LSD zum Lunch

13. Juli 2010, 15:12
  • Das Thaicurry in der "Spiegel"-Kantine. Die Kantine sieht deutlich besser aus.
    foto: fidler

    Das Thaicurry in der "Spiegel"-Kantine. Die Kantine sieht deutlich besser aus.

  • Das kann man auch vom Ofenkartoffel mit Avocadodip sagen.
    foto: fidler

    Das kann man auch vom Ofenkartoffel mit Avocadodip sagen.

  • Ergebt Euch den Farben (Ihr habt eh keine Chance gegen sie)!
    foto: fidler

    Ergebt Euch den Farben (Ihr habt eh keine Chance gegen sie)!

  • Nochmal in größer: Die Decke! Die Lampen!
    foto: fidler

    Nochmal in größer: Die Decke! Die Lampen!

  • Zum Espresso wird's wirklich wild: Die Kaffeebar.
    foto: fidler

    Zum Espresso wird's wirklich wild: Die Kaffeebar.

  • Und noch einmal schräger die Espresso-Bar. Nein, ich bekomm kein Honorar pro Bild. Wär' auch echt übertrieben.
    foto: fidler

    Und noch einmal schräger die Espresso-Bar. Nein, ich bekomm kein Honorar pro Bild. Wär' auch echt übertrieben.

Medienkantinen im Test: Alles so schön bunt hier - Harald Fidler interveniert sich in die jedenfalls optisch legendäre "Spiegel"-Kantine

Es war nicht das erste Mal, aber jetzt pressierte es, darüber zu schreiben: Schon stehen die zwei gewaltigen Tortenecken, die von der Ericusspitze spitzeln, wenn auch nach erstem Augenschein mit recht popeligen Fenstern. 

Psychedelischer Pausenraum

Das heißt: Die legendäre "Spiegel"-Kantine von Verner Panton aus 1969, unten am ersten "Spiegel"-Hochhaus in Hamburg steht nicht mehr lange so. Zwar vermuten meine Tischgenossen in dem psychedelischen Pausenraum, dass das irre Interieur mit übersiedelt in die angeblich dreistöckige Kombüse in der neuen Hafencity. Aber Kinder, so original bunt kommen wir nicht mehr zusammen, das kann ich schon mal sagen.

So muss sich LSD zum Lunch anfühlen, jedenfalls optisch. Auf die Gefahr, dass ein ansatzweise Farbverwirrter von  Buntheit berichtet: Drei Räume mit wilder Pyramidendecke, in orange, rot und violett, und ebensolchen Wänden und dann auch noch einer knubbeligen Kaffeebar, die diese Töne zusammenführt und noch ein paar weitere dazumischt. Der Espresso wirkt nur, wie er auch anderswo wirkt, wenngleich er anständig gebraut ist, soviel kann ich auch sagen.

Sterne sehen

Meine Informantin verrät mir: Alfred Freeman kocht hier, früher Sternekoch, heute immerhin laut Verkostung von ichweißnichtwem die zweitbeste Kantine Deutschlands, nach einem Offizierscasino. Das legt die Latte natürlich hoch. Ich könnte natürlich auch a la carte wählen, aber das dauert, und ich will ja essen wie ein kleiner "Spiegel"-Redakteur. Naja, "Spiegel"-Redakteure sind natürlich immer groß. Also sagen wir: Wie ein "Spiegel"-Dokumentaristinnen-Azubi. Oder ein "Spiegel Online"-Programmierhelfer. Oder eine "Spiegel TV"-Reisemagazinbastelpraktikantin. Egal, ich schweife ab.

Griechisches Nein

Thai-Nudeln mit Scampi und Huhn, Gemüse, Kokos-Currysauce mit 2.900 Kilojoule? Immerhin Fisch und Fleisch. Gebratener Fetakäse auf Blattspinat mit Tatsiki und Fladenbrot mit 2.400 Kilojoule? Damit könnte ich die Vegetarierin würdig vertreten, aber griechisches Essen steht mir ferner als fernöstliches, eines meiner zahllosen Vorurteile, vermute ich. Und noch einmal fleischlos, Freitag ist: Bratkartoffel mit scharfem Avocado-Dip und Rohkostsalaten hat auch 2.400 Kilojoule? Firmiert unter Mittags-Salat, sieht aber gewaltig aus (meine Informantin schafft den Gewalterdäpfel nicht, hab trotzdem nicht gekostet).

Blauer Stern Brandstwiete

Warum bleib ich eigentlich nicht bis zum Abend im bunten Wahnsinn? Da gäbe es Rindsroulade mit Rotweinsauce und dazu den schönen Hinweis: "*Bei der Zubereitung wird Alkohol verwendet". Herr Freeman will offenbar keine Klagen von (durchwegs großen, also gefährlichen) "Spiegel"-Redakteuren gewärtigen, die bei der Schlussproduktion wegen der Rotweinsauce einen geheimen Akt übersehen. Freitagabendmenü in der Kantine? Ja, wir arbeiten für ein Montagsmagazin! Also, wir, naja: Ich esse bei einem Montagsmagazin, die anderen arbeiten hier vermutlich.

Alkoholismus und Journalismus werden oft in einem Atemzug genannt - beim "Spiegel" gibt es nicht erst am Freitagabend gefährliche Saucen: Pina-Colada-Creme, das Dessert zum Thaicurry mit weiteren 800 Kilojoule, trägt auch den warndenden Stern. Blauer Stern Brandstwiete, quasi. Wir nehmen Trauben zum Dessert, unvergoren, danke, wir müssen ja noch arbeiten.

Hier wird serviert

Was haben gewählt an den zwei Touchscreens? Genau: Das potenziell Proteinhaltigste, also Nudeln mit Scampi und Huhn. Für die etwas verdorrt wirkende Oberfläche der zwei Huhn-Stücke hätte ich keine Sterne verliehen, aber darunter definitiv saftig. Die Scampi kann ich bei dem bunten Ambiente relativ gefahrlos vom Spieß pulen, solange ich sie in irgendeine andere Richtung als mein weißes Hemd zupple. Ich beflecke auch keine "Spiegel"-Mitarbeiter, nein. Machen wir's kurz: Keine Offenbarung, aber schwer okay, und zudem nicht schwer, fällt mir überrascht am Nachmittag auf. Respekt, nicht in jeder Kantine selbstverständlich.

Gut, in Herrn Bruggers von mir jedenfalls nicht überschätztem XO isst man ein bisschen origineller Asia-Fastfood. Aber: In der Spiegel-Jausenstation wird mit unvergleichlichem Charme serviert, schön für eine Kantine. Aber 2: Hier wird man - mit echtem Erholungs-Ernst - genötigt, das Mobiltelefon auszuschalten, ein wirklich vernünftiger Mittagspausenbrauch, vielleicht nicht für "Spiegel Online", aber definitiv gesund. Respekt! Aber 3: Verner-Panton-Optik unvergleichlich. Aber 4: knappe fünf Euro, halt gestützt, und nur für "Spiegel"-Mitarbeiter und ihre Mitesser sind auch noch deutlich günstiger als vieles vergleichbar Vernünftige. Herr Müller von Blumencron, Herr Mascolo, Herr Ditz, brauchen Sie vielleicht noch einen Dilettanten? Ach was, ich will auch diesmal nicht nach Hamburg.

Mahlzeit, Mälzer

Das liegt nicht ursächlich an meinen Erfahrungen mit Herrn Mälzer und auch nicht an der Klimaanlage im Wasserturm. Aber das ist eine andere Geschichte. Bleiben Sie dran.

Medienkantinen bisher:

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

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18 Postings
Wow

zum Glück große weiße Teller - sonst sieht man sein Essen ja gar nicht mehr.
Aber prinzipiell eine sehr, sehr nette Umgebung für eine Kantine. Ich kann mir vorstellen, daß das lahme, fade Essen, daß ich mit solchen Lokalitäten verbinde, da ein bisschen aufgepeppt wird - Auge ißt mit und so.

Sehr schön deutsch geschrieben - zuppeln und pulen ;-D

so sehr ich verner panton mag - aber in einer kantine schon ein hammer.
fragt sich inwieweit architektur die tatsächlich gekochten speisen beeinflusst - wär eine dissertation wert :-) in dem ambiente müsst man wohl acht was auf den teller kommt - oder ists eh egal wegen der wandfarben?

ps.: hatte auch mal eine küche mit orangen fronten, kaum zu glauben!

Verner Panton hätte man ruhig auch erwähnen können.

schmecks
00
19.7.2010, 17:42

Sie meinen, ein drittes Mal? Wäre durchaus noch drin gewesen, stimmt. Also hier, für Sie, die dritte Erwähnung nach den zweien im Text, die ich jetzt beim schnellen Überfliegen entdeckt hab:
Verner Panton.
Besten Gruß, Harald Fidler

Verzeihung! Aber ich habe jetzt tatsächlich die Suchfunktion gebraucht, um Panton unter dem Mittagspausenbrauch zu finden. Eindeutig mein Fehler. Ttrotzdem freue mich, dass er da ist!

Dass Sie in einem von Ihnen selbst verfassten Text schon beim schnellen Überfliegen ein gesuchtes Stichwort finden, beeindruckt mich allerdings wirklich. Respekt!

schmecks
00
28.7.2010, 11:31

naja, ich lern die texte ja nicht auswändig. und nicht nur manch userin und user finden sie zum vergessen, das tut mein gedächtnis ganz automatisch.
besten gruß,
fid

Satzfehler

Ja, ja, ich bekommEN auch kein Honorar; gegen SIE, die Farben, habe ich ebenfalls keine Chance, auch wenn ich es IN größer schreibe … traurig, dass der Standard auf korrekte Schreibweise auch keinen Wert mehr legt …

schmecks
00
19.7.2010, 17:45

aber umso erfreulicher, dass userinnen und user zwischen DER STANDARD (Zeitung) und derStandard.at (Online) und dann noch womöglich einem rasch notierten, laut eigendefinition dilettantischen essblog (derStandard.at/Schmecks) unterscheiden können.
aber danke für die hinweise, die bildunterschriften korrigiere ich jetzt endlich.
besten gruß,
fid

einer der wenigen gruende publizistik zu studieren...

schmecks
00
19.7.2010, 17:43

rechtschreibung ist eines der vielen dinge, die man dort nicht lernt, kann ich aus eigener und aus vielfacher praktikantenerfahrung sagen.
besten gruß,
harald fidler

vorschlag zur überwindung von vorbehalten gegen fernöstliches: meister xiao in 1180 aufsuchen, hot pot bestellen, kutteln reinwerfen - und wenige minuten später weiß man, das gott in frankreich nur zur fastenzeit lebt.

schmecks
00
19.7.2010, 17:40

nahm ich mir schon seit unzeiten vor. wird schon noch. hat der einen garten?

besten gruß,
fid

ich weiß nicht, was

verwirrter ist / macht: die Einrichtung oder die Story...

wieso schreiben sie denn ueberall die kJ dazu? Viel haben die portionen doch eh nicht.

ich seh farben...

Zum interieur lässt sich nur eines sagen:

O_o

Man kann schon zwei Worte sagen: Jason King!

"gott oh göttchen!"

oder auch andere zwei worte: "die zwei".

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