Lasst Webb in Ruhe, bekehrt die FIFA

12. Juli 2010, 14:04
541 Postings

Das umstrittene Finale als logische Fortsetzung des längst von Fehlpfiffen geprägten Fußballs - Technologie muss her - ein Kommentar

Die Schiedsrichterleistungen im Fußball lassen nicht erst seit der Weltmeisterschaft in Südafrika keinen Zweifel darüber offen, dass technische Hilfsmittel im Spitzenfußball längst überfällig sind. Der Kick in den internationalen Bewerben und Top-Ligen erreicht längst ein Tempo, das dem menschlichen Auge keine fehlerfreien 90 Minuten ermöglicht.

Die Schiedsrichter sind dabei das schwächste Glied der Kette. Die schlecht bezahlten Amateure müssen am Feld die Weigerung der FIFA ausbaden, ihnen angemessen unter die Arme zu greifen. Würde einer von Ihnen sich mit seiner Meinung über technische Hilfsmittel gegen den Weltverband stellen, es gäbe genügend Ersatzpersonal für die nächste Großveranstaltung.

Natürlich treffen die Herren in Schwarz auch ganz normale, menschliche Fehlentscheidungen, erwischen auch schlechte Tage, können sich manchmal nicht aus der Verantwortung nehmen. Aber das gehört zur unvermeidbaren Menschlichkeit des Fußballs. Die meisten Vorfälle bei der WM hätten jedoch mit einem Videobeweis (und würde er auch nur für Schlüsselszenen wie Ausschlüsse und Tore verwendet) verhindert werden können. Man denke an das Tor für England gegen Deutschland, den Abseitstreffer von Tevez gegen Mexiko oder das nichtgegebene Tor der USA gegen Slowenien.

Das umstrittene Finale

Dass dann auch das Finale nicht ohne strittige Entscheidungen geblieben ist, ist konsequent. Vier mögliche Rote Karten (Van Bommel hätte bei zwei Gelegenheiten unter die Dusche geschickt werden können, De Jong dieses Spiel nicht ohne Ausschluss beenden dürfen, Robben blieb nach Ballwegschießen dank des Schiri-Fingerspitzengefühls verschont) blieben den Niederländern teilweise schon früh im Spiel erspart, zwei weitere standen später auch für die Spanier zur Diskussion (als Iniesta die permanente Treterei zu viel wurde und er sich mit einer „leichten" Tätlichkeit revanchierte und als der letzte Mann Puyol im Laufduell mit Robben etwas exzessiv klammerte).

Dass ein englischer Schiedsrichter generell einen etwas ruppigeren Fußball durchgehen lässt, das wusste die FIFA schon vor dem Spiel. Das lässt für die viel feiner spielenden Spanier die Möglichkeit offen, sich über die Schiedsrichterbesetzung zu beschweren - und auch mit den ausbleibenden Ausschlüssen zu hadern.

Dass aber ausgerechnet die oft nah an der Brutalität agierenden Niederländer dem vergleichsweise jungen Howard Webb die Schuld an ihrer verdienten Niederlage in die Schuhe schieben wollen, ist angesichts dieser Schonung dieser großen Fußballnation nicht würdig. Nicht nur die Oranje-Medien, selbst De Jong(!) hatte - trotz seiner vom Ausschluss verschonten Kung Fu-Einlage(!) gegen Alonso - die Nerven, einen nicht gegebenen Eckball kurz vor dem Gegentor breitzutreten.

Zu milde, aber gar nicht schlecht

Es ist nicht zu leugnen. Webbs Leitung war bei zwei oder drei einzelnen Entscheidungen zu milde - trotz einer Rekordflut an Karten (zwölf Gelbe, eine Gelb-Rote). Bei den anderen lag die Entscheidung durchaus im Ermessensspielraum des Schiedsrichters. Übersehen wurde alles in allem nicht viel - fast allen Regelwidrigkeiten folgten Pfiffe und Karten - nur entschied Webb in der Bestrafung etwas anders, als jene es gerne gesehen hätten, die im Gegensatz zu ihm unzählige Perspektiven und Zeitlupen zur Verfügung haben. Der englische Polizist - der sich immer vorbildlich bemüht, Spiele nicht zu zerpfeifen, im Hintergrund zu bleiben und eher nochmal mit Spielern zu sprechen, anstatt sie gleich in sein Büchlein einzutragen - hätte im Finale Rot früher auspacken müssen. Immerhin pfiff er aber in einer für ihn unglaublich schwierigen Partie ein konstantes Match und blieb stets berechenbar.

Das wird von einem Referee gefordert. Obwohl das oft sinnvoll erscheinen würde, ein Unparteiischer darf gar keine Karten verteilen, um ein Spiel zu lenken. Er ist zur Überwachung der Regeln da, nicht um ein Spiel zu prägen. Er muss Fouls so ahnden, wie er sie im Einzelfall sieht.

Seine Hand voll Fehler wird ihm den ein oder anderen Schlaf rauben, wie man ihn aus der Schiedsrichter-TV-Dokumentation von der Europameisterschaft 2008 kennt. Die Empörung über die WM-Probleme sollte aber nicht an den Schiedsrichtern ausgelassen werden, sondern den Verantwortlichen bei der FIFA Kopfzerbrechen bereiten. Ihre Verweigerung vor der Moderne schafft seit Jahren verzerrte Turnier- und Liga-Ergebnisse. Die nächste Großveranstaltung sollte nicht mehr ohne technische Hilfsmittel stattfinden. (tsc, derStandard.at, 12.7.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Unverschämte Holländer beschweren sich über den sie sicher nicht benachteiligenden Webb

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.