WM-Bilanz

Der Fußball und der aufrechte Gang

11. Juli 2010, 17:21

Die WM hat ein neues Bild von Afrika gemalt in dem es nicht bloß das Armenhaus ist, sondern ein Kontinent auf Augenhöhe

Johannesburg/Wien – Wahrscheinlich war es das erste Mal, dass das Pathos, zu dem hohe und höchste Sportfunktionäre halt zuweilen neigen, nicht ganz so hohl klang wie sonst. Denn die 19. Fußball-Weltmeisterschaft war tatsächlich bei weitem mehr als ein Turnier zur Ermittlung der weltbesten Fußballmannschaft. Hier stand ein ganzer Kontinent auf dem Prüfstand. Und hat sich dabei, das wird man wohl sagen dürfen, auf geradezu glänzende Weise bewährt.

Nicht nur, aber eben auch im Maßstab der Unken. Was hatte man im Vorfeld nicht alles befürchtet in Europa! Südafrika aber hat eine WM abgewickelt, die in ihrer weitgehenden Klaglosigkeit beinahe ihresgleichen sucht. Über Hooligans – das nur so en passant – ist nicht einmal geredet worden.

"Yes, we can" 

Es war das erste Mal in der Geschichte, dass Afrika nicht als ewiger Sozialhilfeempfänger der Welt wahrgenommen wurde. Sondern als deren umsichtiger Gastgeber, als hervorragender Organisator. Niemand in der Welt wird noch sagen können, die Afrikaner könnten das nicht. Pravin Gordhan, der südafrikanische Finanzminister, ruft deshalb mit einigem Recht des US-Präsidenten Mantra: "Yes, we can!"

Das ist – und so wird das in Südafrika auch wahrgenommen – mehr wert als der sportliche Erfolg. Wo könnte man das besser nachvollziehen als in Österreich, wo man den Südafrikanern ja vorgehüpft ist, dass ein Aus in der Vorgruppe keineswegs auf die Feierlaune drücken muss.

Vor vier Jahren feierten die Deutschen das emotionale Gelingen ihrer Wiedervereinigung. Um wie viel komplexer war und ist dies in Südafrika, 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid. Nicht ohne Grund sagt Danny Jordan, der Chef des Organisationskomitees: "Von diesem neuen Südafrika haben wir geträumt, als Nelson Mandela vor 20 Jahren das Gefängnis verlassen hat. Im Jahr 2010 ist es Wirklichkeit geworden, das ist etwas ganz Besonderes."

Soziale und ökonomische Probleme löst der Fußball klarerweise nicht. Aber mit seiner Hilfe kann sich doch so was wie Zuversicht etablieren. Beim Viertelfinale zwischen Ghana und Uruguay waren, wiederum, die weißen Südafrikaner überrepräsentiert auf den Tribünen. Aber auch oder gerade sie haben sich mit großer Selbstverständlichkeit die ghanaischen Farben ins Gesicht gemalt. Mehr als ein Fingerzeig ist das wohl nicht. Aber der eben schon.

Klar, jetzt, nach dem Turnier, sind wieder die Gröscherlreiter unterwegs. Denn des Finanzministers Rechnung, die vier Milliarden Euro Investment werden als eine schwarze Null in Südafrika bleiben können, wird sich bald als jene Illusion entpuppen, der alle bisherigen Turnierveranstalter aufgesessen sind.

Finanziell unmittelbar profitieren wird, wie immer, der Welt-Fußballverband Fifa. Die Einnahmen belaufen sich auf drei Milliarden Dollar, übrigbleiben wird, so schätzt man, ein neunstelliger Millionenbetrag.

Joseph Blatter, der Fifa-Chef, hat die afrikanische WM gegen viele Widerstände durchgesetzt und so ein Wahlversprechen aus dem Jahr 1998 eingelöst. Jetzt darf der 74-Jährige mit Zufriedenheit bilanzieren. Und tut das auf seine Art: "Es war eine wundervolle WM. Der Präsident ist zufrieden."  Jetzt verspricht er, die südafrikanische Bewerbung für Olympia 2020 zu unterstützen.

Kein einziges Land in Europa, so sagt es der Präsident, "verfügt über solch gute Arenen wie Südafrika, kein einziges" . Das hat schon zu einigem Orakeln Anlass gegeben. Es wird bezweifelt, dass die meisten der zehn Stadien in Zukunft sinnvoll genutzt werden können. Aber zu solchen Orakeln muss ein österreichischer Journalist schweigen.

Die eigentliche Arbeit sieht OK-Chef Jordaan sowieso in der Zukunft. Die WM habe nur den Grundstein gelegt: "Die Menschen haben gesagt bekommen, dass sie minderwertig sind. Sie sind mit gesenkten Köpfen gegangen. Jetzt haben wir gelernt, aufrecht zu gehen."  (SID/wei, Der Standard Printausgabe 12.07.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 42
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Alf von Melmak
 
00
15.8.2010, 23:40
Hier stand ein ganzer Kontinent auf dem Prüfstand. Und hat sich dabei, das wird man wohl sagen dürfen, auf geradezu glänzende Weise bewährt

Das stimmt zwar, aber halt doch nur teilweise!

Eine wirkliche Änderung im Afrika-Bild der restlichen Welt wird es erst erzeugen, wenn ein ähnliches Ergebnis von irgendeinem anderen Land auf dem Kontinent hervorgebracht werden wird.

Südafrika ist - zumindest in der Vorstellung der meisten Menschen - eben KEIN repräsentativer Vertreter für Afrika als Kontinent.

2010sdafrika
00
21.7.2010, 20:24
Mandelas WM-Projekt ein Erfolg!

Am letzten Sonntag ist Mandela nun 92 Jahre alt geworden - hierfür Happy Birthday! Er ist ein bedeutender Mann gewesen, auch im Hinblick auf den WM-Zuschlag. Jedoch hat der ANC längst eigene Wertvorstellungen von einem demokratischen Südafrika angenommen; eine Abkehr von Mandelas Visionen, der zurzeit mit Krankheit und Altersschwäche zu kämpfen hat. Ich empfehle folgende Analyse zu Mandelas Leben:
http://2010sdafrika.wordpress.com/2010/07/2... n-mandela/

LausKnopfDreck
00
13.7.2010, 13:23
Der Fußball und das österreichische Gesudere

Wenn man sich die österreichischen Kommentatoren anhört spielen nur mehr noch Stürmer die keine Tore schießen und Verteidiger die Tore verursachen.
Natürlich sitzen die Zuschauer eines nichtteilnehmenden Landes in der Loge wie Statler & Waldorf bei der Muppetshow und lästern genüsslich... aber die offiziellen Sprecher sollten Profis sein und das Match nicht zu einem Sündenbock-Suchspiel umfunktionieren. Übertragungen mit dem Flair einer Notariatsbeglaubigung machen keinen Spaß!

'gunners'
00
12.7.2010, 22:14
;((

wird ganz schön schwer, sich wieder daran zu gewöhnen, dass nicht jeden Tag ein spannendes Match läuft :(((((

Siktir Git
10
12.7.2010, 17:15
Gott sei Dank ist der Spuk wieder vorbei!

4 Wochen Terror-Tröten, für viele stand das Leben still, alle hatten nur Fußball-Sorgen, die Menschheit wurde in Trance versetzt! Hunger, Armut, Ölkatastrophe, neue Gesetzte hinter den Kullisen, verkaufte sich alles wie geschnitten Brot!

Ausgeflippter Lodenfreak
00
12.7.2010, 17:10

Die WM war sehr gut organisiert und ist ohne die befürchteten Zwischenfälle abgelaufen, das ist der positive Aspekt. Negativ ist, dass es nur wenig echte Fußballstimmung gab. Südafrika ist nun einmal keine Fußballnation und hat nicht genug echte Fans. Tröten und halbleere Stadien werden wir zum Glück in Brasilien nicht hören und sehen.

Woyt'sa Vadshn?
01
12.7.2010, 16:55
Es war das erste Mal in der Geschichte, dass Afrika nicht als ewiger Sozialhilfeempfänger der Welt wahrgenommen wurde

Ja, und zwar deshalb, weil man vorsorglich, damit CocaCola, McDonalds und Konsorten in den Fanzonen ungestört den gesamten Profit dieser WM abstauben können, die Elendsquartiere, die im TV sichtbar gewesen wären, mit dem Bagger geschleift hat, und zwar OHNE Ersatzunterkünfte zur Verfügung zu stellen. Die Bewohner wurden einfach in 'Camps' zwangsbeherbergt. Man könnte auch sagen: Konzentrationslager.

Ich empfehle hierzu die Lektüre von...
http://antieviction.org.za/

charley franchini
01
12.7.2010, 13:10

der einzige sieger heisst blatter. seinen wahlerfolgen ist doch seit jahrzehnten alles untergeordnet. zugegeben, die fifa glaenzt durch kontinuitaet. eben auch durch kontinuierliche intransparenz, latenten machtmissbrauch und durchaus auch korruption.

Funker Hornsby
01
12.7.2010, 12:36

"Die Einnahmen belaufen sich auf drei Milliarden Dollar, übrigbleiben wird, so schätzt man, ein neunstelliger Millionenbetrag"

Ein neunstelliger Millionenbetrag... Also das wären dann mind. 100.000.000.000.000,-- Nicht schlecht.

boa vista
10
13.7.2010, 09:18

ist es wirklich zuviel verlangt, bis neun zu zählen?

Funker Hornsby
01
13.7.2010, 12:23

Offensichtlich. Erklären sie mir doch den Unterschied zwischen:

- neunstelliger Millionenbetrag
- neunstelliger Betrag
- dreistelliger Millionenbetrag

Flo Dan
10
12.7.2010, 14:33

5 nullen zuviel die geschriebene summe waeren 100 milliarden, aber is auch so viel geld die millionen

Funker Hornsby
01
12.7.2010, 19:42

Also die von mir geschriebene Summe sind 100.000 Milliarden. So ist das mit den neunstelligen Millionenbeträgen. Das sind halt sechsstellige Milliardenbeträge. Anzunehmender Weise war ein neunstelliger Betrag gemeint - daher sechs Nullen zu viel.

So. Genug kluggeschissen.

mike sierra
11
12.7.2010, 12:05

Allen, die hier herumsudern, ins Stammbuch:
Südafrika hat ohne Probleme ein Großereignis abgewickelt.

Und das im Gegensatz zu vielen Kassandra-Rufen:
.hohe Kriminalität -> nicht zu bemerken
.chaotisch -> einzig die vielen Kleinflugzeuge der VIPs störten beim Anflug der WM-Fans
...

rank7
00
12.7.2010, 13:19

vielleicht ist´s aber (auch) andersrum, und es hat ein Großereignis Südafrika um den Finger gewickelt ...

Butterbrotstreichman
11
12.7.2010, 11:52

Halbleere Stadien, eine Geräuschkulisse wie im Irrenhaus, viele Spiele zum Vergessen, blinde Schiedsrichter, 5 Jahre Häfn für Tickethandel, Minusgrade... eine Traum WM war das.

Magic Wand
 
00
12.7.2010, 11:29
"... übrigbleiben wird [...] ein neunstelliger Millionenbetrag"

also, DAS scheint mir jetzt doch etwas zu optimistisch zu sein ...

Systemrelevante Ausländerin
06
12.7.2010, 08:43
die wm war derart glanz- und afrika frei

dass sie hätte von überall gesendet werden können ... nur die vuvus haben daran erinnert wo die wm stattfindet :-)

woidviadla
00
12.7.2010, 16:53
mag sein, aber...

soll nicht Fußball überall gleich ablaufen?
Was kann man im Fernsehbild viel anderes zeigen, als das Spiel?
Lokalkolorit war vor Ort sicher eher zu spüren.
Die Fans im Stadion waren nicht globalisiert.
Hätten lokale Bandensponsoren für sie gereicht, um dem ganzen mehr Südafrika-Gewicht zu geben?
Haben sie sich die Vor- und Lokalberichterstattung auch angesehen?

Wieviel Anspruch an die Wirklichkeit kann man verlangen, wenn man 2 Stunden lang auf der Couch sitzt und in ein Kastl starrt?

So gesehen, gottseidank gabs die vuvus! Und die Welt diskutierte intensivst über dieses Lokalspezifikum!

deiml
01
12.7.2010, 03:22

stimme den meisten postings zu.
es war klar dass die wm kein wirtschaftlicher erfolg für die rsa werden würde, dazu ist die fifa zu gierig. das weiß man aber auch nicht erst seit heute.

gesellschaftlich betrachtet würd ich das aber eventuell anders sehen. hab irgendwo gelesen dass dieses monat das friedlichste (i.s.v. kriminalitätsrate am niedrigsten) seit dem ende der apartheit gewesen sein soll. wenn das stimmt hats vielleicht schon was gebracht. wenn die menschen sagen "he warum ist es eigentlich nicht immer so" kann die wm sehr wohl bleibenden eindruck hinterlassen.

im grunde muss man aber sagen dass es objektiv keinen sinn macht eine wm, em oder olympische spiele zu veranstalten. fifa, uefa, ioc... dort sind die gauner zuhause.

Woyt'sa Vadshn?
00
12.7.2010, 16:57
dieses monat das friedlichste (i.s.v. kriminalitätsrate am niedrigsten) seit dem ende der apartheit

Es war auch das Monat mit der höchsten Polizeipräsenz! Ab heute sieht alles wieder ganz anders aus ...

DerRadler
00
12.7.2010, 14:43

"hab irgendwo gelesen dass dieses monat das friedlichste (i.s.v. kriminalitätsrate am niedrigsten) seit dem ende der apartheit gewesen sein soll."

Dir ist aber schon klar, dass es wahrscheinlich auch der Monat mit der höchsten Polizeipräsenz war?

deiml
00
12.7.2010, 16:16

ja, und?

wenn das gefährlichste land der erde dadurch sicherer geworden ist, war die polizeipräsenz bis dato zu gering.

polizeipräsenz ist ja nichts schlechtes solange sich der lange arm des gesetzes auch tatsächlich an eben jene hällt.

DerRadler
00
12.7.2010, 16:26

Naja, das Problem ist ja, dass die zusätzlichen Polizisten wieder abgezogen werden. Geht dann also wieder genau so weiter, wie vorher. Befürchte ich.

Ziegen Käse
01
12.7.2010, 01:37

ich halte nichts davon die fifa zu heiligen. sie hatten eine vision und haben diese mit allen mitteln durchgezogen. doch auf südafrika haben sie eigentlich geschissen. nun haben diese 10 stadien die zumeist nicht gebraucht werden (und das ist nicht die einzige kritik)...es war eine schöne wm, doch der krampf mit dem das perfekte bild durchgezogen worden ist, darf nicht blenden.....

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