und Donaukanal, die sogenannte "Alt-Brigittenau", war geprägt vom jüdischen Leben. Es gab zahlreiche Geschäfte, Kaffeehäuser, Gewerbebetriebe, die von Juden geführt wurden. Bis 1938, als vom 20. Bezirk aus die Deportation der Juden begonnen hat.
Große Synagoge völlig zerstört
Im Gegensatz zur Leopoldstadt wurde nach dem Ende des zweiten Weltkrieges jedoch nicht das traditionelle Jüdische wieder aufgebaut. Und das, obwohl viele Juden das Bild der Brigittenau geprägt hatten.
Vor dem zweiten Weltkrieg stand in der Kluckygasse eine der größten Synagogen der Stadt. Sie wurde in den Jahren 1899/1900 nach Plänen von Jakob Gartner errichtet und während der Novemberpogrome 1938 zerstört. Später wurde an der Stelle ein Wohnhaus erbaut. Seit dem 10. November 2008 erinnert eine Gedenktafel an die ehemals größte Synagoge in der Brigittenau.
Hoher Ausländeranteil
Der Bezirk steht für Multi-Kulti. Der Ausländeranteil lag 2009 mit 27,1 Prozent klar über dem Wiener Schnitt (20,1 Prozent). Den höchsten Anteil an Zuwanderern stellen die Staatsbürger aus Serbien und Montenegro, gefolgt von den Türken, Polen, Bosniern und Kroaten.
Auffällig in der Brigittenau ist auch der niedrige Altersschnitt. Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt bei 39,8 Jahren, der Wien-Schnitt bei 41,0.
Konsumtempel an der Donau
Für die junge Bevölkerung - nicht nur der Brigittenau, sondern auch jener aus den anderen Bezirken - wurde im Jahr 2000 der Konsumtempel "Millennium City" mit dem 171 Meter hohen "Millennium Tower" an der Donau erbaut. Damals handelte es sich dabei um das vierthöchste Gebäude Europas. Die Millenniumscity beinhaltet ein Kino, viele Geschäfte, Lokale und auch Büros.
Rote Brigittenau
Regiert wird die Brigittenau seit jeher von der SPÖ. Und meistens regierte die SPÖ mit einer absoluten Mehrheit.
Erst einmal gelang es der FPÖ, die Absolute Mehrheit der Roten zu brechen. Und zwar 1996, als die FPÖ 31 Prozent der Stimmen erreichte. In den Folgejahren eroberte die SPÖ die Stimmen allerdings wieder zurück. Bei der letzten Wien-Wahl im Jahr 2005 kam die SPÖ auf 56,6 Prozent, die FPÖ auf 16,6 Prozent. Die Grünen landeten mit 12,2 Prozent auf Platz drei, noch vor der ÖVP, die auf 11,5 Prozent der Stimmen kam.
Bezirksvorsteher ist seit 2008 Hannes Derfler (SPÖ). Der gelernte Industriekaufmann ist seit 1995 SPÖ-Bezirksrat, wurde dann stellvertretender Bezirksparteivorsitzender und 2004 Bezirksvorsteher-Stellvertreter. Die Bezirkschefs von FPÖ, Grünen und ÖVP heißen Gerhard Haslinger, Ruth Dögl und Wolfgang Aigner.
Widerstand gegen Islamzentrum
Schlagzeilen machte die Brigittenau in den vergangenen Jahren mit einer Bürgerinitiative, die gegen ein Islamzentrum in der Dammstraße kämpft. Die "Bürgerinitiative Dammstraße" erhält Unterstützung von FPÖ-Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache. Das seit 1996 bestehende Islamzentrum beinhaltet Seminar- und Gebetsräume und soll um drei Etagen aufgestockt werden, wo etwa Büros, Wohnungen und ein Kindergarten einziehen werden. Dagegen macht sich Widerstand breit.
Mehrere Demoaufrufe - wo dann hunderte Teilnehmer aufmarschierten - hatte auch die Wiener FPÖ unterstützt.
Straßenbahn statt Autobus
Die Grünen engagieren sich im Bezirk unter anderem für einen Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes. Sie haben kürzlich ihre Kampagne für die Wiedereinführung der Straßenbahnlinie 11 gestartet. Diese solle die "ständig überfüllte" Buslinie 11A vom Stadion bis zum Friedrich-Engels-Platz in den Bezirken Brigittenau und Leopoldstadt ersetzen.
Dieser Plan wurde aber sogleich von der SPÖ abgeschmettert. Bezirksvorsteher Derfler kritisierte "nicht durchdachte, undurchführbare Phantasien". Die SPÖ habe ohnehin schon Verbesserungen herbeigeführt: Die Linie 11A wird ab Oktober zum Teil durch die Linie 11B ergänzt. Derfler warf den Grünen "Ideenlosigkeit" vor, und dass sie "nach den vielen Schlagzeilen über das Chaos in ihrer Partei wohl dringend Sympathiepunkte sammeln wollen." (rwh, derStandard.at, 13.7.2010)
Infos zum Bezirk:
Wahlberechtigte: 51.200 (Stand 2005)
Bezirksvorsteher: Hannes Derfler (SPÖ)
Bezirksvertretung: SPÖ 31, FPÖ 9, ÖVP 6, Grüne 6