Wissenschaftsministerin Karl hielt eine Vorlesung an der Kinderuni - Fragen zur Unipolitik musste sie ausnahmsweise keine beantworten
Vorlesungsbeginn
am Campus der Uni Wien. Ein Mädchen kontrolliert den Inhalt ihres rosaroten
Rucksacks mit Prinzessinnen-Aufdruck: Bleistift, Radiergummi und Block sind
ordnungsgemäß eingepackt und bereit für den Vortrag. Einige Studenten
versichern sich noch bei ihren Eltern, ob sie nach der Vorlesung auch wirklich
abgeholt werden. Einer nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner
Spongebob-Trinkflasche.
„Ich glaub, die ist Politikerin“
Die Uni gehört ab heute für zwei Wochen nämlich den Kleinen. In der „Kinderuni Wien“ können
sie das Studieren ausprobieren – ganz ohne Studiengebühren und mit einem gratis
T-Shirt bei Inskription. Heute erwarten die Kinder einen besonderen Gast, der eine
Vorlesung zum Thema „Alles, was Recht ist“ halten wird. Den großen Auflauf von
Presse und Fotografen können sich allerdings nur die Wenigsten erklären. „Ich
glaub, die ist Politikerin“, vermutet eine. Sie hat Recht. Denn Vortragende ist
heute Wissenschaftsministerin Beatrix Karl. Erfahrung als Dozentin hat sie, denn
sie unterrichtete nach ihrem Rechtswissenschafts-Studium an der Uni Graz.
Wie Gesetze entstehen
Die etwa 50 Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren haben inzwischen Platz genommen und
warten auf den Beginn der Vorlesung. Sara
kennt das bereits. Die 11-Jährige war immerhin schon letztes Jahr
probestudieren. Aber eigentlich will sie später gar nicht richtig studieren,
erklärt sie. „Ich will eigentlich viel lieber Schauspielerin werden.“ Ministerin
Karl kennt auch sie nicht. Trotzdem freut sie sich auf die Vorlesung und hat
auch schon einige Fragen vorbereitet. Möglichkeiten, Fragen zu stellen, gibt es
während des Vortrags der Ministerin genug. Immerhin ist das Themengebiet der
Vorlesung komplex, es geht um Gesetze und wie diese in Österreich entstehen.
„Schule schließen“
Der Vortrag beginnt. Karl trägt, genau wie die meisten ihrer Zuhörer, das rote Shirt der
Kinderuni. Nach der Eingangsfrage, ob denn alle das Match gestern gesehen
hätten, hat sie die Aufmerksamkeit der Kinder auf ihrer Seite. Ein paar Mädchen schreiben emsig mit, die
meisten der mitgebrachten Notizblöcke bleiben allerdings leer. Denn hier ist
Interaktion gefragt. Eine Abstimmung im Nationalrat wird nachgestellt.
„Worüber
soll abgestimmt werden?“, fragt Karl. Ein Bub antwortet: „Dass die Schule für
immer geschlossen werden soll!“. Einige springen sofort begeistert auf. Damit wäre das Gesetz eigentlich angenommen, allerdings
zeigt sich Karl mit dem Gesetzesvorschlag unglücklich. Es kommt zu einer gütlichen Einigung über einen
späteren Schulbeginn anstelle einer kompletten Abschaffung der Schulpflicht. Die
Neo-Parlamentarier sind auch damit zufrieden.
Dringliche Anfragen
Im Laufe der Vorlesung dürfen sie immer wieder Fragen stellen, die Ministerin versucht
redlich auch die kniffligsten („Warum darf mein Nachbar Sträucher über der Grundstücksgrenze aufstellen?“) zu beantworten. Die Vorlesung dauert eine Stunde, dann dürfen sich die zukünftigen Studenten von
der Ministerin persönlich einen Stempel für ihren Kinderuni-Pass holen. Die
Meinungen über die Qualität der Vorlesung sind geteilt. Sara hat es gut
gefallen, der siebenjährige Gregor hingegen fand es „ur fad.“ (Julia Hold, derStandard.at, 12.7.2010)