Die WM hat ein neues Bild von Afrika gemalt in dem es nicht bloß das Armenhaus ist, sondern ein Kontinent auf Augenhöhe
Johannesburg/Wien – Wahrscheinlich war es das erste Mal, dass das Pathos, zu dem hohe und höchste Sportfunktionäre halt zuweilen neigen, nicht ganz so hohl klang wie sonst. Denn die 19. Fußball-Weltmeisterschaft war tatsächlich bei weitem mehr als ein Turnier zur Ermittlung der weltbesten Fußballmannschaft. Hier stand ein ganzer Kontinent auf dem Prüfstand. Und hat sich dabei, das wird man wohl sagen dürfen, auf geradezu glänzende Weise bewährt.
Nicht nur, aber eben auch im Maßstab der Unken. Was hatte man im Vorfeld nicht alles befürchtet in Europa! Südafrika aber hat eine WM abgewickelt, die in ihrer weitgehenden Klaglosigkeit beinahe ihresgleichen sucht. Über Hooligans – das nur so en passant – ist nicht einmal geredet worden.
"Yes, we can"
Es war das erste Mal in der Geschichte, dass Afrika nicht als ewiger Sozialhilfeempfänger der Welt wahrgenommen wurde. Sondern als deren umsichtiger Gastgeber, als hervorragender Organisator. Niemand in der Welt wird noch sagen können, die Afrikaner könnten das nicht. Pravin Gordhan, der südafrikanische Finanzminister, ruft deshalb mit einigem Recht des US-Präsidenten Mantra: "Yes, we can!"
Das ist – und so wird das in Südafrika auch wahrgenommen – mehr wert als der sportliche Erfolg. Wo könnte man das besser nachvollziehen als in Österreich, wo man den Südafrikanern ja vorgehüpft ist, dass ein Aus in der Vorgruppe keineswegs auf die Feierlaune drücken muss.
Vor vier Jahren feierten die Deutschen das emotionale Gelingen ihrer Wiedervereinigung. Um wie viel komplexer war und ist dies in Südafrika, 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid. Nicht ohne Grund sagt Danny Jordan, der Chef des Organisationskomitees: "Von diesem neuen Südafrika haben wir geträumt, als Nelson Mandela vor 20 Jahren das Gefängnis verlassen hat. Im Jahr 2010 ist es Wirklichkeit geworden, das ist etwas ganz Besonderes."
Soziale und ökonomische Probleme löst der Fußball klarerweise nicht. Aber mit seiner Hilfe kann sich doch so was wie Zuversicht etablieren. Beim Viertelfinale zwischen Ghana und Uruguay waren, wiederum, die weißen Südafrikaner überrepräsentiert auf den Tribünen. Aber auch oder gerade sie haben sich mit großer Selbstverständlichkeit die ghanaischen Farben ins Gesicht gemalt. Mehr als ein Fingerzeig ist das wohl nicht. Aber der eben schon.
Klar, jetzt, nach dem Turnier, sind wieder die Gröscherlreiter unterwegs. Denn des Finanzministers Rechnung, die vier Milliarden Euro Investment werden als eine schwarze Null in Südafrika bleiben können, wird sich bald als jene Illusion entpuppen, der alle bisherigen Turnierveranstalter aufgesessen sind.
Finanziell unmittelbar profitieren wird, wie immer, der Welt-Fußballverband Fifa. Die Einnahmen belaufen sich auf drei Milliarden Dollar, übrigbleiben wird, so schätzt man, ein neunstelliger Millionenbetrag.
Joseph Blatter, der Fifa-Chef, hat die afrikanische WM gegen viele Widerstände durchgesetzt und so ein Wahlversprechen aus dem Jahr 1998 eingelöst. Jetzt darf der 74-Jährige mit Zufriedenheit bilanzieren. Und tut das auf seine Art: "Es war eine wundervolle WM. Der Präsident ist zufrieden." Jetzt verspricht er, die südafrikanische Bewerbung für Olympia 2020 zu unterstützen.
Kein einziges Land in Europa, so sagt es der Präsident, "verfügt über solch gute Arenen wie Südafrika, kein einziges" . Das hat schon zu einigem Orakeln Anlass gegeben. Es wird bezweifelt, dass die meisten der zehn Stadien in Zukunft sinnvoll genutzt werden können. Aber zu solchen Orakeln muss ein österreichischer Journalist schweigen.
Die eigentliche Arbeit sieht OK-Chef Jordaan sowieso in der Zukunft. Die WM habe nur den Grundstein gelegt: "Die Menschen haben gesagt bekommen, dass sie minderwertig sind. Sie sind mit gesenkten Köpfen gegangen. Jetzt haben wir gelernt, aufrecht zu gehen." (SID/wei, Der Standard Printausgabe 12.07.2010)